Mit ihrer Performance „Faust“ hat Anne Imhof bei der Biennale 2017 in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Ihr gefeiertes Stück erzählt von Machtverhältnissen und Brutalität. Zwar nimmt die Künstlerin keinen direkten Bezug zu Goethe – aber wer „Faust“ gesehen hat, dachte sofort an das bekannteste Werk der deutschen Literatur.

Jeder Gymnasiast und jeder Theater-Besucher wurde irgendwann mit Goethes Opus Magnum konfrontiert. 1808 veröffentlichte er den ersten Teil, das Bildnis eines Wissenschaftlers, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Mehr als 20 Jahre dauerte es, bis die Tragödie uraufgeführt wurde. Es gab Zweifel, ob das Stück bühnentauglich sei. „Faust I“ spielt an 28 verschiedenen Orten, in „Faust II“ wechselt die Szenerie immer noch 23 Mal. Und doch hat sich das Stück, zumindest der erste Teil, durchgesetzt – wenngleich sich die heutige Regie der Reduktion verschrieben hat.

Mit Ausnahmen. Für seine Mammut-Inszenierung von „Faust I“ und „Faust II“ anlässlich der Expo 2000 in Hannover hat Peter Stein die Zuschauer von Station zu Station wandern lassen. Den 814 Minuten langen Video-Mitschnitt der Inszenierung können Besucher der Ausstellung „Faust-Welten. Goethes Drama auf der Bühne“ im Deutschen Theatermuseum in München nachverfolgen. Die Ausstellung thematisiert die Rezeptionsgeschichte des Stücks. Zwei Dutzend Bühnenbild-Modelle dokumentieren die Entwicklung vom illusionistischen ABC der barocken Kulissenbühnen bis hin zum Spielgerüst aus Brettern, Stangen und Leinen. Am Ende zählt das Wort, nicht die Kulisse.

Die Ausstellung ist kein Zu- oder Einzelfall. München feiert den „Faust“. „Ein Drama, eine Stadt, hundert Events“ lautet der Untertitel des Festivals. Bis Ende Juli präsentieren 200 Partner und Institutionen Ausstellungen, Konzerte, Filmvorführungen, Theaterproduktionen, Tanzvorstellungen und vieles mehr. Die Vielfalt an Veranstaltungen will kreative Facetten freilegen. Es sollen neue Zugänge zu dem als Nationalepos der Deutschen bezeichneten Drama eröffnet werden – auch „Faust“-Geschädigte sollen mit auf die Reise genommen werden, der im Übrigen kein werkgeschichtliches Jubiläum zugrunde liegt. „Faust“ ist sich selbst genug.

Ein anderer Höhepunkt in dieser Reihe ist die Ausstellung der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung „Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst“. Sie wurde von der Kunsthalle (Roger Diederen und Nerina Santorius) und dem Forschungsverbund Marbach, Weimar und Wolfenbüttel entwickelt, Philipp Fürhofer hat den Parcours gestaltet. Die Ausstellung geht der Frage nach, inwiefern Goethes Held als Repräsentant einer von Widersprüchen geprägten Moderne anzusehen ist und inwieweit er sich als Spielfigur des neuzeitlichen Subjekts zu erkennen gibt. Mit ihrem Titel gibt die Schau eine Richtung vor. Sie lädt dazu ein, das Stück als aktuelles Werk wahrzunehmen, das einen künstlerisch-kritischen Kommentar zu den Kontroversen unserer Gegenwart formuliert.

