Für eine Minute zeigt sich der Künstler. Er richtet ein freundliches „Thank you“ (Danke) an das fünfköpfige Kuratoren-Team, lässt noch einige Fotos zu und verschwindet hinter einer Tür: Bruce Naumann, einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit, im Schaulager Basel der Laurenz-Stiftung. Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass sein Werk in seiner medialen Breite präsentiert wurde. Um es zeigen zu können, ist das Schaulager eine Kooperation mit dem Museum of Modern Art New York eingegangen. 170 Werke Naumans füllen den Parcours, der sich über zwei Stockwerke erstreckt. 50 Museen und Galerien lieferten Leihgaben, 20 Arbeiten hat die Stiftung beigetragen. Es ist eine große, ja großartige Ausstellung. Ihr scheinbar einziger Makel: der minimalistische Auftritt des Künstlers. Aber das passt trotzdem.

Nauman gilt als schüchtern. Und er ist ein Meister des Verschwindens. In seinem in 50 Jahren entstandenen Werk – Videos, Zeichnungen, Grafiken, Fotografien, Skulpturen, Sound- und Neon-Arbeiten sowie raumgreifende Installationen –, entdeckt Chefkuratorin Kathy Halbreich Muster, das dem Vorwurf widerspricht, Naumans Vorgehensweise läge kein einheitliches Prinzip zugrunde. „Tatsächlich bilden die vielfältigen Erscheinungsweisen des Verschwindens einen roten Faden in Naumans Schaffen“, so Halbreich. „Sie weckten und fesselten seine emotionale, intellektuelle und formale Aufmerksamkeit von seinen letzten Studienjahren bis heute.“ Nicht zuletzt deswegen titelt sie die Retrospektive „Disappearing Acts“, Akte des Verschwindens.

Kunst, die nicht wie Kunst aussieht

Da ist was dran. Über seine ersten Neon-Arbeiten sagt Nauman, dass er Kunst machen wollte, die „gewissermaßen verschwinden würde – eine Kunst, die gar nicht unbedingt wie Kunst aussehen sollte“. Als er sich in den 1970er- und 1980er-Jahren mit dem Medium beschäftigte, gehörten Neonröhren nicht zu den klassischen künstlerischen Werkstoffen. Nauman, der sich früh von der Malerei lossagte, war hier Pionier, ebenso wie bei anderen verwendeten kunstfremden Materialien wie Wachs, Gips, Gummi oder Glasfaser.

Die Neonröhren hat er von der Werbung geklaut. Er nutzt das Medium, um die trügerischen Verheißungen flüchtigen Konsums mit eigenen politisch und gesellschaftskritisch aufgeladenen Inhalten zu unterwandern. Zum Beispiel „One Hundred Live And Die“ (Hundert leben und sterben, 1984), eine seiner größten Neon-Arbeiten. In rhythmischer Abfolge leuchten 100 Ansagen wie auf einer Anzeigetafel auf und erlöschen wieder. „Live and die, live and live, sing and die, sing and live“ (leben und sterben, leben und leben, singen und sterben, singen und leben) pulsiert da etwa als Kommando. Am Ende eines Durchlaufs erscheinen alle Wort-Paare gleichzeitig als blendende Farbwand. Hoffnung und Verzweiflung teilen sich die Farbpalette. Erschreckend schön.

In einer seiner frühesten Neon-Arbeiten, der Textspirale „The True Artist Helps The World By Revealing Mystic Thruths“ (Der wahre Künstler hilft der Welt durch das Enthüllen mystischer Wahrheiten, 1967) hinterfragt er sein Handeln und die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers, aber auch das Potenzial der Kunst. Dem hier vorgeführten Optimismus tritt Nauman kein Jahrzehnt später skeptischer gegenüber. Kunst, zumal Anti-Kunst wie seine, bedeutet kein Glücksversprechen, sie bringt keinen Trost, wie es sich noch die Kunst der Moderne erhoffte. Sein rätselhaftes Werk, das um Motive wie Gewalt, Sex oder Tod kreist, kommt „aus der Enttäuschung über die conditio humana“, die Natur des Menschen. Aus Enttäuschung über das 20. Jahrhundert, das so viel Grauen brachte.

