Herr Quasthoff, Ihr neues Album...

Puh, was für eine Arbeit. (Quasthoff signiert gerade Autogrammkarten): Ich weiß gar nicht, warum sich die Leute für so etwas wie ein Autogramm interessieren.

Immer noch besser als Selfies, oder?

Oh ja, da sagen Sie was. Selfies muss ich zum Glück nie machen. Das ist so ziemlich der einzige Vorteil meiner Behinderung (lacht).

Herr Quasthoff, die Sonne scheint, der Frühling ist da. Und ihr neues Album heißt „Nice ‘N‘ Easy“. Ist das Programm?

Absolut. Die Stimmung, die das Album abbildet, ist eine wunderbar entspannte und gelöste. Mir war wichtig, dass die Platte wirklich nach Jazz klingt und nicht nach Crossover. Sie sollte grooven, und ich finde, das tut sie.

Ist es für Sie eine große Umstellung, Jazz anstatt Klassik zu singen?

Nein. Man hat als Sänger ein Gefühl dafür, wie es klingen sollte. Unabhängig vom Genre.

Sie haben 2006 ihr erstes Jazzalbum veröffentlicht, 2010 das zweite und jetzt „Nice ‘N‘ Easy“. Woher kommt ihre Liebe zum Jazz?

Von meinem Bruder Michael. Der war zwei Jahre älter als ich und in seinem Geschmack auch immer zwei Jahre weiter. Ich hatte seit meinem 13. Lebensjahr klassischen Gesangsunterricht, meine Eltern haben mich sehr gefördert und unterstützt, und ich hörte eigentlich alles. Als mein Bruder Jazz entdeckte, fand ich das direkt cool. Charlie Parker, John Coltrane – ich habe richtig Hardcorejazz gehört.

Und warum haben Sie selbst mit Jazz angefangen?

Ganz ehrlich? Weil es mir einfach Spaß macht. Die Erklärung ist wirklich simpel. Des Geldes wegen macht man Jazz ja nicht (lacht), Platin winkt eher nicht. „Nice ‘N‘ Easy“ ist allerdings ein Album geworden, das breit aufgestellt ist. Viele Leute hören diese Musik gerne, jüngere wie ältere. Ich mache Mainstream, dazu stehe ich. Experimentell ist das nicht.

Auf dem Album sind ohne Ausnahme Evergreens. Gab es früher mehr spannende Songs als in den letzten zwanzig, dreißig Jahren?

Na, nenne Sie mir mal welche (lacht). Diese Komponisten in den USA damals, die waren einfach saumäßig gut. Wenn mir heute jemand ein gutes Swingstück schreibt, habe ich gar nichts dagegen, das aufzunehmen. Man ist aber halt mit diesen tierischen Bigband-Arrangements, mit Frank Sinatra oder Count Basie aufgewachsen, und das prägt einen fürs Leben.

Sie konnten überhaupt nichts anderes werden als Sänger, oder?

Seriös muss man klar sagen: Wenn Sie so eine schwere Behinderung haben wie ich, dann liegt dieser Beruf nicht unbedingt offen auf dem Tisch. Musik hat ja doch relativ viel mit einer oberflächlichen Ästhetik zu tun, und ich glaube schon, dass eine Helene Fischer auch deshalb so viel Erfolg hat, weil sie ganz hübsch anzusehen ist.

Die macht doch ganz andere Musik als Sie.

Trotzdem. Ich glaube auch, dass ein Till Brönner mehr CDs verkauft, weil er so aussieht, wie er aussieht. Ich gönne ihm das freilich von Herzen, Till ist ein feiner Bengel.

Brönner würde vermutlich protestieren, wenn man ihm das sagt…

Naja, wollen wir ehrlich sein: Er kokettiert auch mit seinem Aussehen. Ist auch in Ordnung. Würde ich so aussehen wie er, würde ich vielleicht auch damit kokettieren. Ist ja nicht schlimm, jedenfalls: Ich musste also überlegen: Kann das überhaupt klappen? Ich merkte, dass die Behinderung wohl doch nicht so eine große Rolle spielte, als ich 1988 den Internationalen Musikwettbewerb der ARD gewann. Letztlich zählt das, was du kannst. Die haben mir diesen Preis ja nicht gegeben, weil ich ein bisschen über die Bühne gewackelt bin, sondern weil ich besser gesungen habe als die anderen. Mittlerweile bin ich seit 43 Jahren in diesem Beruf, mit 15 gab ich damals mein erstes bezahltes Konzert. So lange hältst du dich sicher nicht, weil du einen Behindertenbonus hast, sondern weil du wirklich was kannst.

