Südkurier

Mahler beim Heurigen

Gustav Mahlers Musik als Essenz – das schafft der aus Überlingen stammende Dirigent Klaus Simon mit seinen Bearbeitungen für Kammer-ensemble. Die 14 Instrumente des Mythen Ensembles Orchestral spiegeln bei der 4. Symphonie nicht nur ein ganzes Symphonieorchester wider, sondern bringen die speziellen Aromen der Musik noch stärker zur Entfaltung. Im ersten Satz erinnert das Ensemble mit seinen süßlichen Streichern an eine Heurigenkapelle. Der Wechsel zum grotesken Ton der Durchführung ist umso beängstigender. Rachel Harnisch verzaubert im Finale mit dunklem, schwerelosem Sopran.

Georg Rudiger

Bild 1: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 4., Artur Schnabel: Lieder, Rachel Harnisch (Sopran), Mythen Ensemble Orchestral, Leitung: Graziella Contratto, Claves.

 

Zurück in die Kindheit

Pünktlich zum Kinostart des Action-Spektakels „Justice League“ erzählt die umfangreiche Anthologie die ganze Geschichte der Superhelden-Truppe. Der Comicband umfasst Abenteuer aus über fünfzig Jahren (1960 bis 2012) und richtet sich schon wegen des stolzen Preises nicht an junge Leser, sondern an jene, die mit Superman, Batman, Wonder Woman, Flash & Co. aufgewachsen sind. Heutigen Comicfans wäre der Stil der ersten drei Jahrzehnte wohl zu sparsam, aber gerade in der zeichnerischen Entwicklung sowie der sich wandelnden Erzählweise liegt die große Faszination des Werks. Eine reizvolle Ergänzung ist das Justice-League-Epos „Der kryptonische Gott“ aus dem Jahr 2015.

Tilmann P. Gangloff

Bild 2: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

„Justice League: Anthologie“. Panini Verlag, Stuttgart. 436 Seiten, 34,99 Euro.

 

Federleicht erzählter Selbstmord

Ein frustrierter Deutscher begibt sich mit einem lebensmüden Japaner auf die Suche nach einem Platz für den perfekten Selbstmord. Klingt trist? Ist es aber gar nicht. Denn wie Marion Poschmann aus dieser schrägen Konstellation unangenehm deutsche Tugenden wie einen ausgesprochenen Hang zum Selbstmitleid ironisch bricht, ist meisterhaft und in höchstem Maße unterhaltsam. Dass eine aktuelle politische Musik dazu den Takt vorgibt, ist unüberhörbar. Für ihren skurrilen Tanz auf dem Grat zwischen Tragik und Komik wurde die Autorin zu Recht mit einer Nominierung zum Deutschen Buchpreis belohnt.

Johannes Bruggaier

Bild 3: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Marion Poschmann: Die Kieferninseln, Roman, Suhrkamp 2017; 168 Seiten, 20 Euro.

 

Wenn Frauen trauern

Kaum ein Regisseur kann Frauen so gut in Szene setzen wie Pedro Almodóvar. Das beweist der Spanier auch in seinem neuen Film „Julieta“. Darin geht es – basierend auf drei Kurzgeschichten der kanadischen Autorin Alice Munro – im Kern um eine Mutter-Tochter-Beziehung. Julieta und ihre Tochter Antía müssen gemeinsam den Tod ihres Ehemannes und Vaters verkraften. Doch anstatt sie in ihrer Trauer zu vereinen, trennt der Schicksalsschlag die beiden Frauen. Mit einer geschickten Erzähltechnik, die zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin- und herschwenkt, und einem einfühlsamen Soundtrack gelingt es Almodóvar auf emotionale Weise, die Geschichte eines familiären Entfremdungsprozesses zu erzählen.

