Die Zukunft liegt in einem alten Schrank, irgendwo im riesigen Keller des Deutschen Literaturarchivs. Ulrich von Bülow, Leiter des Archivs, öffnet erst die knarrende linke Tür: eine Ansammlung von Schreibmaschinen. „Auf dieser hier hat einst Gottfried Benn seine Gedichte geschrieben“, sagt er und zeigt auf ein kleines Exemplar in braunem Etui. Dann die rechte Tür: Apparate mit Bildschirmen und Dreh-reglern, technische Geräte mit unklarer Funktion. „Und das hier ist der Nachlass von Friedrich Kittler.“

Friedrich Kittler war einer der umstrittensten, aber auch bedeutendsten Medientheoretiker Deutschlands. Bereits zu Lebzeiten hat er seinen Nachlass dem Deutschen Literaturarchiv vermacht. Er habe „das „tröstliche Gefühl, dass jemand, der wissen will, wie meine ungeschriebenen Bücher aussehen könnten, das ganz gut rekonstruieren könnte, falls ich plötzlich umfalle“, erklärte er 2010.

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Warum diese Idee vielleicht nur zur Hälfte gut war, zeigt sich hinter einer dritten Tür, die von Bülow jetzt öffnet: Ein silbernes Ungetüm wird sichtbar, das sich als Computer erahnen lässt. „Auf der Festplatte dieses Rechners“, sagt er, „befindet sich ein wesentlicher Teil seines Nachlasses“. Das Problem: Kittler ist inzwischen gestorben. An seinem Rechner aber, der jetzt im Archivschrank liegt, hat er zu Lebzeiten so viel herumgeschraubt, dass selbst Experten Mühe haben, an die Daten zu kommen.

Das Erbe des Friedrich Kittler: Es steht exemplarisch für einen Paradigmenwechsel im Umgang mit unserem kulturellen Erbe. Denn in einer digitalen Zukunft müssen Archivare und Wissenschaftler vielfach anders arbeiten als in der analogen Vergangenheit. Statt von geduldigem Papier sind Daten abhängig von flüchtigen Technologien. Nachlässe lassen sich nicht mehr so einfach wegsperren und nach Jahrzehnten wieder aus der Schublade ziehen. Heute gilt es, sie zu erfassen und zu sichern. Was für eine Vorstellung: Ein kleiner Softwarefehler, ein plötzlicher Hackerangriff, und schon sind ganze Datensätze ein für allemal verschwunden! Hat man als Archivar da nicht schlaflose Nächte?

Der erste Fall - Und gleichzeitig aus der Region

Im fahlen Licht des Archivkellers winkt von Bülow ab. „Mit der Bearbeitung digitaler Vor- und Nachlässe befassen wir uns ja schon seit vielen Jahren.“ Der Archivchef schließt den Schrank wieder zu und bedeutet seinem Gast, ihm zu folgen. Durch verwinkelte Gänge gelangt man zu einer Reihe von Schubladen. „Botho Strauß“ steht auf einer zu lesen, „Kurt Tucholsky“ auf einer anderen. Der Archivar geht suchend die Namensschilder durch, bei „Thomas Strittmatter“ bleibt sein Zeigefinger stehen. Er zieht die Schublade auf und holt eine Kiste mit alten Disketten hervor. „Unser erster Fall“, sagt er: „Und einer aus Ihrer Region!“

Der 1995 im Alter von nur 33 Jahren gestorbene Autor stammte aus St. Georgen im Schwarzwald. Und er war offenbar Nutzer eines Ataris: jener Computer, die in den Neunzigerjahren schwer in Mode waren, heute aber längst von der Bildfläche verschwunden sind. „Als wir seine Disketten bekommen haben, waren die meisten Dateiformate veraltet“, sagt von Bülow. Die notwendigen Konvertierungsprogramme zu besorgen, das sei damals eine mühsame Angelegenheit gewesen.

Der Kampf gegen den Datenverlust

In der Folge haben die Marbacher Forscher ein Verfahren entwickelt, das sie bis heute einsetzen. Von Bülow bescheibt es wie folgt: „Beim Auswerten der Originaldatei heben wir von jeder Bearbeitungsstufe Kopien auf. Zuerst werden Images erstellt, also Eins-zu-eins-Abbilder der zu lesenden Daten. Sollten eines Tages die Daten auf den originalen Datenträgern gelöscht sein, könnten wir sie anhand dieses Materials wieder rekonstruieren.“

Damit die Images und Kopien nicht verloren gehen, kommen sie ins hauseigene Computersystem. Das sei „sicher wie eine Bank“, betont der Archivchef mit fester Stimme. Nur: Wie sicher ist eine Bank? Könnte es beispielsweise passieren, dass erst die Originaldatei beschädigt wird und dann zufällig ein technisches Desaster auch noch sämtliche Kopien zerstört?

Von Bülow sagt: Selbst wenn dieses unwahrscheinliche Szenario eintritt, gebe es keinen Grund zur Sorge. Denn die Daten dieses Systems würden nachts auch noch regelmäßig auf Magnetbänder übertragen. Und mehr noch: Um gegen alle Eventualitäten gewappnet zu sein, plane man zurzeit ein zusätzliches Speichersystem. Diesmal nicht im eigenen Haus, sondern weit weg, außerhalb von Marbach.

