Als die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz vor wenigen Wochen einräumen musste, die Öffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg mit falschen biografischen Angaben belogen zu haben, mischte sich ins allgemeine Entsetzen auch Faszination. Wie kann es passieren, dass es selbst in unserem hochmodernen Staat mit seinen Bildungszertifikaten und Rechtsvorschriften noch Hochstapler in hohe Ämter schaffen? So gefährlich Scharlatane auch sind, ob als Politiker mit Gesetzgebungskompetenz, als Geisteswissenschaftler mit Bildungsauftrag oder gar als Ärzte am OP-Tisch: Wer nicht unter den Folgen ihres Unvermögens zu leiden hat, fühlt sich von ihrem skrupellosen Aufstieg nachträglich bestens unterhalten. Das gilt für die Betrügereien des Scheindoktors Gert Postel ebenso wie für den amerikanischen Hochstapler Frank Abagnale, dessen Geschichte 2002 sogar von Hollywood verfilmt worden ist ("Catch Me If You Can"), mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle.

Einer der frühen Vorläufer von Petra Hinz, Gert Postel und Frank Abagnale heißt Alexander von Abonuteichos. Der Scharlatan, der im zweiten Jahrhundert nach Christus an der türkischen Schwarzmeerküste als Priester auftrat, hatte sich seine öffentlichen Sympathien mit Finessen erworben, vor denen heute noch mancher Hochstapler vor Neid erblassen dürfte.

Da ist zunächst die raffinierte Vorbereitung der eigenen Inthronisierung als Priester des Heilgottes Asklepios. Alexander schreibt auf eine Bronzetafel, dass bald ein neuer Gott mitsamt seinem Propheten in Abonuteichos erscheinen werde, und buddelt das gute Stück bei Nacht und Nebel im örtlichen Apollontempel ein. Dann bläst er ein Gänseei aus und schiebt durch das Loch eine kleine, neugeborene Schlange. Das Loch wird mit etwas Wachs wieder verstopft und unweit des Tempels im Schlamm einer Quelle vergraben.

Tags darauf: Scheinbar zufällig – in Wahrheit von Alexander geschickt eingefädelt – graben Einwohner der Stadt die Tafel mit der frohen Botschaft der baldigen Ankunft von Gott und Priester aus: helle Aufregung, großes Geschrei, erste Pläne zum Bau eines neuen Heiligtums. Da kommt auch schon der versprochene Prophet um die Ecke, Alexander selbst, mit lang herabwallenden Haaren, Purpurkleid und Sichel in der Hand. Wirres Zeug redend, eine Hymne an Asklepios singend, wankt er zur nahen Quelle, zaubert mit großer Geste das präpariertes Ei aus dem Schlamm und präsentiert es der staunenden Öffentlichkeit. Knack, knack, schlüpft auch schon die Schlange aus dem Ei: Was für eine Demonstration!

So wird aus dem zugereisten Gauner binnen eines Tages ein angesehener Geistlicher mit eigener Orakelstätte. Bald geben sich die Bürger von Abonuteichos vor seiner Kammer die Klinke in die Hand. Drinnen thront der vermeintliche Priester neben einer riesigen Schlangenattrappe. Wer ihn um Rat fragt, erfährt aus dem Maul des Reptils die Antwort: Möglich machen das ein Schlauch, eine Geheimkammer und ein dort kauernder Komplize des Gauners.

Weil ein einziger göttlicher Ratschluss mehr als eine Drachme kostete, war Alexander bald ein gemachter Mann. Dabei hatte ihn der römische Dichter Lukian schon früh als „Lügen-Prophet“ enttarnt, sich aber zu Lebzeiten des Scharlatans nicht getraut, seine Entdeckungen zu veröffentlichen. So starb der vermeintliche Prophet zwar in Amt und Würden, aber doch anders als von ihm selbst geweissagt: mit 70 statt mit 150 Jahren und an Krebs statt an Jupiters Blitz.

Ein Weitgereister, der daheimblieb

Mit seinen Berichten aus fernen Ländern narrte im Mittelalter ein englischer Ritter namens John de Mandeville sein Publikum. Ob er im Jahr 1322 überhaupt zu jener Pilgerreise ins Heilige Land aufgebrochen war, die ihn schließlich weiter bis nach Indien, China und Afrika geführt haben soll, gilt heute als ungewiss. Bis ins 15. Jahrhundert hinein allerdings mochte an diesem Sachverhalt niemand zweifeln: De Mandevilles reich bebilderter Bericht galt weit über die Grenzen Englands hinaus als volkskundliches Standardwerk.

„In Äthiopien“, heißt es darin, „findet man Menschen, deren Füße sieben Fuß Breite besitzen. Wenn sie sich hinlegen, bedecken sie sich mit ihren Füßen, die ihnen Schatten spenden“. Und auf einer unbekannten Insel im Süden wohnen Menschen ohne Kopf: „Die Augen befinden sich auf Höhe der Achseln, der Mund steht am Herzen und ist so krumm wie ein Hufeisen.“ Wieder woanders will der Weitgereiste Menschen mit Hundeköpfen gesehen haben und Wesen mit Lippen, „so lang und groß, dass sie sich mit ihnen das Antlitz bedecken können, wenn sie in der Sonne liegen“.

