Die gute Nachricht zuerst: Sie sind immer noch laut. Für vier von Falten durchfurchte Senioren, die zusammen fast 300 Lebensjahre auf die Bühne bringen, sind Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ronnie Wood sogar verdammt laut. Als die kreischenden Akkorde von „Street Fighting Man“ die Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena und, gefühlt, auch jeden Winkel im Umkreis von 30 Kilometern füllen, fliegt einem fast die Stadionwurst aus dem Brötchen. Eben noch hat The-Kooks-Sänger Luke Pritchard mit seinen Engelslocken auf der gleichen Bühne von seiner Liebe für die „Seaside“ gesäuselt. Man konnte sich dazu wunderbar am Getränkestand anstellen, mit dem Nebenmann über die Parkplatz-Situation in Stuttgart plaudern oder Fotos von der vollbesetzten Arena schießen. Jetzt, um 20.50 Uhr, ist damit Schluss! Die Rolling Stones sind da.

Unermüdlich: Der 74-jährige Mick Jagger animiert das Publikum während des Konzerts der Rolling Stones im Rahmen ihrer Europatournee "No Filter".
Unermüdlich: Der 74-jährige Mick Jagger animiert das Publikum während des Konzerts der Rolling Stones im Rahmen ihrer Europatournee "No Filter". | Bild: Sebastian Gollnow / dpa

Kapitän Jagger stürmt als erster den Bühnensteg, patscht mit den Händen durch die Luft, schüttelt sich, stolziert, stakst, wirbelt und wackelt mit dem Hinterteil. Keith Richards bleckt im Hintergrund die Zähne. „Summer’s here and the time is right for fighting in the street, boy!“ (Der Sommer ist da und es ist Zeit, auf der Straße zu kämpfen, Junge) Die Lärmlawine rollt und 43 000 Fans lassen sich mitreißen. Was die Lautstärke angeht, bleiben die Stones in den nächsten zwei Stunden erbarmungslos. Selbst als Richards zwischenzeitlich den Platz hinter dem Mikro einnimmt, um die Ballade „You Got The Silver“ zu knurren, drischt er mit Plektrum und Bottleneck auf seine arme Akustikgitarre ein, dass es kracht. Heute hat die Setlist keinen Platz für „Angie“ oder „As Tears Go By“. Stattdessen: „It’s Only Rock ’n’ Roll (But I Like It)“. Ja, es ist nur Rock ’n’ Roll – aber den mögen hier alle.

Stehkarten-Inhaber und VIP-Gäste

Wären die Stones nur immer so kompromisslos. Stattdessen liegt an diesem lauen Sommerabend eine gewisse Ambivalenz in der Luft. Das liegt nicht etwa an den giftgrünen Sneakers, in denen der 74-jährige Richards über die Bühne stapft. Nein, wirklich unangenehm treten die Gegensätze im Innenraum des Stadions zum Vorschein. Während die Stehkarten-Inhaber seit 17 Uhr in der Juni-Hitze ausgeharrt haben, müssen sie zusehen, wie fünf Minuten vor Konzertbeginn hunderte VIP-Gäste auf ihre Sitzplätze direkt vor der Bühne geschleust werden. John Lennon hat sich in den 1960er-Jahren noch über Juwelen-behangene Logen-Gäste lustig gemacht, Sir Mick will sie anscheinend direkt in Reichweite wissen.

In seinen Ansagen schwärmt der einstige Rock-Rüpel von der Schönheit Stuttgarts: „Ich wünschte, ich wäre im Baugewerbe“, verkündet er in deutscher Sprache. Bitte? Zum dritten Mal bereits sei er mit seiner Band in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, erklärt Jagger weiter. „Das Stadion hieß jedes Mal anders. Aber unsere Songs waren immer dieselben.“ Stimmt. Auf Experimente wartet man auch heute vergebens. Stattdessen gibt es im Lauf des Konzerts so ziemlich die gleichen Songs zu hören, die auch dem Berliner Publikum ein paar Tage zuvor serviert wurden. Einzige Ausnahme: „Let’s Spend The Night Together“, das sich die Stuttgarter vorab per Online-Abstimmung gewünscht haben.

