Hat Franz Kafka eigentlich auch komponiert? Wahrscheinlich nicht. Er habe „gar kein musikalisches Gedächtnis“, klagte er einmal in einem Brief an seine Verlobte, Felice Bauer. Und doch: Kaum eine Literatur hat einen so unverwechselbaren Klang wie Kafkas Prosa.

Franz Kafka in einem undatierten Porträt.
Franz Kafka in einem undatierten Porträt. | Bild: CTK

Wenn seine Protagonisten sich unverschuldet verhaftet oder in ein Ungeziefer verwandelt sehen, wenn sie vergebens auf Erlösung oder wenigstens eine Erklärung hoffen und wenn sie sich immer weiter von ihrem Ziel entfernen, obwohl sie doch alles daran setzen, ihm näher zu kommen: Dann ist uns beim Lesen, als hörten wir eine finstere Melodie. Tonart: k-Moll.

Das könnte Sie auch interessieren

In Tschechien ist diese Melodie zurzeit in aller Munde. Die Kafka Band hat dort längst Kultstatus erlangt. Wer den Grund dafür verstehen will, sollte sich nur ihr erstes Album anhören. „Das Schloss“ heißt es, genau wie der Roman, den seine zehn Songs nacherzählen. Die Art dieser Erzählung ist so wunderbar finster und rätselhaft zugleich, dass man glaubt, den Dichter höchst selbst sprechen zu hören.

„Es war spät abends, als K. ankam“, raunt die dunkle Erzählerstimme mit tschechischem Akzent zum sparsam dahin gezupften Gitarrenmotiv im Song „Ankunft – Prichod“. Und wehmütig erklingt ein Chor im Hintergrund: „Kaaa dorazil na místo!“ Heißt das „als K. ankam“, nur auf Tschechisch?

Egal. Denn der Erzähler raunt weiter: „Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen...“ Unmerklich heller wirken die Harmonien jetzt, ganz so, als beginne der Nebel, sich zu lichten. Da hören wir den Chor rufen: „Záaameek! Záaameek!“ Das Schloss: Es ist da. In seiner ganzen bedrohlichen Schönheit.

Jaroslav Rudis bei einem Auftritt auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse.
Jaroslav Rudis bei einem Auftritt auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse. | Bild: Jens Kalaene

Aus Sprache wird Musik, aus Musik wird Bild. Und dieses Bild wirkt so plastisch, so nah, dass dem Hörer es scheint, als habe er sich beim Lesen dieses Romans noch nie ein anderes vorgestellt.

Kongeniales Zusammenspiel

Es bedarf eines kongenialen Zusammenspiels von Autor, Maler und Musiker, um diese Wirkung zu erzielen. Jaroslav Rudiš zählt zu den bedeutendsten Schrifstellern Tschechiens. Jaromír Švejdík gilt als einer der besten Comiczeichner des Landes, unter dem Pseudonym Jaromír 99 singt er auch.

Sie beide haben die Kafka Band ins Leben gerufen, damals vor fünf Jahren. Eigentlich waren sie zunächst vor allem auf Deutschland fixiert: Das Theater Bremen lieferte zu „Das Schloss“ eine spektakuläre Inszenierung, die Band war bei allen Vorstellungen live auf der Bühne dabei. Doch obwohl ihr Projekt zweisprachig angelegt ist, war den Musikern in Tschechien bislang eine höhere Popularität beschieden.

Das könnte sich mit dem jetzt erschienenen zweiten Album ändern. „Amerika“ heißt es, und es liegt auf der Hand, dass damit Franz Kafkas dritter unvollendeter Roman gemeint ist – auch bekannt unter dem Titel „Der Verschollene“. Auch dieses Album hat am Theater Bremen eine szenische Premiere erlebt, und wie die Lokalpresse berichtet, sei es diesmal mehr eine „unterhaltsame Revue“ gewesen als eine „emotional ergreifende Darbietung“.

Das deckt sich mit dem Höreindruck: Mehr strahlende Moderne als rätselhafte Melancholie. Es scheint, als komme Kafkas „Amerika“-Roman der Band gerade recht, um mit deizidiert westlicher Klangfarbe auch jenseits der tschechischen Republik erfolgreich zu sein. Sogar die Tatsache, dass mit Englisch nun sogar eine dritte Sprache mit von der Partie ist, klärt mehr als es verwirrt: Englisch ist international, die Sprache wirkt wie ein Kitt zwischen Tschechisch und Deutsch.

Wer „Das Schloss“ wegen seiner Tristesse schätzt, der mag sich schwer tun mit der optimistischen Grundierung eines Songs wie „New York“ oder der Coolness, wie sie den „Marsch nach Ramses“ prägt. Doch bei längerem Hören zeigt sich: Auch das ist Kafka, das Harte statt Melancholische.

„Amerika“ das ist die Geschichte von Karl Roßmann, aus seiner Heimat verbannt, weil er ein Dienstmädchen geschwängert hat. In New York will er sich ein neues Leben aufbauen, zunächst überhaupt einmal Anschluss finden. Doch wo immer er das versucht: Er kommt einfach nicht wirklich an in dieser fremden neuen Welt. Und je länger er bleibt, desto deutlicher wird ihm, wie groß sie wirklich ist.

Das könnte Sie auch interessieren

„Von alldem hab‘ ich nichts gewusst“, flüstert Karl eingeschüchtert, als er begreift, dass er dieses Land niemals für sich erobern können wird. Das Zitat stammt zwar aus „Das Schloss“, findet aber auf diese Weise im neuen Album „Amerika“ eine erstaunlich schlüssige Neudefinition. Keine Frage: Sie kennen sich mit den Werken ihres Namenspatrons aus bei der Kafka Band. Und wem diese Literatur am Herzen liegt, der sollte sich ihre Vertonung einmal anhören.

Kafka Band: „Amerika“, Indies Scope 2019; 16,99 Euro.