Es muss mehrere Wahrheiten geben, soll Picasso einmal gesagt haben: Sonst wäre es nicht möglich, über ein und dasselbe Thema hundert verschiedene Bilder zu malen. Man möchte der Menschheit mehr Museumsbesuche wünschen, damit sich diese Einsicht verbreitet.

Tatsächlich erleben wir nämlich eine fatale Rückbesinnung auf eine längst überwunden geglaubte Wahrheitsdefinition. War die Postmoderne noch von der Überzeugung geleitet, dass sich jedes Ding von mehreren Seiten als gleichermaßen wahr erweisen könne, so unterliegt unser Gebrauch von Begriffen wie Wahrheit und Lüge bei Debatten um „Fake News“ oder „Lügenpresse“ heute wieder einem Absolutheitsanspruch: Es herrscht der Glaube an eine einzige Wahrheit, in deren Besitz wir natürlich uns selbst wähnen.

Versehrt, gedemütigt, ausgegrenzt

Welche Missverständnisse und Konflikte daraus erwachsen können, zeigt sich bei einer Premiere im Konstanzer Stadttheater. Gezeigt wird „Draußen vor der Tür“, Wolfgang Borcherts düsteres Stück über den Kriegsheimkehrer Beckmann, in Stalingrad versehrt, in Sibirien gedemütigt, in Hamburg ausgegrenzt. Es finden sich Spuren von Komik darin. Doch schmecken diese so bitter, dass man an Ihnen keinen Gefallen finden kann – eigentlich.

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Als sich aber Beckmann-Darsteller Nikolai Gemel als erbarmungswürdig geschundene Kreatur mit letzter Kraft auf die Bühne hievt, verhöhnt von einer Horde Betrunkener, tönt aus den hinteren Reihen plötzlich Gelächter. Gleichzeitig aber auch spürbares Unverständnis bei anderen Besuchern: Was bitte gibt es da zu lachen?

Offenbar gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten, ein solches Stück zu sehen, und vielleicht sind beide auf ihre Weise wahr. Die eine gründet auf einem Verständnis von Theater als Ort des Mitleidens. Die andere auf der Idee von Distanzierung. Bemerkenswert an diesem Gegensatz ist, dass es dem Publikum damit exakt so ergeht wie den Figuren auf der Bühne.

Ein neues, anständiges Leben

Beckmanns ehemaliger Oberst (Harald Schröpfer) zum Beispiel hat den Krieg längst abgehakt und sich in einer neuen Ordnung mit „anständiger Frau“ und „anständigem Haus“ eingerichtet. Für den Soldaten hat er nur Mitleid übrig: Hätte er es zum Offizier gebracht, wäre ihm dieses Nachkriegsglück auch vergönnt gewesen, doch leider sei er dafür wohl „zu leise“ und „zu weich“.

Der Kabarettdirektor (Katrin Huke) dagegen setzt auf seelische Erbauung durch Kunst. Beckmann will er zwar eine Chance geben, doch reicht es nicht zum feinsinnigen Kabarett: Leider sei er dafür „zu laut“ und „zu direkt“.

Der Soldat findet keinen Anschluss

Der Oberst, der Direktor und auch das Mädchen (Johanna Link), das als Einzige so etwas wie aufrichtiges Mitgefühl zeigt: Sie alle haben ihre eigenen, gleichermaßen gültigen Vorstellungen von einem wahren Leben. Und weil es zwischen ihnen Schnittmengen gibt, bilden sie eine Gesellschaft.

Nur einer findet keinen Anschluss, keine Überschneidung mit dem Wahrheitsbegriff der anderen: Beckmann, der Kriegsheimkehrer, der mal zu leise ist und mal zu laut, mal zu lächerlich und mal zu ernst. „Mit der Wahrheit ist es wie mit einer stadtbekannten Hure“, sagt er: „Jeder kennt sie, aber es ist peinlich, ihr auf der Straße zu begegnen.“ So sieht er das.

Soldat Beckmann (Nikolai Gemel, links) und der Kabarettdirektor (Katrin Huke).
Soldat Beckmann (Nikolai Gemel, links) und der Kabarettdirektor (Katrin Huke). | Bild: Achim Mende

Regisseurin Mareike Mikat lässt ihn durch eine Welt stolpern, die von Beginn an buchstäblich im Eimer ist. Die auf der Bühne verteilten schwarzen Plastikbottiche bilden Versteckmöglichkeiten, Abgrenzungsmauern oder auch Podeste für Ansprachen (Bühne: Simone Manthey).

Eine Rückwand aus Plexiglas kommt mit jedem neuen Stolpern und Scheitern der Rampe immer näher, verengt bedrohlich den Raum. Jemand hat ein Fischsymbol darauf gemalt, das Zeichen für Christen in der Stadt. Jedoch: Das Auge ist ein Kreuz, das Tier offenbar tot. Für Beckmann, den das Mädchen nach seinem gescheiterten Selbstmordversuch in der Elbe „Fisch“ nennt, muss das wie Hohn erscheinen.

Alles im Eimer: Beckmann (Nikolai Gemel, links, mit Tomasz Robak).
Alles im Eimer: Beckmann (Nikolai Gemel, links, mit Tomasz Robak). | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Nikolai Gemel spielt diesen Kriegsheimkehrer mit eindringlicher Selbstbezogenheit, ein Gefangener seiner eigenen Erinnerungen und Alpträume. Johanna Link berührt als empathisches, gegenüber diesem Fremdkörper aber letztlich hilfloses Mädchen. Und Harald Schröpfer überzeugt in der Rolle des Oberst, den er bei aller Schneidigkeit nicht zur Karikatur verkommen lässt. Allenfalls Katrin Hukes Kabarettdirektor könnte man sich etwas weniger gespreizt vorstellen.

Dass Regisseurin Mikat bei aller Düsternis des Stoffes mehr bietet als bloßes Betroffenheitstheater, zeichnet diesen Abend aus. Das Kriegstrauma dient ihr als Folie, auf der sie existenzielle Fragen wie Einsamkeit, Wahrheitssuche und Todessehnsucht verhandelt.

Das Publikum ist gespalten

Wie heikel dieses Anliegen sein kann, zeigte sich bereits bei der Konstanzer Erstaufführung 1956, auf die das Theater im Programmheft verweist. Schon damals war die Publikumsresonanz gespalten. Während viele Ältere das Stück als Hetze und Verunglimpfung der Soldaten und ihrer Frauen verurteilten, fand es bei jungen Besuchern eine begeisterte Aufnahme.

Ohne es selbst gesehen zu haben, kritisierte der Bürgermeister die Produktion und brachte ihre Absetzung ins Spiel, der Intendant ging daraufhin auf die Barrikaden, sprach von Zensur. Ein veritabler Konstanzer Theaterstreit: Kommt uns dieses Stück nicht eigenartig aktuell vor?

Weitere Vorstellungen gibt es am 29., 30. und 31. Januar 2019 sowie am 2., 6., 8., 9. 10. und 27. Februar. Informationen finden Sie hier.

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