Umgang mit Tieren wird zum Thema

In der Ausstellung gibt es Werke, die diese Enttäuschung und Angst an die Betrachter weiterleiten. In der Installation „Hanging Carousel (George Skins A Fox)“ (Hänge-Karussell – George häutet einen Fuchs, 1988) lässt Nauman Tierkörper kreisen, genauer gesagt die Formen, die Präparatoren als Ersatz für Fleisch und Knochen benutzen, um Felle darüber zu ziehen. Nur als Rumpf wirken die Körper wie ein Alptraum. An anderer Stelle verarbeitet er Tier-Skulpturen zu Pyramiden („Model For Animal Pyramid II“, 1989) oder lässt in einem Akt der Zähmung Koyote, Hirsch, Luchs und Bär im Kreis laufen. Unser Umgang mit Tieren wird hier zu einem zum Himmel schreienden Thema.

Irritation oder Schock ist bei Nauman kein Selbstzweck. Der Künstler will auch existenzielle Fragen verhandeln, dazu gehört latente Verunsicherung. In den „Corridor Installations“ der 1970er-Jahre lädt er zu mitunter klaustrophobischen Erfahrungen ein. Einige Korridore sind so schmal, dass sie nicht betreten werden können, andere werden mit Kamera und Monitor überwacht, sodass der Besucher dem eigenen Bild (nicht ohne Schrecken) begegnet. Aber auch Nauman selbst, der seit Beginn seiner Künstler-Karriere seinen Körper als Objekt einsetzt – in Zeiten, in denen es ihm finanziell nicht gut ging, war diese Form des Selbstporträts die billigste Lösung – sucht immer wieder diese Raumerfahrung. In „Walk With Contrapposto“ (Gehen mit Gegensatz, 1968) bewegt er sich im Wechsel von Stand- und Spielbein; es ist die Pose, in der Bildhauer seit der Antike menschliche Figuren darstellen. Und in „Slow Angel Walk“ (Langsamer Engelsgang, 1968) verwandelt er Samuel Becketts Existenzialismus in einen übertriebenen Tanzschritt. In einer neueren Arbeit wiederholt er seine „Contrapposto“-Perfomance mit Mitteln von heute, 3-D-Brille inklusive.

Bruce Nauman betreibt Kunst wie ein Experiment. Nicht alle Werke sind rational erklärbar, nicht alle umwerfend. Auch dazu hat er sich in seiner ureigenen Symbolsprache geäußert. Während er sich in der Fotografie „Self Portrait As A Fountain“ (Selbstportät als Brunnen, 1966) und in der Zeichnung „Myself As A Marble Fountain“ (Ich als Marmorbrunnen, 1967) als Quell schöpferischer Ideen darstellt, zeigt der Brunnen „Venice Fountains“ (2007) ein verbrauchtes Bild des Künstlers: Aus zwei an der Wand montierten Gips-Abgüssen seines Gesichts sprudelt Wasser in zwei Waschbecken. Zwischen den Arbeiten liegt die Krebserkrankung Naumans.

Die Ausstellung sei „wie fünf Stunden Philosophie-Blockseminar“, sagt ein Besucher über „Disappearing Acts“. Darauf muss man gefasst sein.

Der Künstler und die Ausstellung

Bruce Nauman (76) ist in den USA geboren und aufgewachsen, seit Ende der 1970er-Jahre lebt er in New Mexico auf einer Ranch, wo er Pferde züchtet. Er studierte Mathematik, Musik und Physik, bevor er zur Bildenden Kunst wechselte. 1966 schloss er sein Studium an der University of California ab. Die Liste seiner Ausstellungen ist lang. Nauman nahm unter anderem fünf Mal an der documenta teil und ist regelmäßig an der Biennale in Venedig beteiligt. Die Ausstellung "Bruce Nauman: Disppearing Acts" ist bis zum 26. August 2018 im Schaulager Basel zu sehen, geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und Donnerstag von 10 bis 20 Uhr. Informationen auf www.schaulager.org

Ein kurzer Rundgang durch die Ausstellung: