Nächte sind Verstecke. Ihre Dunkelheit verbirgt das Verbrechen ebenso wie die Leidenschaft. In der Nacht werden Menschen gezeugt und es werden Menschen verschleppt. Die Nacht ist neutral. Für die einen ein Segen, für die anderen eine Zeitspanne des Horrors.

Ständige Repressalien

Der sowjetische Komponist Dmitri Schostakowitsch musste während Stalins Diktatur erleben, wie etliche seiner Künstlerfreunde über Nacht in den Gulags verschwanden. Auch er selbst sah sich ständigen Repressalien ausgesetzt. Seine Musik wurde für ihn zu einem Versteck – zur Kunst, nach außen zu funktionieren, sich dabei aber nicht aufzugeben.

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Auch der britische Komponist Benjamin Britten musste etwas verbergen: seine Homosexualität. Dass er mit dem Tenor Peter Pears eine Liebesbeziehung einging, war in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts alles andere als ein akzeptiertes Vorgehen. Doch die Liebe zueinander trug beide bis zu Brittens Tod 1976 und bescherte der Nachwelt einige wunderbare Kompositionen für Tenor – darunter auch die Serenade für Tenor, Horn und Streicher, die 1943 in London uraufgeführt wurde.

Monumentale Symphonie

Die Südwestdeutsche Philharmonie hat nun Brittens „Serenade“ mit Schostakowitschs monumentaler 10. Symphonie unter dem Titel „Im Schutz der Nacht“ im Konstanzer Konzil zu einem der vielleicht ambitioniertesten Programme in dieser Saison zusammengefasst. Es sind zwei sehr unterschiedliche Kompositionen, die aber doch einiges miteinander verbindet, vor allem die Erlebnisse des Krieges und der Diktatur und die damit verbundene persönliche Verunsicherung.

Entsprechend disparat sind die Stücke, voller Brüche und Widersprüche, und voller emotionaler Tiefgänge, die die Südwestdeutsche Philharmonie unter Leitung von Marcus Bosch in aller Intensität erlebbar machte.

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Britten hat seinen Liedzyklus nicht nur seinem Lebensgefährten Peter Pears, sondern auch dem Hornisten Dennis Brain auf den Leib geschrieben. Die einzelnen Sätze räumen beiden eine prominente Rolle ein – die in Konstanz Robin Tritschler (Tenor) und Carsten Duffin (Horn) aufs Schönste ausfüllten. Das Horn evoziert romantische Naturstimmung ebenso wie es als virtuoser Gegenspieler der Singstimme auftritt.

Düsteres Herzstück

In „Elegy“, dem düsteren Herzstück des Zyklus, evoziert es mit einem einzigen Halbtonschritt jene Abgründe der zerstörerischen Erotik, von der William Blake in seinem kurzen Gedicht („O Rose, thou art sick!) spricht – die Texte mitsamt Übersetzung konnte man im Konzert dankenswerterweise auf Zetteln verfolgen.

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Es ist diese Nachtseite, zu der uns Robin Tritschler ausgehend von der friedlichen Pastorale Satz für Satz führt. Sein Tenor hat ein hohes Timbre und vermittelt eine angenehme Peter-Pears-Authentizität. Nur im anschließenden Grabgesang („Dirge“) auf einen Text des 15. Jahrhunderts hätte man sich die ständige Wiederholung der mahnenden Refrainzeile „And Christ receive thy saule“ („Und Christ erbarm sich dein!“) noch obsessiver vorstellen können.

Der Tenor Robin Tritschler.
Der Tenor Robin Tritschler. | Bild: Garreth Wong

Grabgesang und Obsessivität sind auch passende Stichworte für Schostakowitschs 10. Symphonie. „Die meisten meiner Symphonien sind Grabdenkmäler“, notierte er in seinen Memoiren. „Zu viele unserer Landsleute kamen an unbekannten Orten um.“ Seine 10. Symphonie schrieb Schostakowitsch 1953, kurz nach Stalins Tod. Er konnte wieder aufatmen, aber eine Jubelsymphonie ist es dennoch nicht geworden. Im Gegenteil klingen in ihr die Repressalien nach, denen Schostakowitsch seit den Dreißigerjahren ausgesetzt war. Darüber können auch einige vordergründig unbeschwerten Themen nicht hinwegtäuschen. Früher oder später bricht sich die düstere Nacht wieder Bahn.

Bitterböse Groteske

Marcus Bosch lebt die Brüche in dieser Musik aus – und formt alles Disparate doch zu einer großen Gesamteinheit. Die bitterböse Groteske des zweiten Satzes – manche sehen darin ein Porträt Stalins – trieb er auf die Spitze. Erschütternd auch wie Schostakowitsch mit dem viertönigen Motiv umgeht, das seine eigenen Initialen präsentiert. Immer wieder kehrt es zurück – d, es, c h – und immer obsessiver wirkt es, so als würde der Komponist auf sich selbst einprügeln wollen. Marcus Bosch mildert auch diesen Zug nicht ab und schafft so gemeinsam mit dem bestens aufgelegten Orchester ein erschütterndes Beispiel für die zerstörerischen Kräfte der Nacht.

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Wenn es nicht der gängigen Konzertdramatugie widersprechen würde, hätte man sich Arvo Pärts einleitenden „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“ auch sehr gut als versöhnlichen Schlusspunkt vorstellen können. Der estnische Komponist schrieb das Stück unter dem Eindruck von Brittens Tod, und man kann es auch als Meditation über den Tod hören – die in ihrer bewusst schlichten Machart wie Balsam für die zerschundene Seele wirkt. Die Nacht kann auch barmherzig sein.

Weitere Aufführung: Mittwoch, 22. Januar, 19.30 Uhr, Konzil Konstanz. Tickets:
http://www.philharmonie-konstanz.de

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