Er war die stille Prominenz am See. Als Komponist und Dirigent genoss Hans Zender hohes Ansehen in den entsprechenden Musikkreisen. Aber als er vor wenigen Jahren seinen Wohnsitz endgültig von Freiburg nach Meersburg verlegte und dort mit seiner Frau Gertrud das legendäre Glaserhäusle bezog, das bereits Annette von Droste-Hülshoff in einem Gedicht beschrieb, da nahmen nur wenige davon Notiz. Vielleicht war es dem Ehepaar sogar recht.

Hans Zender mit seiner Frau Gertrud in ihrem Meersburger Heim.
Hans Zender mit seiner Frau Gertrud in ihrem Meersburger Heim. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Hier, hoch über dem Bodensee, lebte Hans Zender für seine Kunst. Das dem Glaserhäusle beigesellte Holzhäuschen, eine ehemalige Scheune, diente ihm als Bibliothek und Arbeitsraum. Bilder von verehrten Komponisten wie Bernd Alois Zimmermann hingen hinter dem wuchtigen Schreibtisch, der einstmals dem Philosophen Fritz Mauthner gehörte, einem der Vorbesitzer des Glaserhäusles.

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Hans Zender wirkte zufrieden hier. Irgendwie angekommen. Und das, obwohl er einen jahrelangen Behördenkampf hinter sich bringen musste, um gegenüber der alten Scheune ein spiegelbildlich angelegtes Atelier errichten zu dürfen. Ein Flügel steht darin und an den Wänden hängen japanische Kalligraphien – Zender war ein Kenner und Liebhaber der asiatischen Kultur, was auch in seiner Musik Niederschlag fand. Dass die Stadt zunächst argwöhnte, er wolle den Erweiterungsbau als Ferienwohnung für Touristen nutzen, und ihn dewegen jahrelang „zappeln ließ“, regte ihn allerdings bis zuletzt auf. „Ich verstehe mich als Künstler und bin hier nicht auf Sommerfrische“, schimpfte er.

Lange mussten die Zenders auf die Baugenehmigung warten. Der Erweiterungsbau wird als Atelier genutzt.
Lange mussten die Zenders auf die Baugenehmigung warten. Der Erweiterungsbau wird als Atelier genutzt. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Das war im Sommer 2018. Damals war Zender schon gezeichnet von seiner Krankheit. Er wirkte zerbrechlich und klagte über die schwindende Sehkraft. Im Kopf aber war er noch hellwach. Er blickte nach vorne. Gerade erst hatte er mit dem Frankfurter Ensemble Modern – einem der wichtigsten Ensembles für Neue Musik -, mit der Stadt Meersburg und seiner Hans und Gertrud Zender-Stiftung die Meersburger Konzert-Gespräche ins Leben gerufen, die im September 2018 erstmals über die Bühne gingen – eine Denkwerkstatt mit Konzerten, Vorträgen, Symposium und öffentlichen Proben, die sich auch, aber längst nicht nur um sein Werk drehten. Sie fanden im Sommer dieses Jahres ihre Fortsetzung und sollen auch im nächsten Jahr stattfinden. Termin (18. und 19. April 2020) und Programm stehen bereits – Zender hat es noch selbst erstellt. Aber auch über 2020 hinaus soll die Reihe fortgeführt werden, wie Christine Johner, Kulturamtsleiterin in Meersburg, mitteilte. Darüber, so Johner, müsse jetzt der Stiftungsrat der Hans und Gertrud Zender-Stiftung entscheiden.

Hans Zender in seinem Atelier.
Hans Zender in seinem Atelier. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Zenders Erbe wird aber auch darüber hinaus Bestand haben. Zwar stand sein Komponieren immer ein wenig im Schatten seiner Dirigentenkarriere, die ihn, den gebürtigen Wiesbadener, nach Bonn und Kiel, als Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters nach Saarbrücken, als Kompositionslehrer nach Frankfurt, als Chefdirigent zur Hamburgischen Staatsoper und schließlich als ständiger Gastdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg in die Schwarzwaldmetropole führte. In jedem Fall aber wird Zender als Erfinder der „komponierten Interpretation“ in die musikalischen Annalen eingehen. Seine behutsam in ein Neue-Musik-Orchestergewand gekleidete „Winterreise“ von Franz Schubert (1993) dürfte zu den meistgespielten Werken der Neuen Musik gehören und wurde im Zürcher Opernhaus sogar als Ballett gezeigt. Es wird Hans Zender, der nun mit 82 Jahren in Meersburg gestorben ist, unsterblich machen.