In der Bibel heißt es: „Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen durch Gleichnisse? Er antwortete und sprach: Euch ist es gegeben, dass ihr das Geheimnis des Himmelreichs verstehet; diesen aber ist es nicht gegeben.“ So steht es im Matthäus-Evangelium (13,11). Jesus antwortete nicht nur. Jesus sprach nicht nur. Nein, Jesus tat sogar beides! Und das in allen Evangelien immer wieder: Er antwortete und sprach.

Eduard sagte, Charlotte versetzte

Goethe fasst sich kürzer. In seinen „Wahlverwandtschaften“ wird etwas gesagt und gut ist. Eduard, der reiche Baron, unterhält sich mit Charlotte, seiner Frau, die ihn an der Mooshütte im Garten empfängt. Da sagt Eduard: „‘Die Hütte scheint mir etwas zu eng.‘ ‚Für uns beide doch geräumig genug‘, versetzte Charlotte. ‚Nun freilich‘, sagte Eduard, ‚für einen dritten ist wohl auch noch Platz.‘ ‚Warum nicht?‘, versetzte Charlotte.“ Eduard „sagt“, Charlotte antwortet, beziehungsweise „versetzt“, wie Goethe schreibt.

Böll und Seethaler lieben es einfach

Auch Heinrich Böll macht keine Umstände, wenn es um die Beschreibung einer wörtlichen Rede geht. In „Billard um halb zehn“ finden sich Dialogpassagen, in denen es immer wieder dicht hintereinander heißt: „sagte er“. Dasselbe gilt für den zeitgenössischen Autor Robert Seethaler, wenn er Gespräche unter den Protagonisten seines Romans „Der Trafikant“ beschreibt.

So lernt man‘s im Deutschunterricht

Nun wissen wir aber aus der Aufsatzlehre im Deutschunterricht, dass man doch starke Verben nehmen möge und nicht immer dieselben.

Also wird gemeint, erklärt, ausgeführt, betont, geraten, verraten, beobachtet, taxiert, gekontert, bemerkt, eingewendet, ausgerufen, ergänzt, zu Bedenken gegeben, klargestellt. Immer seltener wird auch etwas einfach nur gesagt. Gegen diesen Hang, die Formulierung „sagt er“ oder „sagte sie“ zu vermeiden, ist nicht viel einzuwenden, auch wenn diese Ersatzverben die Sache stilistisch oft nicht besser machen. Aber solange sich ein Verb eindeutig auf die Sprechhandlung bezieht, mag das noch angehen.

Sprachliche Abwege

Das ist aber bisweilen gar nicht mehr der Fall. Da heißt es zum Beispiel in einem dieses Jahr erschienen Wirtschaftskrimi: „‘Du kannst jetzt schon mal endgültig aufwachen. Wir sind gleich da‘, versucht er mich zu wecken.“ Oder: „‘Nein‘, versuche ich vorsichtig, einen Schlussstrich zu ziehen.“ Oder: „‘Nehmen wir für den Abschied noch ein paar Schuhe mit?‘, will ich mich mit ihm abstimmen.“

Auch in der Zeitung zu finden

Auch Zeitungsredakteure sind nicht frei von solch seltsamen Kombinationen. Da habe ich gelesen: „‘Die Themen Energie und Ökologie werden von Beginn an mitgedacht und mitgeplant‘, weiß er um die Chancen, die sich so bieten.“ Oder: „‘Eine florierende Wirtschaft ist das Fundament für eine gute Entwicklung‘, führt er das Kleine und das ganz Große zusammen.“

Neue Bibelübersetzung

Aber vielleicht habe ich da eine Sprachentwicklung verpasst. Vielleicht brauchen wir eine neue Bibelübersetzung, die da in Matthäus 13,11 lautet: „‘Euch ist es gegeben, dass ihr das Geheimnis des Himmelreichs verstehet; diesen aber ist es nicht gegeben‘, machte er deutlich, dass er seine Jünger für schlauer hielt, als das gemeine Volk.“