Wie jetzt? Sollte sich da beim Abschlusskonzert der Donaueschinger Musiktage doch noch einmal ein später Protest gegen die Orchesterfusion formiert haben? So jedenfalls mutmaßte ein Herr im Publikum, als wenige Minuten nach Beginn der Uraufführung von Diego Grossmanns „aequilibrum“ einige Hörer nach vorne gingen und sich demonstrativ vor das Orchester stellten. Das SWR Symphonieorchester ließ sich davon nicht stören. Das Publikum allerdings schon. Auch nachdem klar geworden war, dass die Aktion nichts mit der Orchesterfusion zu tun hatte, sondern selbst Teil der Donaueschinger Uraufführungen war, kochten die Emotionen hoch. Wie kann man eine Aufführung so mutwillig stören?!

Dabei hatte Bill Dietz in seiner Aktion „École de la claque“ mit Hilfe eigens engagierter Claqueure und Freiwilliger aus dem Publikum bloß historische Situationen der Beifalls- oder Unmutsbekundungen nachgestellt. Schon das gesamte Festival über mischte er sich so in den Konzertbeifall ein – mal kritisch, mal bestätigend, was häufig weiter gar nicht auffiel. Die Frage hinter der Aktion lautete, ob die Beifallslenkung möglicherweise auch die Rezeption der Stücke beeinflussen könnnte. Das tat sie schließlich auch – aber vielleicht anders, als Dietz es sich erhofft hatte. Denn der Unmut entlud sich auf ihm selbst. Was manchen vielleicht beruhigt hätte: Den Uraufführungs-Komponisten Diego Grossmann gibt es gar nicht. Das Stück war ein Fake. Eigens für Dietz’ Aktion komponiert.

Bunita Marcus hingegen gibt es wirklich. Auch wenn man ihren Namen bislang nur aus dem Klavierstück „For Bunita Marcus“ von Morton Feldman kannte. Nach dessen Tod 1987 hörte man auch von Marcus nichts mehr. Bis jetzt in Donaueschingen. Man muss diesen Hintergrund kennen, um dem esoterischen Stück „White Butterflies“ für Posaune (Abbie Conant) und Orchester etwas abzugewinnen. Es dominiert ein sanfter, friedlicher Streicherklang, der immer wieder durch hartes Schlagwerk gestört wird. Ein bisschen Krieg und Frieden. Die Posaune steht dabei auf der guten Seite der Streicher.

Und noch ein Solisten-Konzert, allerdings mit komplett anderem Zuschnitt: Chaya Czernowins Violoncello-Konzert „Guardian“ (mit der großartigen Séverine Ballon) ist ein klangsensibles, oft an der Hörgrenze sich bewegendes Lauschstück – das freilich auch manches Klischee der Neuen Musik reproduziert. Kraft- und wirkungsvoll hingegen Márton Illés Orchesterstück „Ez-tér (Es-Raum)“, das wie ein Sturm durchs Orchester fegt. Der Komponist behandelt die Orchestergruppen wie die Register einer Orgel als kompakte Klangblöcke, was zu effektvollen Klangmischungen führt. Der ungarische Komponist erhielt dafür den in diesem Jahr neu belebten Orchesterpreis. Eine Entscheidung, mit der man gut leben kann.

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