Will man die neuere Kunstgeschichte Baden-Württembergs ab der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in komprimierter Form kennenlernen, dann bietet sich ein Besuch des Hans-Thoma-Museums in Bernau an.

Ein Raum in dem Museum, das im Wesentlichen Hans Thoma (1839-1924) gewidmet ist, über viele Jahre Deutschlands beliebtester Landschafts- und Porträtmaler, beherbergt Kunstwerke von mehr als 40 Malern, Grafikern, Bildhauern, Foto- und Objektkünstlern. Sie alle erhielten den ab 1950 alle zwei Jahre vergebenen Kunstpreis des Landes.

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Zu den Arbeiten von beispielsweise Otto Dix, Anselm Kiefer, Werner Pokorny, Karin Sander, Tobias Rehberger, Silvia Bächli und Alfonso Hüppi kommt nun demnächst ein Gemälde von Christa Näher hinzu. Die in Wolfegg im Allgäu lebende Malerin erhielt den mit 10.000 Euro dotierten Hans-Thoma-Preis.

Die langjährige Praxis der Künstlerin, die kontinuierlich und auf höchstem künstlerischem Niveau tiefgründige und einprägsame Werke schafft, überzeugte die Jury. Näher sei eine herausragende Künstlerin, die ihren Stil konsequent und unabhängig von Modeströmungen beibehalten hat.

Wanderung mit Höhen und Tiefen

In Nähers Malerei, mit der man sich nun in der Ausstellung „Schwarze Wanderung“ auseinandersetzen kann, spürt man die Referenz an die großen Meister des Barock, aus der Malerei der Niederländer und Spanier. Die 72-jährige Künstlerin, die als erste Professorin lange Jahre an der Frankfurter Städelschule unterrichtete, unternimmt im tiefsten Südschwarzwald eine intensive Wanderung mit Höhen und vor allem mit Tiefen.

So tauchen sagenhafte Landschaften, seltsame Mischwesen wie Zentauren und Werwölfe, Blutspinnen, schwarze Witwen, Totentänze, russische Gutsleute, spanische Inquisitoren, Schlossherren und Stallburschen, Pferdegestalten, ein Zuhause und die Künstlerin selbst auf. Letztlich ist das aber auch immer eine Verflechtung von Kunst und Leben.

Visionen aus der Kindheit

Näher, 1947 in Lindau geboren, bezeichnet sich selbst als Medium für viele Jahrhunderte, ihre Werke als innere Wanderung. Die Visionen ihrer Kindheit – Krieg, Natur, Liebe, Hass nennt sie als exemplarische Begriffe – habe sie nur mit der Malerei bändigen können.

Zu ihrem Minotaurus etwa erklärt sie, die Natur zwinge uns in die Knie, selbst wenn sie wie hier sinnbildlich kopfüber auf den Schultern liege. Mit der Umschreibung „Schwarze Erde, Krieg, Katholizismus, Schönheit“ charakterisiert sie ihr Porträt des Südschwarzwalds.

Tiefe Verbindung zur Natur

Was Näher selbst als ihre „triebhafte Verbundenheit mit der Natur“ bezeichnet, kann jederzeit Gewalt und Zerstörung an die Oberfläche spülen. Ihre tiefe innere Schwärze spiegelt das Unterbewusste, das sich danach verzehrt, erkannt zu werden. Schwarze Bilder, die psychoanalytische Lesarten über Isolation und die Undurchschaubarkeit seelischer Tiefen zulassen.

Die Ausstellung „Schwarze Wanderung“ im Hans-Thoma-Kunstmuseum in Bernau ist bis 13. Oktober 2019 zu sehen. Geöffnet ist das Museum Mittwoch bis Freitag von 10.30 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr sowie am Wochenende jeweils von 11.30 bis 17 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.