„Auf Papier können Sie solchen Texten ja nicht ansehen, wann der Autor welche Passage verändert hat“

Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren zahlreiche wichtige Dokumente in deutschen Bibliotheken und Archiven unwiederbringlich verbrannt. Im digitalen Zeitalter dagegen können Archivare ihre Daten innerhalb von Sekunden auf Servern speichern, die sich an einem weit entfernten Ort befinden. So besteht heute die Chance, dass wichtige Dokumente selbst Atomkatastrophen unbeschadet überstehen. Mag die Digitalisierung im Fall Kittler auch als Problem erscheinen – bei näherer Betrachtung zeigen sich ihre Vorzüge.

Nicht nur das Archivieren, auch das Auswerten wird in mancher Hinsicht leichter. Etwa bei Romanmanuskripten: „Auf Papier können Sie solchen Texten ja nicht ansehen, wann der Autor welche Passage verändert hat“, sagt von Bülow. Liegen die Texte dagegen in elektronischer Form vor, so lässt sich unter Umständen die zeitliche Reihenfolge ihrer Bearbeitung nachvollziehen – jedenfalls dann, wenn ein Autor verschiedene Fassungen gespeichert hat. Selbst seine Korrespondenz mit Verlegern, Kollegen oder Lesern ist viel präziser archiviert als noch im Papierzeitalter. Vorausgesetzt, die Computeruhr war korrekt eingestellt, können Forscher jede einzelne E-Mail auf die Sekunde genau datieren. Ja, sogar so etwas Simples wie der Name einer Datei hält für Literaturwissenschaftler künftig Informationen bereit, die es früher nicht gegeben hat.

Ist also der digitale Wandel ein Segen für die Literatur? Kommt drauf an. Manche Autoren stemmen sich bewusst gegen diese Entwicklung. W. G. Sebald soll sich bis zuletzt geweigert haben, einen Computer zu benutzen, gleiches gilt für Günter Grass. Und Martin Mosebach schreibt sogar wieder per Hand, einige Exemplare sind bereits als Vorlass im Literaturachiv vorhanden. „Sehen Sie sich das an“, sagt von Bülow und zieht die entsprechende Schublade auf: „Der Zeilenabstand ist ganz eng, an den Rändern oben und unten, links und rechts fehlt jeder Rand!“

Er verweigert sich dem digitalen Wandel: Der Schriftsteller Martin Mosebach schreibt noch mit der Hand – ganz bewusst. Sein Nachlass wird sich deshalb nach herkömmlichen Methoden archivieren lassen. Was aber geschieht mit den schriftlichen Zeugnissen seiner Kollegen, die ihre Texte an Computern formulieren?
Er verweigert sich dem digitalen Wandel: Der Schriftsteller Martin Mosebach schreibt noch mit der Hand – ganz bewusst. Sein Nachlass wird sich deshalb nach herkömmlichen Methoden archivieren lassen. Was aber geschieht mit den schriftlichen Zeugnissen seiner Kollegen, die ihre Texte an Computern formulieren? | Bild: Boris Roessler

Die Arbeit mit verschiedensten Dateiformaten

Tatsächlich. Was der Archivleiter aus der Schublade hervorzieht, sind unzählige Seiten in schönster Handschrift, so weit vollgeschrieben, dass kaum noch weißer Raum übrig bleibt. Es scheint, als habe sich der Autor in eine starre Form zwingen wollen, in eine Struktur, die eine Konzentration auf jedes Wort einfordert. „Am Computer schreiben Sie anders als mit der Hand auf Papier“, sagt von Bülow: „Sie können erst einmal ein paar Stichworte hinwerfen und das dann allmählich zu einem konsistenten Text verdichten. Wer dagegen mit der Hand schreibt, muss jeden Satz vorher zu Ende denken. Und jeder Fehler bleibt sichtbar.“

Auch in Mosebachs Text gibt es einen Fehler. Das Wort „natürlich“ ist durchgestrichen, im kaum vorhandenen Raum zwischen den Zeilen steht dafür klein eingequetscht die bessere Vokabel: „übrigens“. Der Ärger des Autors über seinen Lapsus ist der Handschrift förmlich anzumerken. Autoren mögen an der Digitalisierung verzweifeln, Archivare gewinnen ihr eher Vorzüge ab. Wenn es darum geht, Kulturgüter für die Zukunft zu sichern, so ist die digitale Technologie dem Papierzeitalter deutlich überlegen. Hat die neue Ära für Archivare denn so gar keine Schattenseiten?

Nun ja, sagt von Bülow auf dem Weg zurück Richtung Tageslicht: Es komme natürlich manchmal vor, dass alle viel Arbeit investieren müssen, um eine alte Datei endlich wieder lesbar zu machen. Dann zerbrechen sich die Experten nächtelang den Kopf, um längst veraltete Dateiformate zu knacken. „Und am Ende stellt man fest: Es handelt sich um einen eher belanglosen Text.“