Sechs Jahre lang haben sie anderen die Gelegenheit gegeben, besser zu sein, doch niemand habe das genutzt. Also sind die Ärzte wieder beim Openair St. Gallen. Die selbsterklärte beste Band der Welt zeigt bei ihrem zweistündigen Auftritt, wie sie zu diesem Titel gekommen ist: Mit bekannten Titeln wie „Schrei nach Liebe“ oder „Zu spät“, aber auch mit Haltung und Humor. Eine Rückkehr, wie sie die Ärzte in ihrem jüngsten Werk „Drei Mann – zwei Songs“ besingen. Oder doch ein Abschied? Das letzte Konzert der Ärzte für dieses Jahr, sagen sie selbst. „Und vielleicht für immer, wer weiß“, sagt Farin Urlaub und lässt viel Raum für Spekulationen, wie es sie seit dem Frühjahr einmal mehr gibt.

Farin Urlaub heizte die Trennungs-Gerüchte der Band einmal mehr an. Und spielte mit seinen Bandkollegen altbekannte, lang geliebte Songs.
Farin Urlaub heizte die Trennungs-Gerüchte der Band einmal mehr an. Und spielte mit seinen Bandkollegen altbekannte, lang geliebte Songs. | Bild: Julius Hatt for OpenAir St.Gallen

Ob insgeheime Abschiedstour oder Marketingstrategie – es funktioniert.

Die diesjährige Tour der Ärzte war innerhalb eines Tages ausverkauft, das Openair St. Gallen war einer von wenigen zusätzlichen Festival-Stops. Schon vor 30 Jahren war ihr Abschied einer der größten Erfolge, „Westerland„ wurde nach Bekanntgabe ihrer Auflösung 1988 zum bis dahin erfolgreichsten Titel. Bis heute singen Fans die Zeilen mit, in denen es um Sehnsucht bis zum Verstand verlieren und die Nordsee geht. So auch in St. Gallen. Damit beweisen die Eidgenossen, dass sie eines definitiv nicht sind: Unrockbar. „Doch das wird nie was mit uns beiden, eines ist mir klar: Du bist unrockbar“, singen die drei Vollblutmusiker eingangs und schrammeln ihre Gitarren (Farin Urlaub, Rodrigo González) oder dreschen auf ihr Schlagzeug ein (Bela B). Doch in diesem Fall kann es was werden mit den Ärzten in der Schweiz.

Rodrigo González suchte in St. Gallen auch die Nähe zu den zahlreichen Fans.
Rodrigo González suchte in St. Gallen auch die Nähe zu den zahlreichen Fans. | Bild: Julius Hatt for OpenAir St.Gallen
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Deutsche sind gerne mal peinlich. Selbst die Ärzte.

Es wird rockig, es wird altbekannt, es wird laut und gut. Und ein wenig peinlich. Deutsche seien ja gerne mal peinlich, sagt Farin Urlaub – auch in Deutschland und besonders in der Schweiz. Was diese Deutschen in der Schweiz womöglich ein bisschen peinlich macht? Vielleicht sind es Einschübe wie „Deutsch-Publikum und Publikum-Deutsch“ mit Verweis auf mögliche Sprachbarrieren. Oder Sätze wie „Wir sind in der Schweiz – über Geld spricht man nicht, Geld hat man“. Doch die Ärzte können auch sprichwörtlich Honig ums Mail schmieren: Den Chor bei „Immer mitten in die Fresse rein“ habe noch kein Publikum so gut hinbekommen. Als Antwort auf die Frage „Isch gut gsi?“, erhält die Band daher ein lautes, zustimmendes Grölen.

Auch die drei Fragezeichen kommen zu Wort. Und die Ärzte geben sich selbstironisch

Mit solchen Ansprachen schaffen die Ärzte den Spagat zwischen routiniert und gekonnt. Schon bevor sie selbst ans Mikro greifen, lassen sie andere Altmeister sprechen: die drei Detektive Justus, Peter und Bob, besser bekannt als die drei Fragezeichen. Immer wieder sind deren Stimmen zu hören und manchmal scheinen sie mit denen von Farin Urlaub, Bela B und Rodrigo González zu verschmelzen. „Unsere Konzerte sind quasi unverwechselbare Produkte“, sagen die Sprecher selbstironisch. Doch an anderer Stelle machen sie das wieder wett: Bela B trägt trotz Samstag seinen Sonntagsanzug, glitzernd mit Leo-Muster, sucht das Bad in der Menge und verteilt einen Stick nach dem anderen.

Bela B überzeugte neben seinem musikalischen Können auch mit einem Sonntagsanzug, auf den Thomas Gottschalk sicher neidisch wäre, und Cruella de Vil-Frisur.
Bela B überzeugte neben seinem musikalischen Können auch mit einem Sonntagsanzug, auf den Thomas Gottschalk sicher neidisch wäre, und Cruella de Vil-Frisur. | Bild: Julius Hatt for OpenAir St.Gallen

Doch was ist eigentlich mit der Musik? Die stimmt, wie schon vor sechs Jahren. Viel Neues gab es seitdem nicht zu hören, doch zwölf Alben bieten viel Material. Und die Zeilen klingen aktueller denn je. „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, aber es ist deine Schuld, wenn sie so bleibt“ klingt nach einer Hymne für Fridays for Future. Auch wenn es nicht wirklich ein Trost ist: Falls es tatsächlich kein nächstes Konzert geben sollte, sind Titel wie diese seit November auch bei den gängigen Streamingdiensten verfügbar.

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Wer noch begeisterte: Unter anderem Florence and the machine

Florence and the machine brachte sphärische Popmusik nach St. Gallen. Sängerin Florence Welch begeisterte nicht nur mit ihrer unvergleichlichen Stimme, sondern auch mit leidenschaftlichen Tanzeinlagen und dem Verteilen von Sonnencreme: Ihr Motto „We take care of each other“, wir passen aufeinander auf, war wörtlich gemeint.
Florence and the machine brachte sphärische Popmusik nach St. Gallen. Sängerin Florence Welch begeisterte nicht nur mit ihrer unvergleichlichen Stimme, sondern auch mit leidenschaftlichen Tanzeinlagen und dem Verteilen von Sonnencreme: Ihr Motto „We take care of each other“, wir passen aufeinander auf, war wörtlich gemeint. | Bild: Arndt, Isabelle

... und The 1975

The 1975 rund um Sänger Matthew Healy (Bild) litt sichtlich unter den hochsommerlichen Temperaturen. Die einstige Schülerband aus Manchester trumpfte mit fröhlich-poppigem Gute-Laune-Sound und tiefsinnigen Texten.
The 1975 rund um Sänger Matthew Healy (Bild) litt sichtlich unter den hochsommerlichen Temperaturen. Die einstige Schülerband aus Manchester trumpfte mit fröhlich-poppigem Gute-Laune-Sound und tiefsinnigen Texten. | Bild: Arndt, Isabelle