Bild: Verlag Waledmar Lutz

Einfach Packend

Es kommt selten vor, dass ich ein Buch ungern aus der Hand lege. Gern macht man sonst mal eine Pause und setzt die Lektüre fort, wenn es wieder passt. Ganz anders war es bei den Menschen-Storys des südbadischen Erzählers Wolfgang Wissler. Denn erstens agieren hier Menschen, wie sie jeder kennt – vom Hausmeister bis zum Geschäftsführer. Und zweitens geht es um ausgeleierte Beziehungen, prickelnde Affären, unmoralische Abgründe und – sprechen wir es offen aus – Gewalt mit Todesfolge, auch aus nachvollziehbar schierer Wut. Diese Abgründe kontrastiert Wissler mit den warmen Farben lieblicher Landschaften wie der Ortenau, dramatischen Berghöhen der Innerschweiz und sonnendurchglühten Stränden Kroatiens. Fazit: Dieses Buch muss lesen, wer sich bestens unterhalten will.

Alexander Michel

Wolfgang Wissler: Er sagt: Töte ihn! Das schwarze Buch der Nöte. Verlag Waldemar Lutz, Lörrach 2019, 318 Seiten, 22 Euro.

Bild: Erato

So schön wie Musiktheater

Die Oper war im Rom des frühen 18. Jahrhunderts päpstlich verboten. So komponierte Georg Friedrich Händel zwischen 1707 und 1710 für seine fürstlichen Gönner Kantaten, die bezüglich Theatralik keinen Vergleich zum Musiktheater scheuen müssen. Emmanuelle Haïm hat für ihr grandioses Ensemble Le Concert d‘Astrée drei davon in einer Referenzaufnahme eingespielt. Die Gesangspartien sind hervorragend besetzt. Sabine Devieilhe modelliert mit ihrem schlackenlosen Sopran spektakuläre Koloraturarien zur höchsten Vokalkunst. Und wenn sie ihre Stimme in stratosphärische Höhen führt, dann legt sich ein fast überirdischer Glanz über die Szenerie. Mit dem hellen, ganz flexiblen Mezzosopran von Lea Desandre finden auch die dramatischeren Töne den passenden Ausdruck.

Georg Rudiger

Georg Friedrich Händel: Italienische Kantaten, Sabine Devieilhe, Lea Desandre, Leitung: Emmanuelle Haïm, 2 CDs, Erato.

Bild: Hatje Cantz

Wenn Künstler Bücher malen

Angesichts der neuen Medien wird oft über das Ende der Lese- und Buchkultur spekuliert. Man muss diesen Kulturpessimismus nicht teilen, auch wenn Gutenbergs Erfindung schon bessere Zeiten gesehen hat. Bücher spiel(t)en aber nicht nur beim Leser eine Rolle, sondern auch in der bildenden Kunst, wie ein überaus lesens- und sehenswerter Band verdeutlicht. Von Rembrandts die Bibel studierender Mutter über den nach einem üblen Zechgelage im Bordell neben der lesenden Madame entschlafenen Edvard Munch bis zu Picasso, den niemand je mit einem Buch gesehen haben soll, offeriert „Von Büchern in Bildern“ ein faszinierendes Spektrum von Gemälden, Zeichnungen und Grafiken, die eines gemeinsam haben: Ob unübersehbar im Mittelpunkt oder versteckt am Rand, jedes von ihnen zeigt ein Buch – oder sogar mehrere.

Siegmund Kopitzki

Jamie Camplin/Maria Renauro: Von Büchern in Bildern, Verlag Hatje Cantz, 256 Seiten, 32 Euro.

Bild: Sony Pictures

Hommage an Hollywood

Niemand setzt die 60er- und 70er-Jahre so gekonnt in Szene wie Quentin Tarantino. Auch in seine Hommage an Hollywood beweist er einmal mehr seine Meisterschaft. Der Film handelt von dem fiktiven, eher zweitklassigen Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und seinen Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt). Diese Handlung verwebt Tarantino mit einem zweiten Erzählstrang, der von der Ermordung der Schauspielerin Sharon Tate, der damaligen Ehefrau von Roman Polanski, durch die Manson Family erzählt. Allein die lässig und augenzwinkernd inszenierten Dialoge von DiCaprio und Pitt sind sehenswert. Und natürlich darf am Ende – typisch Tarantino – eine völlig übertriebene Gewalt-Orgie nicht fehlen.

Thomas Domjahn

Quentin Tarantino: Once Upon A Time In… Hollywood, Sony Pictures, DVD.

Bild: Zsolnay Verlag

In Schuld verstrickt

Slowenien ist als Schauplatz des Zweiten Weltkriegs bislang nur wenig beachtet gewesen. Dabei war das Land – damals noch Teil Jugoslawiens – vom Einmarsch der Wehrmacht in besonderer Weise betroffen: Ein großer Teil der Bevölkerung begrüßte die Soldaten als Befreier, ein anderer sah sich in seinen Freiheitsrechten bedroht. Wie die Besatzung die Gesellschaft zerriss, beschreibt Drago Jancar eindrucksvoll. Es ist eine Gesellschaft, die ohne rechtstaatliche Strukturen auskommen muss und sich nur über Freund-Feind-Verhältnisse definiert. Jancar zeigt, wie Menschen, die eigentlich nur das Gute wollen, sich immer tiefer in Schuld verstricken. Ein so verstörender wie lesenswerter Roman.

Johannes Bruggaier

Drago Jancar: „Wenn die Liebe ruht“, Paul Zsolnay Verlag, 400 S., 25 Euro.

Bild: Polyband

Dramatische Chronik

Zugegeben: Die Chronik einer der verheerendsten Katastrophen der Menschheitsgeschichte ist nicht unbedingt der Stoff, bei dem man an Weihnachten denkt. Doch die Serie von Schöpfer Craig Mazon ist so gut geschrieben, so bedrückend gespielt und so vielfältig gefilmt, dass sie wohl jeder, der sich für das Medium Film oder Geschichte im Allgemeinen interessiert, gesehen haben sollte. Jede Folge wird zum eigenen Genre-Vertreter. Eine Episode markiert einen Katastrophenfilm, eine andere entwickelt sich zum Gerichtsdrama, dazwischen erforschen wir post-apokalyptische Szenarien. Dazu funktioniert die HBO-Dramaserie aber auch als Geschichtsstunde, die viele Aspekte beleuchtet, die eigentlich längst Allgemeinwissen sein sollten.

Jeremias Heppeler

Chernobyl, Polyband, DVD/Blue-Ray.

Bild: Universal Pictures

Komisch, spannend, sexy

Besinnlich geht es in „Killing Eve“ wahrlich nicht zu, doch das sollte niemanden hindern, eine der besten und ungewöhnlichsten Serien der letzten Jahre zu verschenken. Zwischen einer exzentrischen Profikillerin und einer Geheimdienstmitarbeiterin entspinnt sich ein irres Katz-und-Maus-Spiel, das nicht unbedingt realistisch, aber unglaublich brutal, ebenso komisch und sogar irritierend sexy ist. Anfang Dezember erscheint die zweite Staffel der BBC-Produktion, die ein wenig darunter leidet, dass die ursprüngliche Schöpferin Phoebe Waller-Bridge nicht mehr die Fäden in der Hand hielt. Aber die Hauptdarstellerinnen Sandra Oh und Jodie Comer sind noch immer eine Wucht! Am besten gleich beide DVDs unter den Baum legen.