Thomas Domjahn

Bild 4: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Pedro Almodóvar: Julieta. Tobis (1DVD)

 

Nostalgie in drei Dimensionen

Zum Glück kann Brian May nichts wegwerfen. Sonst wäre seine Queen-Biografie – die erste offizielle – wohl nie erschienen. Der Gitarrist der legendären Band zeigt in dem Buch 300 unveröffentlichte Aufnahmen aus seinem Archiv – der Schuber mit Buch und 3-D-Betrachter wiegt über zwei Kilogramm. Es sind Bilder von auf und neben der Bühne, aus den 1970er-Jahren bis heute, Erinnerungen an ein Rockstar-Leben mit Höhen und Tiefen. Das Besondere: May hat die Bilder mit einer Stereokamera aufgenommen, sodass man beim Betrachten der 3-D-Fotos fast glaubt, dabei gewesen zu sein. Geduld ist wichtig – es kann dauern, bis man den Dreh raus hat.

Nicole Riess

Bild 5: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Brian May: Queen in 3D. earBOOKS/Edel, 256 Seiten mit 350 Bildern, 39,95 Euro

 

Klischeefreies Drama

Wer an die Oscars 2017 denkt, erinnert sich vor allem an die peinliche Panne mit dem falsch verkündeten Gewinner. Dabei war das eigentliche, historische Ereignis der tatsächliche Sieger. Barry Jenkins’ „Moonlight“ ist ein Film für die Ewigkeit, ein atemberaubend wahrhaftiges, klischeefreies und berührendes Drama übers Schwarz- und Schwulsein, aber auch über Einsamkeit, Verdrängung und Identitätsfindung. Drei tolle junge Schauspieler teilen sich die Hauptrolle, an ihrer Seite brillieren Mahershala Ali als Dealer der etwas anderen Art oder Naomie Harris als drogensüchtige Mutter. Auch die Bilder sind unvergesslich. Nicht häufig ist ein Film derart zart und kraftvoll gleichzeitig.

Patrick Heidmann

Bild 6: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Moonlight. DVD & Blu-ray, DCM/Universum

 

Fortsetzung der Kult-Serie

1989 startete mit „Twin Peaks“ von David Lynch und Mark Frost ein Fernsehereignis, das die Serien-Welt von heute extrem beeinflusste. Mit der dritten Staffel folgte in diesem Jahr die konsequente Fortsetzung: Erneut aufregende Fernseh-Avantgarde, radikaler Lynch, abstrakt und mysteriös, komisch und grausam zugleich. Bei allen 18 Folgen führte Lynch Regie und unterlief wieder einmal sämtliche Erwartungen.

Ergänzend bewies er auf zwei Soundtrackalben seinen erlesenen Musikgeschmack, und Frost erweiterte den Kosmos um die Bücher „The Secret History of Twin Peaks“ und „The Final Dossier“. Ein rares Meisterwerk in jeder Hinsicht.

Sascha Rettig

Bild 7: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Twin Peaks: The Return, über Sky verfügbar. Import-DVD /Blu-ray ab 5. Dezember

 

Reifes Alterswerk

Ein 74-jähriger Rock-Veteran demonstriert den Youngstern mal wieder, was eine Harke ist: Auf seinem Solo-Album „Is This The Life We Really Want?“ zeigt sich Ex-Pink-Floyd-Sänger und -bassist Roger Waters songthematisch ganz auf der Höhe der Zeit und geißelt gesellschaftliche Missstände und ideologische Vorurteile. „The Last Refugee“ etwa ergreift kompromisslos Partei für die Entrechteten und Ausgebeuteten in der sogenannten Dritten Welt und schleicht sich unaufdringlich, aber dennoch zwingend ins Ohr. Musikalisch orientiert sich Waters weniger am Sound-Bombast der späten Floyd-Alben, sondern eher am Psycho-Folk der frühen Phase. Gut so.

Norbert Faulhaber

Bild 8: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Roger Waters: Is This The Life We Really Want? Sony Music.

