Früher, in den 1970ern etwa, war Konstanz definitiv keine Rock-‘n‘-Roll-City. Zwar fanden immer wieder mal attraktive Konzerte im Audi-Max der Uni statt, aber – der ideologischen Disposition der damaligen Studentenvertretung gemäß – vorwiegend mit populären Liedermachern (Hannes Wader, Wolf Biermann), chilenischen Exil-Folkgruppen (Quilapayun, Inti-Illimani) oder politisch engagierten deutschen Rockbands (Floh de Cologne). Wer angelsächsische Rockstars wie Led Zeppelin, Deep Purple oder Pink Floyd sehen wollte, musste damals schon nach Zürich fahren oder nach Stuttgart. Ein allererstes Open-Air-Festival in der Konzilstadt im Jahre 1970 hatte als Desaster geendet: Starker Regen verwandelte den Veranstaltungsort Klein Venedig in eine Schlammwüste, und ein Großteil der angekündigten Bands trat überhaupt nicht auf. Hinzu kam die seinerzeit extrem feindselige Stimmung in der Bevölkerung den Rockfans gegenüber – langhaarige „Gammler“ wollte man damals in Konstanz nicht sehen; eine studentische Kultur wie heute existierte ohnehin noch nicht.

Die Zeitenwende wurde in den 1980ern eingeläutet. In der ersten Jahrzehnthälfte etablierte sich der Kulturladen in der ehemaligen Chérisy-Kaserne als Spielstätte für Punk, New Wave, Folk und Underground-Rock aller Art – damals noch im westlichsten der Chérisy-Blöcke (dem ehemaligen französischen Offizierskasino). Insbesondere der kleinen, aber rührigen Konzertagentur „Der Pakt“, die vorwiegend hier ihre Acts präsentierte, war es zu verdanken, dass in den Achtzigern und frühen Neunzigern zahlreiche Größen der angloamerikanischen Indie-Rock-Szene in Konstanz gastierten: die Walkabouts beispielsweise, die Vulgar Boatmen, Souled American.

Um das Open-Air-Pendant hingegen kümmerte sich ab 1985 die heute KoKo & DTK Entertainment GmbH heißende Konzertagentur (damals: Konzertbüro Konstanz). Am 16. Juni 1985 fand das erste Rock am See Festival im Bodenseestadion statt, mit nationalen Stars wie Herbert Grönemeyer, Nina Hagen und den Rodgau Monotones.

Zwei Jahre später konnten die Veranstalter dann schon mit veritablen Weltstars aufwarten: der Woodstock-Legende Santana etwa und den Sixties-Beat-Heroen The Kinks. So erfolgreich entwickelte sich das Festival, dass das Konzertbüro Konstanz es 1989 gar wagte, zwei Veranstaltungen dieser Art anzubieten. Die erste ging im Mai über die Bühne: mit der New-Wave-Kultband The Cure, den Gothic-Pionieren von The Mission, den Toten Hosen (die zu jener Zeit gerade bundesweit durchstarteten) und der isländischen Combo The Sugarcubes (mit der damals blutjungen Sängerin Björk als Frontfrau). Unter vielen Rock am See-Veteranen gilt diese Festivalausgabe noch heute als die beste aller Zeiten. Das zweite Festival im Juli 1989 (mit den Simple Minds als Headliner) ertrank hingegen im berühmt-berüchtigten Konstanzer Dauerregen – was der Qualität der musikalischen Darbietung allerdings keinen Abbruch tat.

Matthew Bellamy und seine Band Muse sind in diesem Jahr Headliner. Was viele nicht mehr wissen: Vor Jahren spielte Muse bereits als Vorband bei Rock am See.
Matthew Bellamy und seine Band Muse sind in diesem Jahr Headliner. Was viele nicht mehr wissen: Vor Jahren spielte Muse bereits als Vorband bei Rock am See. | Bild: Hugo Marie (dpa)

Von da an ging es Schlag auf Schlag: Kaum ein nationaler oder internationaler Rockstar war sich zu schade, einmal hier in der Provinz, in dem landschaftlich extrem reizvoll gelegenen Stadion direkt am See aufzutreten; zu den Konzerthöhepunkten der vergangenen drei Jahrzehnte gehören außer den genannten sicherlich die Gigs von Leonard Cohen (1993), Neil Young (1996), Rammstein (1997), Metallica (2003) und Placebo (2006).

Interessant ist, dass etliche Acts, die zu Beginn ihrer Karriere noch im Vorprogramm des jeweiligen Top-Acts präsentiert wurden, später selbst zum Headliner aufstiegen: die Toten Hosen etwa, Green Day, Muse. Letztere Band wird am kommenden Samstag als Hauptattraktion des diesjährigen Festivals fungieren – zweifellos ein guter Griff des Veranstalters. Aber auch das Vorprogramm der 2016er-Ausgabe lässt sich sehen; unter anderem werden Pete Dohertys Libertines und die Alt-Punker Bad Religion live zu erleben sein. Kein Zweifel: Das Line-up in diesem Jahr ist das attraktivste seit Langem, alles andere als eine volle Hütte wäre deshalb eine große Überraschung.