Jetzt, wo das Vortäuschen, Lügen und Verdrehen in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist, wird es Zeit für neue Prüfsteine. Wir brauchen sie, um in einer Welt, in der potenziell jede Aussage frei erfunden sein kann – selbst wenn sie von einem Reporter des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ (Claas Relotius) oder einem Star-Autor wie dem Österreicher Robert Menasse stammt – überhaupt noch kommunizieren zu können.

Nehmen wir den Fall Menasse. Der österreichische Romanautor engagiert sich seit Jahren für den europäischen Einigungsprozess. Erstmals erregte er in dieser Rolle Aufsehen, als er 2012 eine Streitschrift mit dem Titel „Der Europäische Landbote“ publizierte. „Entweder geht das Europa der Nationalstaaten unter, oder es geht das Projekt der Überwindung der Nationalstaaten unter“, schrieb er darin und stellte klar, dass er die erste Version des Untergangs für die bestmögliche hält.

Nicht falsch, aber vereinfachend

Vier Jahre später, im Interview mit dem SÜDKURIER, schien es plötzlich, als sei dieser Untergang nicht nur eine Hoffnung des Dichters selbst – sondern auch Leitgedanke der EU-Gründerväter gewesen. „Die Idee des Europäischen Projekts“, behauptete Menasse, habe in der „Überwindung des Nationalismus“ bestanden, und zwar aufgrund der „historischen Erfahrungen von vor 1945“. Stimmt das so wirklich?

Die Wahrheit ist: Es gibt nicht die eine Idee, die den europäischen Einigungsprozess nach 1945 ausgelöst hätte. Manche ökonomischen und sicherheitspolitischen Erwägungen etwa verdankten sich weniger historischen Erfahrungen als einer neuen Weltordnung mit dem sozialistisch geprägten Ostblock als Kontrahenten. Menasses Satz ist nicht falsch, aber stark vereinfachend.

Wem kann man noch glauben?

Noch ein wenig später liest sich Menasses Vereinfachung so: „Der erste Präsident der Europäischen Kommission, Walter Hallstein, ein Deutscher, sagte: ‚Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!’“ Der Haken an der Sache ist, dass Hallstein diesen Satz nie gesagt hat. Jetzt ist die Aufregung groß. Denn wem kann man überhaupt noch glauben, wenn heute selbst Intellektuelle schwindeln?

  • Prüfstein Nummer eins muss deshalb lauten: Misstraue jeder einfachen Erklärung für komplizierte Sachverhalte! Die Europäische Einigung hat viele Facetten und Keimzellen. Gleiches gilt für den Wahlerfolg von US-Präsident Donald Trump, den der als Fälscher aufgeflogene „Spiegel“-Reporter mit intellektueller Rückständigkeit amerikanischer Landbewohner erklären wollte.
  • Prüfstein Nummer zwei: Vergiss die Autoritäten! Wer ihrer bedarf, um seinen Argumenten Gewicht zu verleihen, macht sich verdächtig. Und ob die Zitate stimmen, ist heutzutage mehr als zweifelhaft. Glaubt man dem Internet, soll Goethe gesagt haben, dass in einer Diktatur aufwache, wer in einer Demokratie schlafe. Und von Shakespeare soll der Satz stammen: „Populisten sind Menschen, die den Spaten Spaten und die Katze Katze nennen.“ Alles falsch.
  • Prüfstein Nummer drei: Vergleiche die aktuelle Aussage mit früheren. Ist über die Jahre hinweg eine Zuspitzung zu beobachten, dann spricht vieles dafür, dass hier einer flunkert, um sein altbekanntes Argument endlich doch noch an den Mann zu kriegen.

Der Fall Robert Menasse weist gleich alle drei Merkmale auf – er ist ein Musterbeispiel für Behauptungen mit Manipulationsverdacht.