 

Eine Große ihres Fachs

Anna Vinnitskaya hat das Zeug, eine der Großen ihres Fachs zu werden. Technisch kann sie alles: Nicht nur im 2. Klavierkonzert von Rachmaninov, auch bei der ebenfalls extrem schweren Rhapsodie über ein Thema von Paganini kommt sie nirgendwo an ihre Grenzen. Ganz im Gegenteil: Oktavengewitter wie rasende Skalenläufe und Arpeggien gehen ihr fast provozierend leicht von der Hand. Zu ihrem virtuosen Potenzial kommt freilich noch eine poetische Tiefe, die sich vor allem in einer hoch differenzierten Anschlagskultur ausdrückt: Kantabler, farbiger kann ein Flügel kaum klingen.

Frank Armbruster

Bild 9: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Rachmaninov: Piano Concerto No. 2, Paganini Rhapsody. Anna Vinnitskaya, NDR Elbphilharmonie Orchester, Ltg. Krzystof Urbanski. Alpha.

 

Jazz und Kunst

Ein stattlicher Bildband fragt nach Wechselwirkungen von Kunst und Jazz im 20. Jahrhundert. In drei Kapiteln stellt die Kunsthistorikerin Sharon Jordan Stilrichtungen und künstlerische Ansätze sowie Künstler und deren Verhältnis zum Jazz vor. Zwar wird die Jazzgeschichte klischeehaft dargestellt, doch trotzdem hat der Betrachter Spaß an Bildern der Kunst, deren führende Vertreter (von Man Ray über Picasso und Pollock bis Basquiat) teils ganzseitig und reich bebildert werden, wie dem Jazz. Letzterer ist auf drei beiliegenden CDs (vom Dixieland über Swing bis Bebop) zu hören, die den jeweiligen Kapiteln zugeordnet sind.

Reiner Kobe

Bild 10: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Jazz and Art – Two Steps Ahead of the Century, von Sharon Jordan, Edel Earbooks, Hamburg 2017, 220 Seiten, 49,95 Euro

 

Vielstimmige Heimat

Lucas Vogelsang hat „eine Weltreise durch Deutschland“ unternommen, um „Heimat, Herkunft, Identität“ auszuloten. Er erzählt vom Wedding, von den Brüdern Boateng. Er trifft am Ammersee den farbigen Ex-Fußballnationalspieler Jimmy Hartwig, begleitet in Pforzheim einen AfD-Politiker mit russischem Migrationshintergrund oder Herrn Duong in Lichtenhagen, der als Schüler aus Vietnam in die DDR kam. Elf verschiedene Lebensgeschichten, die der Journalist mit feiner Poesie der Straße als Kaleidoskop eines vielstimmigen Deutschland zeigt – in dem man gern beheimatet sein möchte.

Maria Schorpp

Bild 11: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Lucas Vogelsang: Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland. Aufbau Verlag, 330 Seiten, 20 Euro.

 

Ein Leben für Schafe

Bienen, Bäume oder Habichte: Unter den vielen Büchern, die sich mit Natur befassen, beeindruckt das von James Rebanks. In der archaischen Landschaft des Lake District betreibt er traditionelle Weidewirtschaft und hält damit die Familientradition aufrecht. Sentimental ist an den Schilderungen des Jahresablaufs nichts, doch ist die Hingabe dieses Schäfers spürbar, der als Junge nicht verstehen konnte, warum die Lehrerin anderes als die Schafzucht wichtig fand. Rebanks hat später dennoch studiert, sich der Literatur zugewandt, doch nur, um wieder in seine geliebten Highlands zurückzukehren: „Das ist mein Leben. Ich will kein anderes.“

Brigitte Elsner-Heller

Bild 12: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

James Rebanks: Mein Leben als Schäfer. C. Bertelsmann Verlag, 2016. 288 S., 19,99 €.