Bunt gemischtes Publikum: Zuschauer applaudieren während des Konzerts der Rolling Stones.
Bunt gemischtes Publikum: Zuschauer applaudieren während des Konzerts der Rolling Stones. | Bild: Sebastian Gollnow / dpa

Begeisterung unter den Über-50-Jährigen, als der gemächliche Vier-Viertel-Takt des Lieds einsetzt. Mit angewinkelten Armen wippen sie selig von links nach rechts, wie es nur Über-50-Jährige können. Wäre im Zuschauerraum mehr Platz, würden sie wahrscheinlich anfangen, Discofox zu tanzen. Aber bevor der Abend in allzu seichte Gewässer abdriftet, reißt Jagger das Ruder herum.

Zunächst darf beim Bob-Dylan-Cover „Like A Rolling Stone“ die Hammond-Orgel röhren. Es folgt „You Can’t Always Get What You Want“, das sich innerhalb weniger Minuten in Gospel-Höhen aufschwingt. Dann, der vorläufige Höhepunkt, „Paint It Black“. Die Leinwände links und rechts der Bühne wechseln auf Schwarz-Weiß-Darstellung, während sich Jagger zum hypnotischen Klang der Sitar windet wie ein angeschossener Schamane. Die Schüsse liefert Watts, der trotz seiner 77 Jahre gnadenlos auf das Schlagzeug eindrischt. „I look inside myself and see my heart is black“ (Ich schaue in mich hinein und sehe, dass mein Herz schwarz ist), ächzt Jagger. Meint man es nur, oder ist es wirklich dunkler geworden in der Stuttgarter Arena?

Beeindruckende Bilder – vier riesige Video-Leinwände umrahmen die Bühne in Stuttgart.
Beeindruckende Bilder – vier riesige Video-Leinwände umrahmen die Bühne in Stuttgart. | Bild: Sebastian Gollnow / dpa

Es ist diese rohe, verzweifelte Intensität, die die Rolling Stones zur vielleicht wichtigsten Rock-Band der Welt gemacht hat. Begründet ist sie im Blues, dem die Briten auch in Stuttgart Tribut zollen. Unter zuckendem Bühnenlicht geben sie eine sphärische Version von „Midnight Rambler“, die sich mit jedem Takt stärker verdichtet. Ronnie Wood lässt die E-Gitarre jaulen. Charlie Watts lächelt. Und selbst Mick Jagger, der Showman, dreht dem Publikum für einen Moment den Rücken zu, um mit Richards und Wood ein Dreieck zu bilden. Mit gesenkten Köpfen wiegen sich die Männer im stampfenden Rhythmus. Spätestens jetzt ist die Magie der Stones greifbar. So müssen sie bereits 1962 in den elterlichen Wohnungen gejammt haben – und so werden sie wohl auch den kommenden Jahren begegnen: verbunden im Blues.

Ron Wood (links) und Keith Richards beim Auftritt der Rock-Band Rolling Stones in der Mercedes Benz-Arena in Stuttgart.
Ron Wood (links) und Keith Richards beim Auftritt der Rock-Band Rolling Stones in der Mercedes Benz-Arena in Stuttgart. | Bild: Sebastian Gollnow / dpa

In den folgenden 30 Minuten gelingt es der Band, das Feuer weiter zu schüren. Aber das kostet Kraft. Richards hat den Mund mittlerweile permanent leicht geöffnet, Jagger beginnt zu schwitzen – und manchmal, wenn er wieder zu einem seiner Bühnen-Sprints ansetzt, wirkt es, als würde er Stahlkappen-Schuhe tragen. In diesen Momenten trägt die Begleitband die vier Rockgötter weiter nach vorne. Karl Densons Solo bei „Brown Sugar“ hätte nicht einmal Über-Saxofonist Clarence Clemons besser hinbekommen. Irre: Die Zugabe „Gimme Shelter“ mit dem Solo von Sängerin Sasha Allen. Während im Hintergrund Bilder aus Zeiten der „Back To Africa“- und Bürgerrechtsbewegung über den Bildschirm kräuseln, singt sich die 36-jährige Afroamerikanerin am Bühnenrand in Ekstase: „War, children, is just a shot away“ (Der Krieg, Kinder, ist nur einen Schuss entfernt).

Einige der Damen und Herren, die für ihre Tickets höhere dreistellige Beträge hingeblättert haben, haben ihre bühnennahen Sitzplätze zu diesem Zeitpunkt schon verlassen. Besser so: Die letzte Zugabe des Abends, „(I Can’t Get No) Satisfaction“, kann man sowieso nicht im Sitzen mitsingen.