Das alles, so glaubte man, konnte sich niemand ausgedacht haben. Und so prägte de Mandevilles Märchenstunde schon bald das Asien- und Afrikabild der Bevölkerung in ganz Europa: Übersetzungen gab es ins Lateinische, Deutsche, Italienische, Flämische, Französische, Tschechische, Dänische, Irische und Spanische. Sogar Christoph Columbus war vom Wahrheitsgehalt dieser Schilderungen noch überzeugt und plante auf ihrer Grundlage seine Expedition über den Atlantik.

Dabei hielt der Verfasser selbst sich nicht ganz grundlos bedeckt. De Mandeville war ein Pseudonym, ein Ritter dürfte sich dahinter kaum verborgen haben. Und statt von abenteuerlichen Überfahrten nach Afrika zeugt der Bericht eher von kurzen Ausflügen in die nächstgelegene Bibliothek: Ein Großteil des Textes wurde schlicht von diversen Fabeln des Mittelalters abgeschrieben.

Die Kaninchenmutter

Gäbe es einen Wettbewerb um die skurrilste Scharlatanerie, so hätte Mary Toft gute Aussichten auf den Sieg. Die Magd aus der britischen Grafschaft Surrey ist im November 1726 binnen weniger Tage zu einer landesweiten Berühmtheit geworden, als der renommierte Chirurg und Geburtshelfer John Howard sie von einer toten Kreatur entband, die einem Hasen ähnlich sah. Von einer medizinischen Sensation sprach das Londoner „Weekly Journal“ kurze Zeit später, von einem „seltsamen, aber gut belegten Fall“.

So gut er auch belegt gewesen sein mag, so hätte ihn doch niemand weiter ernst genommen, wären nicht weitere hochrangige Mediziner nach Surrey gefahren, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Siehe da: Innerhalb einer Woche brachte Toft weitere acht leblose Kaninchen zur Welt, und sogar der königliche Leibarzt zeigte sich von der Wahrhaftigkeit des Vorgangs überzeugt. Der Gemütszustand einer Mutter, so glaubte man damals, wirke sich unmittelbar auf den Fötus aus. Eine von Sorgen und Kummer begleitete Schwangerschaft galt als Ursache für Fehlbildungen des Neugeborenen. Toft dagegen will vor ihrer jeweiligen Niederkunft Heißhunger auf Kaninchen verspürt und von Hasen geträumt haben: Ist es da ein Wunder, dass ihre Kinder selbst als solche zur Welt kamen?

Dass sie nur noch tot und meist auch verstümmelt geboren wurden, erklärten die Experten mit den für diese Tierchen zu starken Kontraktionen der menschlichen Gebärmutter. Und während Englands Mediziner sich gegenseitig mit Erklärungsversuchen überboten, diskutierte die feine Gesellschaft des 18. Jahrhunderts plötzlich über Gebärmutter, Muttermund und Vagina: Dank der Magd aus Surrey war der weibliche Körper enttabuisiert.

Anfang Dezember folgte auf die Kaninchen- eine Katerstimmung. Gutachter hatten Unstimmigkeiten festgestellt. Offensichtlich waren die Tiere vor ihrer vermeintlichen Geburt mit Messern traktiert worden. Auch galt bald als gesichert, dass sie niemals in der Gebärmutter gewesen sein können. Mary Toft kam in Erklärungsnot und legte bald ein Geständnis ab: Sie habe, räumte die Magd ein, die Kaninchenkörper selbst in ihre Vagina eingeführt und mit vorgetäuschten Geburten die besten Ärzte Englands genarrt.

Für deren Berufsstand sollte der Fall Mary Toft zum Zeichen seiner größten Schande werden. Derart peinlich war das Versagen der Chirurgen, Geburtshelfer und Leibärzte, dass die Magd nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt ohne großes Gerichtsverfahren wieder entlassen wurde: An pikanten Details zum Versagen der wissenschaftlichen Elite hatten weder Richter noch Staatsanwälte ein Interesse.

Weil es zu einem Prozess nie gekommen ist, gibt es zum Motiv der Betrügerin lediglich Vermutungen. Sie habe, heißt es, auf Auftritte in Kuriositäten-Kabinetten gehofft. Geblieben sind von ihr vor allem die Kupferstiche des berühmten Künstlers William Hogarth. Zu sehen ist darauf eine der Ohnmacht nahe Frau, breitbeinig am Rand ihres Betts. Unter ihr eine hoppelnde Häschenschar, vor ihr die ehrfürchtig staunenden Experten: Sinnbild eines klassischen Falls von Scharlatanerie.