Patrick Heidmann

Killing Eve, Staffel 1 & 2, Universal Pictures

Bild: Tapete Records

Funkelnder Diamant

Auf den Alben von Robert Forsters ehemaliger Band, den Go-Betweens, fänden sich immer zwei Songs, die diese Gruppe zur weltbesten küren würden, konstatierte einmal ein britischer Musikjournalist – und da ist etwas dran. Auf den Solo-Platten Forsters gibt es hingegen stets nur noch einen dieser funkelnden Diamanten – aber der macht den Australier regelmäßig zum größten lebenden Pop-Songwriter. Auf „Inferno“ ist das zweifellos Track Nr. 9: „One Bird In The Sky“. Wie kommt es, dass ein derart unwiderstehlicher Ohrwurm seinen Schöpfer nicht in höchste Charts-Ränge katapultiert? Ganz einfach: Weil ein kleines Label wie Tapete Records nicht das Budget hat, um richtig Werbung zu machen...

Norbert Faulhaber

Robert Forster: Inferno, CD/LP, Tapete Records.

Bild: Hyperion

Nichts reicht hier heran

Die Violinsonaten von Mozart und Beethoven haben Alina Ibragimowa und Cédric Tiberghien bereits komplett aufgenommen, nun haben sie mit den drei Sonaten für Violine und Klavier von Johannes Brahms nachgelegt. Und ganz egal, was man zum Vergleich heranzieht, ob Perlman, Zukerman oder Heifetz – alles wirkt merkwürdig pauschal gegenüber dem bis ins letzte Detail ausformulierten Spiel des russisch-französischen Duos. Keine andere mir bekannte Aufnahme erreicht auch dessen emotionale Dringlichkeit. Dass sich außerdem das großformale Ganze schlüssig aus der liebevollen Arbeit am Detail ergibt, ist vielleicht das eigentliche Wunder dieser Einspielung.

Frank Armbruster

Johannes Brahms: Violin Sonatas. Alina Ibragimowa, Cédric Tiberghien. Hyperion.

Bild: Klett Cotta

Rache ist süß

Der kleine Paul stürzt vom 2. Stock des Elternhauses auf den Sarg seines Großvaters, der gerade mit großem Pomp beerdigt werden soll. Das ist das Ausgangsszenario dieses Romans, der in gehobenen Kreisen der Pariser Gesellschaft in den 1920er-Jahren spielt. Beerdigt werden sollte Marcel Péricourt, ein mächtiger Bankier, der seiner alleinstehenden Tochter Madeleine, der Mutter von Paul, ein reiches Erbe hinterlässt. Das weckt Begehrlichkeiten. Der in Geschäftsdingen ziemlich unbedarften Madeleine spielt man übel mit, sie verliert so ziemlich alles. Wie sie daraufhin ihren Rachefeldzug plant und führt, das fesselt bis zur letzten Seite. Große Erzählkunst!

Roland Wallisch

Pierre Lemaître: Die Farben des Feuers. 479 Seiten. Verlag Klett-Cotta. 25 Euro.

Bild: Deutsche Grammophon

Harry Potter im Konzertsaal

Für viele klassische Musiker ist Filmmusik ein niederes Genre. Vor der Musik von John Williams aber haben dann doch alle Respekt. Kein Wunder, seine Musik zu Filmen wie Harry Potter, Star Wars oder Schindlers Liste hebt sich qualitativ deutlich ab von der Arbeit mancher seiner Kollegen. All das weiß auch Anne-Sophie Mutter. Auf ihrer CD greift sie aber nicht bloß Filmmusiken von Williams auf, sondern hat mit ihm und seinem Orchester in Los Angeles zusammengearbeitet. Williams hat seine Stücke eigens für die Geigerin überarbeitet, virtuose Solopartien und Kadenzen hineinkomponiert, was sie wiederum in aller Perfektion umsetzt. Williams‘ Filmmusik ist endgültig reif für den Konzertsaal.

