Die Boulekugeln rollen wieder. Es ist Friede, endlich. Ein wackliger, wie nach jedem Bürgerkrieg, aber das beunruhigt die Leute nicht. Das Gemetzel zwischen den beiden Brüdern Eteokles und Polyneikes hat Theben zerrissen. Am Ende haben sie sich selbst gegenseitig totgeschlagen, und die Macht ist auf ihren Onkel Kreon übergegangen. Den Saubermann, ohne Vergangenheit wie die der Brüder und ihrer Schwestern Antigone und Ismene. Deren Vater Ödipus ist gleichzeitig ihr Halbbruder, er hat seine Mutter geheiratet, mit der er die Geschwister gezeugt hat. Kreon ist sich seiner ganzen Integrität bewusst, wie er vor sein Volk tritt.

In der „Antigone“-Inszenierung der Singener Färbe spielt Patrick Hellenbrand den Machtmenschen, der seine Chance ergreift. Den Leuten ist es recht, soll er es richten. Hauptsache Ruhe. Und dann stehen mit einem Mal die beiden strengen Frauen mitten auf dem schönen Bouleplatz. Antigone und Ismene, die mit der geerbten Vergangenheit. Gunther Möllmann, erstmals Gastregisseur in der Färbe, hat ein schönes Bild für einen dem Stück vorangestellten Prolog gefunden. Ein Kind erzählt diese haarsträubende Vorgeschichte mit dem Sohn, der den Vater erschlagen und die Mutter geheiratet hat. Die kleine Penelope Kühling macht das mit überwältigender Natürlichkeit: kindlich bestimmt erzählt sie von diesen Ungeheuerlichkeiten. Und die Geschichte geht weiter, die der Menschen, die offenbar die Katastrophe brauchen, um ihren Verstand (vorübergehend) zu gebrauchen.

Fast alles spielt sich im Rechteck ab, einem großen Sandkasten gleich, den Gunter Möllmann für die tragischen Akteuren in der Basilika aufgestellt hat. Er lässt Sophokles' „Antigone“ in der Übersetzung von Friedrich Hölderlin und der Bearbeitung von Martin Walser und Edgar Selge spielen, was eine gute Entscheidung ist. Der Text ist zugänglicher, hat aber seine lyrische Kraft dadurch nicht verloren. Milena Weber spielt Antigone als weltliche Gegnerin des Kreon, als jugendliche Rebellin. Ihr Anliegen ist erst in zweiter Linie das göttliche Recht, das Kreon ihrem toten Bruder Polyneikes verweigert, indem er verbietet, ihn zu begraben. Dieser Antigone geht es um Widerstand gegen die Arroganz der Macht.

Milena Webers Gesicht ist manchmal ganz verzerrt vor Wut und Empörung. Sie erträgt diesen anmaßenden König von Theben einfach nicht – und nicht seinen Herrschaftsanspruch über ihren Freiheitsanspruch. Hier geht es nicht mehr darum, ob das göttlich-ethische oder das weltliche (Staats)Recht höher steht. Die Ismene von Daniela Maria Fiegel ist nur noch eine Pragmatikerin, die sich arrangieren will. Ihre Lederjacke muss aus einem früheren Leben stammen. Dabei ist schön zu beobachten, wie sich alles hochschaukelt, wie jeder seinen Part erfüllt in diesem Spiel, das nach den Regeln der Eskalation gespielt wird. Elmar Kühlings Wächter wird zu recht viel Raum gegeben. In seinem Verhalten spiegelt sich die Seele des Bürgers ohne eigener Machtbasis: Schauen, dass man irgendwie den Kopf aus der Schlinge zieht. Mündiger Bürger? Ein Luxus, den er sich nicht leisten kann.

Das ist alles eine hochemotionale Angelegenheit, und bei Günther Möllmann dürfen sich die Emotionen ausleben. Manche Szenen drohen dabei ins Theatrale zu kippen, wie die, wenn Daniela Maria Fiegel als Gattin des Kreon am Ende vom Tod ihres Sohnes hört, den Ben Ossen spielt. Wie alle befördert dessen Haimon ungewollt die Eigendynamik, die die Konstellation angenommen hat. Es ist bei Patrick Hellenbrand schön zu sehen, wie es Kreon bereits als Angriff auf seine Person empfindet, dass sich sein Sohn für seine Braut Antigone einsetzt. Dem Seher Tiresias, den Helmut Jacobi als wütenden alten Mann darstellt – Winona Kühling ist das Kind, das den Blinden hereinführt –, unterstellt er, er sei nur aufs Geld aus. Das alles muss man gar nicht nur psychologisch auffassen: Wer die Macht will wie Kreon, muss sie ganz wollen. Jeder Kompromiss wird als politische Schwäche verstanden.

Gunther Möllmann und das herausragend spielende Färbe-Ensemble, bestens in Szene gesetzt insbesondere auch als Chor, haben die Gegenwart mit Sophokles aufgerollt. Wer etwas zu diversen aktuellen Staatsmännern und den Gesetzen der Macht erfahren möchte, das nicht zu den schnell verderblichen News gehört, dem sei ein Besuch in der Färbe empfohlen.

Vorstellungen jeweils mittwochs bis samstags. Karten unter Telefon 07731/64646 oder 62663.

Antigone

In der griechischen Mythologie ist Antigone Teil des Herrschergeschlechts von Theben. Sie ist zugleich Tochter und Schwester von Ödipus, der unwissentlich seinen Vater erschlagen und die eigene Mutter geheiratet hatte. Dies hängt als Fluch über der Familie und führt nun in der Tragödie „Antigone“, wie Sophokles sie erzählt, zu weiterem Unheil. Antigones Onkel Kreon übernimmt nach dem Tod von Antigones Brüdern die Herrschaft in Theben, was sich Antigone nicht gefallen lassen will. Es kommt zu einem Machtkampf, der sich vordergründig an der Art der Bestattung von Antigones Bruder Polyneikes entfacht, und schließlich eine Kette von Suiziden auslöst. (sk)