 

Ein preußischer Querdenker

Mein Tipp für lange Winterabende ist der großartige Roman von Michael Roes. „Zeithain“ sagt zwar niemandem etwas, der das Elbe-Dörfchen bei Meißen nicht kennt. Hans Hermann von Katte, der Jugendfreund Friedrichs II. und auf Befehl von dessen Vater 1730 hingerichtet, kennt man aus der Schule. Roes hat die Pflicht erfüllt, Katte endlich ein literarisches Denkmal zu setzen und ihn aus dem Schattenreich des unglücklichen Verlierers zu holen. Herausgekommen ist ein Zeitpanorama mit Katte in der Rolle eines preußischen Querdenkers und homosexuellen Selbstfinders. Die Rahmenhandlung, getragen von einem reisenden Engländer und fernen Nachkommen Kattes, ist zwar nicht stringent entwickelt, aber durch den Besuch der alten Originalschauplätze bereichernd für dieses schöne Buch.

Alexander Michel

Bild 13: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Michael Roes: Zeithain. Verlag Schöffing, Frankfurt/M. 2017, 808 Seiten, 28 Euro.

 

Bach im Vintage-Stil

Bach hätte gestaunt über das, was das Hamburger Ensemble resonanz aus seinem Weihnachts-oratorium gemacht hat. Statt üppiger Festveranstaltung mit riesigem Choraufgebot kehrt es als Hausmusik im besten Sinne zurück ins 21. Jahrhundert. Mit vier Solisten, einer Handvoll Streichern, Trompete, E-Gitarre und Mini-moog geht es hier so karg zu wie im Stall von Bethlehem und doch so urban, wie man sich das WO (wie das Werk unter Musikern heißt) nur wünschen kann. Die Vintage Keyboards verleihen der Auswahl mit dreißig Chören, Arien, Rezitativen und Chorälen einige reizvolle, weil stilfremde Akzente, die den emotionalen Reichtum des WO aber neu erlebbar machen. Wem da nicht die Tränen in den Augen stehen, an dem ist Weihnachten ohnehin verloren.

Elisabeth Schwind

Bild 14: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Johann Sebastian Bach: Weihnachts-oratorium. Ensemble resonanz. resonanzraum records

 

Endlich in Strich und Farbe

Walter Moers Zamonien-Romane haben Welten erschaffen. Kunterbunt und wuselnd und bevölkert von den wunderbar merkwürdigsten Gestalten. So ziemlich jeder Zamonien-Jünger wünschte sich eine Bebilderung der Welt – sei es als Film oder Bildband. Dieser Wunsch wird nun Realität: In Zusammenarbeit mit dem Zeichner Florian Biege veröffentlicht Moers die Comicumsetzung von „Die Stadt der Träumenden Bücher“, die mit ihrer irrwitzigen Geschichte, grandiosen Bildern und toller Colorierung gleichermaßen für Buchkenner, Neueinsteiger, Comic- und Fantasynerds geeignet ist.

Jeremias Heppeler

Bild 15: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Walter Moers & Florian Biege: Die Stadt der Träumenden Bücher (Comic), Bd. 1, Albrecht Knaus Verlag, 112 Seiten 25 Euro.

 

Ein Familien-Lieder-Bilderbuch

Der Carus-Verlag veröffentlicht seit einigen Jahren in seinem „Lieder-Projekt“ tolle Liederbücher. Mit dem neuen Projekt „Die schönsten Lieder“ hat der Verlag ein neues Format gewählt. Das Liederbuch ist so groß und schwer wie ein Kunst-Bildband. Und es lohnt sich, in diesem Wunderwerk zu stöbern. Versammelt sind verschiedenste Lieder, Kinderlieder, Volkslieder und Popsongs, wunderbare, großformatige Bilder (von Frank Walka) und viele Stunden Musik auf CD. Eine Mitsing-MP3-CD mit allen 166 Liedern ist enthalten. Zusätzlich gibt es zwei tolle CDs. Highlight sind hierbei vor allem die Ensembles, wie das Calmus-Ensemble, Hildegunn Hovde oder Sjaella, die tolle Arrangements bekannter Lieder zur Sammlung beisteuern. Ein Muss für alle Lied-Sänger, -hörer und -liebhaber.

Susanne Pantel

Bild 16: Die Redaktion empfiehlt Musik, Bücher und Filme

Die schönsten Lieder. Das große Familienliederbuch. Carus Verlag