Auch die Neue Musik wird irgendwann alt. Was die Bilderstürmer in den 50er-Jahren zu Papier brachten, erscheint längst überholt. Ebenso die Debatten und Grabenkämpfe der 70er-Jahre. Die Zeiten ändern sich, mit ihnen auch die Kunst und deren Ästhetik. Das kann man nirgendwo besser verfolgen als auf den zentralen Festivals für Neue Musik – wie den Donaueschinger Musiktagen oder deren urbanem Gegenstück, dem Eclat-Festival in der Landeshauptstadt Stuttgart. Im vergangenen Jahr brach sich die Generation der Millennials, der zwischen 1980 und 2000 Geborenen, beim Eclat-Festival ihre Bahn. Sie trägt ihre Erfahrungen mit den Selbstinszenierungs-Mechanismen der sozialen Netzwerke und generell mit der Verlagerung der Lebenswelt ins Virtuelle in die Kunst hinein. Über die Ergebnisse lässt sich streiten, doch gerade hier wurde die Generationen-Kluft so hör- und sichtbar wie bisher kaum.

Und in diesem Jahr? Scheint davon wenig übrig geblieben zu sein. Keine Konfrontation, keine Kluft weit und breit. Eher eine Aneinanderreihung unterschiedlicher Handschriften, Ästhetiken, Ansätze. Darunter Hörenswertes und Überflüssiges. Wie es halt so ist, wenn 36 Komponisten und Komponistinnen ihre Werke zu einem mehrtägigen Festival zusammentragen. Die klare Linie aber fehlte.

Sicherlich, da war der Frankreich-Schwerpunkt – etwa mit Tristan Murails Zyklus „Portulan“ für acht Musiker (Ensemble l’Itinéraire). Seine klanglich ausdifferenzierte Spektralmusik, die an Debussy und Olivier Messiaen anknüpft, kann man tatsächlich als Referenzpunkt für den französischen Zungenschlag in der Musik begreifen. Auch Georges Aperghis’ augenzwinkerndes Vokalstück „Passwords“ ist mit besonderem Gespür für die Klangqualitäten der Neuen Vocalsolisten geschrieben. Aber es gab natürlich auch ganz andere Ansätze aus französischer Feder. Zum Beispiel das Musiktheater „Anthroposcene“ von Laurent Durupt.

Es erwies sich künstlerisch als eher dünne Angelegenheit, und doch war man dem Komponisten und seinem Team im Nachhinein fast dankbar, weil er sich immerhin einem gesellschaftlich relevanten Thema gewidmet hatte: dem Klimawandel. Allerdings geriet das Stück über weite Strecken viel zu dokumentarisch. Da wurden ein Konferenztisch aufgebaut und lange Zeit Videoaufnahmen von einer Klimaschutz-Konferenz gezeigt. Bewegung kommt erst in das Stück, als die Konferenzteilnehmer auf der Bühne anfangen, ihren Tisch zu zerlegen, durch eine höllisch laute Heckselmaschine zu jagen und so die Feinstaubkonzentration im Stuttgarter Theaterhaus in die Höhe zu treiben. Wer es bis dahin noch nicht geahnt hatte, wusste jetzt: Das Verhältnis von Mensch und Natur ist eins der Gewalt.

Ebenfalls eine Enttäuschung war Raphael Sbrzesnys musiktheatrale Installation „Principal Boy“. Ausgehend von der Anschlagsserie am 13. November 2015 in Paris beschäftigt sich das Stück mit männlichem Heldentum. Allerdings transformiert der Künstler das Thema ins Individuelle – in die Verarbeitung eines Traums, den er nach dem Terroranschlag hatte und in dem er selbst zum Vergewaltigungsopfer wurde. Sein Stück dreht sich nun um die Verbindung von Gewalt und Erotik, freilich in sehr abstrahierter Form. Bespielbare Stahlkorsette stehen da für die Gewalt, Duschgel und reichlich versprühtes Deo für die Erotik. Doch das Potenzial der mit Video-Loops, Skulpturen und Klangmaterial aufwendig eingerichteten Performance bleibt über weite Strecken ungenutzt.

Eine Entwicklung zeigte das Festival dann doch: Die Komponistinnen sind im Anmarsch. Rund die Hälfte der aufgeführten Künstler waren Frauen – und sie lieferten oft sogar die besseren Stücke. Bei der schon lange etablierten Engländerin Rebecca Saunders überrascht das vielleicht nicht – ihr Streichquartett „Unbreathed“ (gespielt vom Quatuor Diotima) ist ein Beispiel für spannungsgeladenes, dramaturgisch stimmiges Komponieren –, aber auch Tomoki Fukuis perkussives „Doublet“ für zwei Klaviere (Klavier-Duo Yukiko Sugawara und Tomoko Hemmi) oder Zeynep Gedizlioglus „Sights Of Now“ ließen aufhorchen. Vor allem aber erwies sich die Cello-Performance mit Séverine Ballon in der Installation von Marianthi Papalexandri-Alexandri als einer der kleinen, stillen, aber umso eindrücklicheren Festival-Höhepunkte. Ballons Cello ist dabei buchstäblich eingespannt: An ihre Saiten sind Fäden geknüpft, die das Cello an eine Skulptur mit Metallscheiben bindet. Wenn Ballon nun spielt, schwingen die Metallscheiben leise mit und erweitern den Cello-Klang in den Raum. Faszinierend.

Und noch etwas bestätigte sich in Stuttgart: Die Neue Musik ist mehr denn je an Durchlässigkeit interessiert oder entwickelt eine neue Lust am Trivialen. In dieser Hinsicht erwies sich das Programm des ensemble ascolta als Gang durch die Genres: Sven-Ingo Kochs „Von der Liebe zur Linie III“ ist der gelungene Versuch, auch mikrotonalen Strukturen erinnerbare Qualitäten zu entlocken, Stefan Kellers „hybrid gaits“ verarbeitet druckvolle Big-Band-Elemente zu einem virtuosen Stück Jazz, und Gordon Kampe dreht in „Schummellümmelleichen“ – unterstützt vom wunderbar schrillen Countertenor Daniel Gloger – die Operette durch den Fleischwolf. Überaus unterhaltsam.

Sogar Helmut Lachenmann, der große Stuttgarter Meister des Geräuschklangs, hat jetzt die Lust am Trivialen entdeckt. Auf dem Festival war die Klavierfassung seines „Marche Fatale“ zu hören, den er für das Staatsorchester Stuttgart geschrieben hatte: Ein siebenminütiger lupenreiner Marsch in Neujahrskonzert-Manier. Anders als bei Kampe wird hier nichts dekonstruiert. Die Brechung liegt bereits in der Tatsache, dass der Komponist Helmut Lachenmann heißt.