Dita, wie sieht heute Ihr Tagesablauf aus?

Ich bin um 8 Uhr aufgewacht, habe Kaffee getrunken, jetzt reden wir miteinander, danach werde ich mich zurechtmachen, und anschließend habe ich ein Fotoshooting. Am Nachmittag waren weitere Interviewtermine geplant, die musste ich aber verschieben, weil mein Kater heute aus dem Krankenhaus kommt und ich ihn nachher abhole.

Was fehlt ihm denn?

Er hatte eine Operation und muss sich jetzt erholen. Aleister ist ein sehr besonderer Kater. Er ist 15 Jahre alt und hat mich schon überall hin begleitet. Er reist gern und hat eine enorme Fangemeinde. Vielleicht ist er sogar berühmter als ich. Er ist jedenfalls meine VIC, meine „Very Important Cat“ (lacht).

Kennt Aleister Ihr Album?

Nein, er hört schlecht. Aber ich käme sowieso nicht auf den Gedanken, zuhause meine Platte laufen zu lassen.

Wieso nicht?

Weil ich Hemmungen habe, mir selbst beim Singen zuzuhören. Was meine Stimme angeht, fehlt mir jedes Selbstbewusstsein. Ich bin ja keine Sängerin. Als Sébastien Tellier mich fragte, ob ich mit ihm ein Album machen und darauf singen würde, war das einerseits eine große Ehre, und ich wollte keinesfalls „nein“ sagen. Andererseits war das aber auch eine komplett furchterregende neue Erfahrung.

Gut, Sie hauchen mehr, als dass Sie singen. Trotzdem ist Ihre Stimme doch recht schön.

Ach, gar nicht. Ich bin einfach keine Sängerin. Mein Ex-Mann, der saß immer da und hörte sich seine eigenen Songs an. Ich erinnere mich noch gut an eine seiner Geburtstagspartys – den ganzen Abend spielte er seine Alben. Meine Güte, mir selbst aus Spaß zuzuhören, das könnte ich nie.

Sie sind relativ schüchtern, oder?

Ja. Aber bei weitem nicht mehr so extrem wie früher. Ich bin ein blondes Mädchen, das von einer Farm in Michigan stammt. Als Kind war ich schrecklich schüchtern, auch als Teenager habe ich mich nur wenig getraut. Ich war auch nicht immer so glücklich mit meinem Körper wie heute, ich habe erst lernen müssen, mich zu mögen.

Sind Sie sich selbst gegenüber eigentlich immer so kritisch?

Ich stapele lieber zu tief als zu hoch. Ich war nie ein Mensch, der eine große Schnauze hatte, was das eigene Können angeht. Ich glaube an das Konzept von „So lange schummeln, bis man erreicht hat, was man will“. Ich bin zum Beispiel auch keine sehr gute Tänzerin.

Sie haben eine Riesenkarriere gemacht und sind die wohl bekannteste Burlesque-Tänzerin der Welt.

Schon. Aber mit Burlesque und Striptease fing ich ja nur deswegen an, weil ich unfähig war, eine große Balletttänzerin zu werden. Okay, dann wurde ich berühmteste Burlesque-Tänzerin der Welt, damit kann ich gut leben (lacht). Manchmal haben sich meine Mängel als Segen erwiesen.

Haben Sie Pin-Up-Fotografie, Stripteaseshows und Burlesque aus der Schmuddelecke geholt und zu Familienunterhaltung gemacht?

„Familienunterhaltung“ ist jetzt ein bisschen zu hoch gegriffen. Es kommen jedoch erstaunlich viele Teenager, Mädchen wie Jungs, oft mit ihren Eltern. Super ist das. Als ich anfing, waren fast nur Männer in meine Shows. Das hat sich komplett verschoben. Heute sind die meisten meiner Fans Frauen. Den Frauen ist wohl klar geworden, dass mehr Substanz und Wertigkeit in meiner Kunst steckt, als es zunächst den Anschein hat.

Sie haben das Verb „to tease“, also flirten, verführen, anmachen, quasi schon im Namen. Ist der gute alte Flirt wegen der MeToo-Bewegung in der Krise?

Es steht jedenfalls vieles auf dem Prüfstand. Ich bin heilfroh, dass diese Konversation endlich stattfindet und viele Frauen endlich darüber sprechen, was ihnen passiert ist. Ich wusste von vielen dieser Vorfälle, ich kannte auch einige Namen, aber die Abgründigkeit des Ganzen hätte ich mir niemals vorstellen können. Wir haben in Hollywood immer unsere Späße über die „Besetzungscouch“ gemacht, das Geschäft galt als eine Art Geben und Nehmen. Aber wie übel, wie brutal, wie grausam viele dieser Attacken waren, das hat mich geschockt.

Sie sehen immer perfekt aus. Ist es eigentlich sehr viel Arbeit, Dita Von Teese zu sein?

Och, nein. Es gibt härtere Jobs auf der Welt, als ich selbst zu sein. Ich denke gar nicht darüber nach. Jeden zweiten Morgen mache ich mein Sportprogramm, das aus Yoga und Stretching und solchen Sachen besteht. Und wenn ich auf die Straße gehe, dann bin ich auch schon mal ungeschminkt. Also fast. Roter Lippenstift muss sein. Ohne Lippenstift würde ich das Haus nicht verlassen.

Fragen: Steffen Rüth

Zur Person

Dita Von Teese, 45, wurde als Heather Sweet in Rochester/Michigan geboren. Seit vielen Jahren ist sie die berühmteste Burlesque-Künstlerin der Welt. Selbst designte Unterwäsche, ein eigenes Parfüm und gelegentliche Schauspielauftritte sind Teil ihrer Marke. Nur gesungen hat die Ex-Gattin von Marilyn Manson bislang noch nie. Bis jetzt. Das Album „Dita Von Teese“, initiiert, komponiert und getextet vom französischen Chansonnier Sébastien Tellier, erscheint in dieser Woche. (sk)