Elisabeth Schwind

Anne Sophie Mutter/John Williams: Across the Stars, Deutsche Grammophon

Bild: PIPER

 

Fesselnde Science Fiction

Das Foto zeigt ein Paar mit einem Baby. Aber der Mann und die Frau kennen sich gar nicht, ein gemeinsames Kind haben sie erst recht nicht. Mit diesem mysteriösen Foto aus der Zukunft beginnt das zweibändige Romandebüt von TV-Regisseur Hansjörg Thurn. „Earth“ ist ein packender Science-Fiction-Thriller, der in der Gegenwart spielt und von einer Verschwörung der Wirtschaftselite handelt. Ein Supercomputer hat eine Simulation des Jahres 2045 errechnet: Die Regierung der Erde wird von Konzernen gesteuert. Einziger Gegner ist die Widerstandsorganisation „Earth“. Ihr Anführer wird ein junger Mann sein, den die Heldin erst im zweiten Band zur Welt bringt – das Baby auf dem Foto.

Tilmann P. Gangloff

Hansjörg Thurn: „Earth – die Verschwörung“ und „Earth – der Widerstand“. Piper-Verlag. Je 15 Euro

Bild: Siedler Verlag

Mit kritischer Sympathie

Kaum eine Familie hat Deutschland so geprägt wie die Weizsäckers. Über vier Generationen hinweg bekleidete sie hohe staatliche und wissenschaftliche Ämter. Karl Hugo Weizsäcker war der letzte Ministerpräsident des Königreichs Württemberg, sein Sohn Ernst Heinrich verdingte sich als Staatssekretär der NS-Regierung. Dessen Sohn Richard schließlich rückte zum Bundespräsidenten auf. Dabei fingen die Weizsäckers klein an, ihre Brötchen verdienten sie sich als Müller im Hohenlohischen. Der Biograf Hans-Joachim Noack, 79, kennt die Zeitgeschichte bestens. Die Weizsäckers schildert er mit kritischer Sympathie.

Uli Fricker

Hans-Joachim Noack: Die Weizsäckers. Eine deutsche Familie. Siedler Verlag München, 462 Seiten, 20 Euro

Bild: Universal Music

Kinderversteher

Eltern kennen die Fremdscham beim Vorlesen – es gibt einfach furchtbare Kinderbücher. Und es gibt auch furchtbare Kindermusik. Aber: Zum Glück gibt es auch Deine Freunde. Das Trio veröffentlicht am 22. November bereits sein fünftes Album mit Liedern, die Kinder und Eltern gern hören – und für die sich keiner schämen muss. Im Gegenteil: Wer Deine-Freunde-Songs wie „Schokolade“ oder „Die besten gemeinsten Eltern der Welt“ kennt, kann nicht anders, als auch die „Ameisenscheiße“-rufenden Erwachsenen im Song „Cheese“ oder das Stück über die „Elternvertreterwahl in der Kita“ zu lieben. Schon mal vormerken: Am 23. Februar kommen Deine Freunde nach Zürich, am 15. März nach Stuttgart.

Nicole Riess

Deine Freunde: Helikopter. Sturmfreie Bude/Universal Music

Bild: Rough Trade/dpa

Trauerarbeit

Diese persönliche Tragödie lässt Nick Cave nicht los. Bereits „The Skeleton Tree“ entstand 2016 unter dem Eindruck der Erschütterungen, die der Musiker nach dem Unfalltod seines Sohns Arthur durchlitt. Auch das Folgewerk „Ghosteen“ ist von der ersten bis zur letzten Minute von der Trauer durchdrungen. Manch einer mag die mystischen Bilder-, Gedanken- und Musikwelten als so kitschig empfinden wie das Albumcover mit der überzeichneten Paradiesszene. Wer sich „Ghosteen“ und den nackten Emotionen darauf aber stellt und sich in dieses düstere Werk versenkt, erlebt so etwas wie intimes Verlust- und Sehnsuchtsepos. Nicht ohne Hoffnung und doch unsagbar schmerzhaft.

Sascha Rettig

Nick Cave & the Bad Seeds: Ghosteen, Rough Trade