Im Guten wie im Bösen

Und ja, es ist wahr, Faust ist unser Zeitgenosse, im Guten wie im Bösen, im Außergewöhnlichen wie im Banalen, in seinen Träumen und seinen Lebenslügen, in seinen edlen Gesinnungen und verbrecherischen Aktivitäten, in seiner Ruhelosigkeit und im Fortschrittsglauben. Die Ausstellung, die entlang der Handlung durch das Drama führt und viele theatralische Elemente enthält, hält dem Besucher den Spiegel vor. Und das nicht nur mit den Spiegelwänden. „Du bist Faust“ ist aber nicht nur eine verspielte Literatur-, sondern zugleich eine veritable Kunst-Ausstellung. Goethes Drama hat Künstler fasziniert und zu eigenen Schöpfungen herausgefordert. Die Ausstellung präsentiert gut 150 Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Fotografien, Vertonungen und Filme von Künstlern aus aller Welt und damit eine andere Lesart des Klassikers.

Das Drama beginnt auch in der Kunsthalle mit dem „Prolog im Himmel“: Gott und der Teufel wetten um Fausts Seele. Und wir fragen: Sind wir nicht alle verführbar? Zu sehen sind Zeichnungen, Bühnenbild-Entwürfe sowie Film-Ausschnitte der Inszenierungen von Gustaf Gründgens, auch Istvan Szabos „Mephisto“ mit Klaus Maria Braudauer fehlt hier nicht.

Als erste der drei Hauptfiguren hat der diabolische Verführer und geistreiche Schalk Mephisto seinen Auftritt. Wir durchschreiten einen roten Vorhang und begegnen ihm in all seinen Wandlungen – in den Kunstwerken etwa als nackte Marmor-Skulptur des Russen Mark Antokolski oder in einem Selbstporträt von Robert Mapplethorpe. Werke aus verschiedenen Epochen hängen und stehen dicht nebeneinander. Das schafft Kontraste. So zeigen historisierende Bilder des 19. Jahrhunderts Gretchen als brave Bürgerstochter. Und dann ist da die Gegenwart, Anselm Kiefer mit seinem von Farbflecken übersäten Bild – quer darüber lesen wir die Zeile „Dein goldenes Haar, Margarete“ (1981). Das Zitat stammt nicht aus „Faust“, sondern aus der „Todesfuge“ von Paul Celan – und erinnert an die Vereinnahmung Gretchens als deutschestes aller Mädel durch die Nazis.

Nicht nur Mephisto, Faust und Gretchen sind lehrreiche und pittoreske Räume gewidmet, auch der „Verführung“ oder der „Walpurgisnacht“ – wunderbar Luis Ricardo Faleros „Aufbruch der Hexen“ (1878), eine lustvolle Interpretation des Motivs. Und auch Freunde der Musik kommen auf ihre Kosten. Von Charles Gounods „Juwelen“-Arie geht es in einen opernhaften Saal, der „Fausts Verdammnis“ bei Hector Berlioz gewidmet ist. Ein biedermeierliches Zimmer lädt ebenfalls zum Hören ein: „Meine Ruhe ist hin.“ Mit Franz Schuberts „Gretchen am Spinnrad“ begann die Blüte des romantischen Kunstlieds.

Etwas kurz kommt der Tragödie zweiter Teil weg – 1832 veröffentlicht. Aber das liegt daran, dass das Stück in der Kunst keine große Rolle spielte. Illustrationen von Max Slevogt, Franz Stassen und Max Beckmann hängen in einem Raum, dazu die Zeichnung des Satirikers Robert Gernhardt: „Der Teufel liest Faust II“ – und gähnt. Wie ungerecht!

Das Festival

„Faust-Welten. Goethes Drama auf der Bühne“ ist im Deutschen Theatermuseum in München bis 2. September 2018 zu sehen. Geöffnet ist täglich außer Montag von 10 bis 16 Uhr. Infos auf www.deutschestheatermuseum.de

„Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst“ ist bis 29. Juli 2018 zu sehen in der Kunsthalle München. Geöffnet ist täglich von 10 bis 20 Uhr. Infos auf www.hypo-kunsthalle-muc.de

Beide Ausstellungen gehören zum Münchner Festival „Faust!“. Das komplette Programm ist zu finden auf www.faustfestival.com