Herr Helbock, wenn Sie in einigen Wochen als „Artist in Residence“ beim Konstanzer Jazzherbst auftreten, ist das nicht Ihre erste Begegnung mit der Konstanzer Jazzszene. Können Sie sich an die erste Begegnung noch erinnern?

Mit dem Jazzclub bin ich schon sehr lange verbunden. Eines meiner ersten Konzerte überhaupt habe ich dort gespielt und danach immer mal wieder. Das war in einer Reihe, in der sie junge Künstler vorgestellt haben.

In welche Richtung haben Sie sich seither entwickelt?

Ich habe mich sicherlich weiterentwickelt, aber vor allem habe ich viele unterschiedliche Sachen ausprobiert – sowohl an Formationen als auch an Stilen. Mal brasilianische, mal afrikanische Musik – die weltmusikalischen Einflüsse spielen eine große Rolle, aber auch die klassische Musik. So habe ich mir über die Jahre meinen eigenen Fundus an Musik, die mich inspiriert, aufgebaut und mit meiner eigenen Musik zusammengemischt.

Sie kommen aus dem Vorarlberg. Und in dem Video „Chicken“ zu dem gleichnamigen Titel Ihres Trios „Random/Control“ sieht man Sie und Ihre Mitmusiker zwischen Hühnern musizieren. Inwieweit reichen Ihre musikalischen Wurzeln denn auch ins Alpenland zurück?

Ich habe immer mal wieder auch Vorarlberger Volkslieder arrangiert. Und die beiden Mitmusiker aus meinem Trio „Random/Control“ sind noch mehr in der Volksmusik verwurzelt. Die sind beide im Bregenzerwald in Musikerfamilien aufgewachsen, wo man wirklich auch Blasmusik in den Familien gespielt hat. Mein Vater hingegen war klassischer Musiker, ein Gitarrist, da habe ich mehr die klassische Musik mitbekommen, aber natürlich hat mich die Volksmusik auch immer angezogen.

Ist es kennzeichnend für den jüngeren Jazz, dass er so viele Einflüsse aufnimmt, die älteren Generationen eher unvereinbar erschienen?

Das sehe ich schon auch so. Bei mir ist es so, dass vor allem die emotionale Ebene wichtig ist. Wenn mich eine Musik anspricht, dann will ich sie auch aufsaugen – aber nicht in dem Sinne, dass ich beispielsweise brasilianische Musik perfekt lernen möchte. Es geht mehr darum, sie in meine Welt zu holen und etwas Eigenes daraus zu bauen. Jazz hatte schon immer den Anspruch, innovativ zu sein und etwas Neues zu kreieren. Aber ich weiß gar nicht, ob das in dem Sinn noch möglich ist, wie es früher mal war. Sondern es ist wahrscheinlich nur möglich, wenn man unterschiedliche Sachen kombiniert, die man so vielleicht noch nicht kombiniert hat.

In Konstanz sind Sie in drei Formationen zu hören – zuerst mit dem Trio „Random/Control“, dann solo und zuletzt mit Ihrem David Helbock Quartett. Geht es da auch jeweils um unterschiedliche musikalische Stile?

Auf jeden Fall. In dem Soloprogramm spiele ich Filmmusik von John Williams – die zugehörige CD ist erst vor einem Monat erschienen. Filmmusik hat mich immer gefesselt. Ich gehe gerne ins Kino und dadurch hat mich auch die Filmmusik immer inspiriert. Im Grunde ist das ja auch eine alte Jazz-Angewohnheit. Die früheren Bebop- und Jazzgrößen haben ja ebenfalls Broadway-Musicals genommen und ihre eigenen Melodien drüber geschrieben. Aber mir ist die Musik von einem Film wie „E.T:“, den ich als Kind bestimmt zwanzig Mal gesehen habe, musikalisch näher als ein Jazz-Standard, den ich natürlich auch irgendwann gelernt habe. Also ist es für mich logischer, seine Musik als Inspirationsquelle zu nehmen.

Über Random/Control haben wir bereits gesprochen. Und auch wenn es „nur“ eine Trio-Besetzung ist, ist sie doch dem Big-Band-Sound verpflichtet.

Ja, genau. Wir sind zwar nur zu dritt, spielen aber bis zu dreißig Instrumente. Hier spielen wir Jazz-Standards, die wir auch auf der CD „Tour d‘horizon“ eingespielt haben. Hier finden sich eigentlich alle meine Jazz-Pianisten-Helden wieder, etwa Keith Jarrett oder Herbie Hancock.

Random/Control beschreibt ein Gegensatzpaar – den Zufall und die Kontrolle. Beides spielt ja im Jazz und auch in der Neuen Musik eine große Rolle. Ist der Name Programm?

Ja, generell sind mir Kontraste wichtig. Sie erzeugen Spannung. Zufall und Kontrolle oder sagen wir Freiheit und Kontrolle sind diese Pole, zwischen denen man immer wieder wechselt.

Zu welchem Pol fühlen Sie sich stärker hingezogen?

Ich bin schon jemand, der sehr ausgeklügelte Konzepte entwirft und gerne kontrolliert. Vielleicht umgebe ich mich gerade deswegen mit solchen Musikern wie Johannes Bär und Andrea Broger von Random/Control, weil die mehr aus dem Bauch heraus spielen. Das ergänzt sich dann prima.

Ist das „David Helbock Quartet“ ebenfalls eine feste Formation?

Ja, mit diesem Quartett, an dem auch eine Vokalistin beteiligt ist, gibt es aber noch keine CD. Und wir spielen auch nicht so viel zusammen. Es ist also eher etwas Besonderes, dass wir in Konstanz spielen. Wir haben aber auch ein fixes Programm, überwiegend mit Eigenkompositionen von mir. Sie sind den Frauen gewidmet, die in meinem Leben wichtig waren und sind. Da ist Emmily Dickens ebenso dabei wie meine Mutter. Auch das Lied „Loreley“ von Clara Schumann habe ich arrangiert.

Fragen: Elisabeth Schwind

Helbock beim Jazzherbst

David Helbock wurde 1984 in Kob-lach, Vorarlberg, geboren. Er studierte am Vorarlberger Landeskonservatorium und parallel dazu privat Jazzpiano bei Peter Madsen. In Konstanz trat er erstmals 2005 bei einer NewComerNight auf. Inzwischen spielt er überall auf der Welt. Beim 40. Konstanzer Jazzherbst (23.-26. Oktober 2019) ist er als Artist in Residence eingeladen und gibt drei Konzerte – eines mit seinem Trio Random/Control (23.10., 20 Uhr, Kulturzentrum), einem Solokonzert (25.10., 20 Uhr, Kunstverein in der Ausstellung OTGO) und mit dem David Helbock Quartet am 26.10., 20 Uhr (Kulturzentrum). An denselben Abenden und zu weiteren Terminen treten noch weitere Formationen innerhalb des Jazzherbstes auf. (esd)
Infos: http://www.jazzclub-kontanz.de