Dystopien stehen hoch im Kurs. Sie sind ein probates Mittel, auf heikle Entwicklungen in der Gegenwart zu schauen und Ängste vor der Zukunft auszudrücken. Seit geraumer Zeit wandern diese pessimistischen Entwürfe künftiger Gesellschaften deshalb auch von der Literatur auf die Theaterbühnen.

In Stuttgart waren schon „Schöne neue Welt“ nach dem Roman von Aldous Huxley und „Fahrenheit 451“ nach Ray Bradbury zu sehen. Mit seiner Inszenierung von George Orwells „1984“, die zuvor schon in Düsseldorf gezeigt wurde, verabschiedet sich jetzt der scheidende Theater-Chef Armin Petras aus der Landeshauptstadt.

 

 

Als Orwell 1948 seinen Roman schrieb, hatte er den Zweiten Weltkrieg erlebt und Nationalsozialismus und Stalinismus steckten ihm noch in den Knochen. Das muss man wissen, wenn man seine Sicht auf die Zukunft verstehen will. 40 Jahre vor der Zeit, in der sein Roman spielt, sah er die Dinge kommen. Zweifellos ist es eine Herausforderung, in einem Theaterstück von heute die Welt von Morgen durchscheinen zu lassen. Oder es zumindest in einer Weise zu gestalten, die das Gefühl, die Ängste und die Ungewissheit von einst mit aktuellen Zeichen in die Gegenwart transportiert.

Petras erfüllt im Stuttgarter Schauspielhaus beides nicht. Der dreistündige Abend dröhnt dahin ohne Spannungsbogen. Zu wenig deutlich wird eine mögliche künftige Entwicklung. Aber was ist dann die Absicht von Petras’ Bearbeitung?

Der Regisseur und seine Dramaturgen Bernd Isele und Felicitas Zürcher halten sich nahe an den Roman und zeigen eine künstliche Welt mit Pillen und ausgestopften Tieren. Doch bleiben sie in der Vergangenheit und Gegenwart stecken und lassen ohne eigenen klaren Handlungsstrang und bis auf wenige Ideen die sich bietenden Anknüpfungspunkte ungenutzt in einer Zeit, in der die Realität die Fiktion längst überholt hat. Zu inkonsequent klingen die möglichen Gefahren autonomer Maschinen, mit Rotorlärm Gedanken an Drohnen, mit ornamentlosem Neusprech und neuer Wahrheit die Verarmung des Wortschatzes, Fake News und Gehirnwäsche im Vergleich zur damaligen Gedankenpolizei an sowie eine Geschichte, die als Palimpsest beliebig oft überschrieben werden darf.

Petras macht es sich zu einfach. Der Kontrast zwischen dem einstigen erzwungenen totalitären System der Überwachung auf der einen Seite und der heutigen digitalen Vernetzung, den selbst eingerichteten Plattformen und einer Sicherheit versprechenden und deshalb akzeptierten Aufsicht wird nicht deutlich. Die sich bietende Chance, die möglichen Folgen einer freiwilligen Offenbarung der Persönlichkeit zu kommentieren, bleiben ungenutzt.

Mit Fakten zur Klimaerwärmung und sonstigem Alltag wird das Kernthema der absoluten Kontrolle aufgeweicht. Das zeigt sich auch bei den Bewohnern von Ozeanien in Overalls und Clownskostümen (Annette Riedel) auf düsterer Bühne (Olaf Altmann) ohne Sehnsuchtshimmel, dafür unter sich drohend senkendem schwarzem Zylinder. Mit Ausnahme der für die Fitness der Jugend mit erstaunlicher Beweglichkeit über die Bühne turnenden Kinder und Wolfgang Michalek als intrigantem O’Brien agieren die Darsteller blass und mit wenig Kontur, darunter ein leidenschaftsloser, am Ende wie eine Schmerzensfigur aus einem Francis-Bacon-Gemälde wie alle Alten und Gefolterten über die Rampe staksender Robert Kuchenbuch als Winston Smith und Lea Ruckpaul als seine heimliche und hyperaktive Geliebte Julia im atemlosen Dauerhechelmodus. Oberflächlichkeit und Spaßgesellschaft fallen Plakativität und plattem Witz zum Opfer.

Schauspieler und Musiker Christian Friedel (Brother / Charrington) bietet mit seiner Band „Woods of Birnam“ laute aber auch melodisch-balladeske Rhythmen, die jeder Rockoper zur Ehre gereichen würden, kann aber auch nicht sichtbar machen, woran es hier fehlt. Ausgerechnet der „Große Bruder“ bleibt, abweichend zu seiner Dauerpräsenz auf Bildschirmen in der Romanvorlage, hier unsichtbar, ist aber als Vorstellung einer fiktiven Existenz auch hier omnipräsent.

Der zweite, schon vor gelichteten Zuschauerreihen stattfindende Teil nach der Pause zerfällt dann vollends in Beliebigkeit, bis Winston es endlich glaubt, dass zwei und zwei fünf ergibt. Bei der Premiere am Sonntag gab es viel Applaus für die Darsteller und Buhrufe fürs Regieteam.

Kommende Aufführungen: am 7., 15., 19., 26. und 26. Juni im Schauspielhaus Stuttgart. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.schauspiel-stuttgart.de