Sie haben 2012 Ihre Karriere als Klassiksänger beendet. Man hat den Eindruck, seitdem probieren Sie Sachen aus, auf die Sie immer schon Lust, aber früher nie Zeit hatten.

Genau so ist das auch. Beim Kabarett habe ich nach zwei Jahren gemerkt, dass es auf Dauer nicht erquicklich für mich ist, auf der Bühne Witze zu erzählen, die Leute haben mir das auch nicht richtig abgenommen. Aber der Jazz, das ist jetzt wirklich eine Leidenschaft, die Bestand hat. Frank Chastenier, Dieter Ilg, Wolfgang Haffner und ich, wir wachsen auf der Bühne zu einer richtigen Einheit zusammen – vielleicht auch, weil wir alle sehr gut miteinander befreundet hat. Bei uns passiert immer was im Konzert, ein phantastisches Miteinander, Spontaneität. All das hast du in der Klassik nicht.

Sie vermissen die Klassik also nicht?

Null, null, null. Im Sinne von: Nein, wirklich nicht. Die Klassik fehlt mir überhaupt nicht.

2012 verkündeten Sie ihren Rücktritt als klassischer Sänger. Was war damals genau der Grund?

Mein Bruder erkrankte an Krebs. Er klagte über Rückenschmerzen, irgendwann ging er doch ins Krankenhaus, aber da war die Krankheit schon zu weit fortgeschritten, als dass noch Hoffnung bestanden hätte. Der Oberarzt war ein Schulfreund von mir, er sagte mir, wie ernst es um meinen Bruder stand. Zwei Tage nach dieser Diagnose war meine Stimme weg, komplett. Das Schlimme war: Es ließ sich körperlich nichts feststellen. Das kam wirklich alles vom Kopf. Mein Bruder und ich, wir hatten immer ein sehr, sehr enges, außergewöhnlich gutes Geschwisterverhältnis, wir waren uns emotional sehr nahe.

Wie ging es weiter?

In der klassischen Musik wird lange im Voraus geplant, ich wollte nicht immer wieder absagen, und ich konnte auch die Frage „Was meinst Du denn, wann es wieder geht?“ nicht mehr hören. Ich wusste es nicht. Vielleicht würde ich auch nie wieder singen können, niemand konnte es sagen. Irgendwann gab es für mich nur noch die eine Konsequenz: Ich höre mit der Klassik auf. Mein Inneres war sowieso schon länger nicht mehr hundertprozentig dabei gewesen. Meine Psyche und mein Körper hatten mir wohl zu verstehen gegeben „Es ist jetzt gut“.

Und dann kam die Stimme plötzlich zurück.

Plötzlich nicht. Sondern langsam, Stück für Stück. Ich glaube, die Zeit heilt tatsächlich Wunden. Erst wurde sie Sprechstimme besser, dann konnte ich auch wieder singen. Heute klingt meine Stimme wie immer. Ich habe wohl einfach dieses Jahr gebraucht.

Fragen: Steffen Rüth

Thomas Quasthoff:„Nice ’n‘ Easy“, Sony. Das Album erscheint heute.

Kostproben aus dem neuen Album können Sie hier hören:

 

 

Zur Person

Thomas Quasthoff, 1959 in Hildesheim geboren, kam mit einer Contergan-Behinderung zu Welt und misst nur 1,31 Meter. Der Vater erkannte sein musikalisches Talent und setzte gegen alle Widerstände Gesangsunterricht für den Sohn durch. 1988 gelang ihm der internationale Durchbruch als klassischer Bariton, als er den ARD Musikwettbewerb gewann. 2012 beendete er seine Klassik-Karriere und singt seither Jazz. Auf dem neuen Album „Nice ‘N‘ Easy“ widmet er sich zusammen mit der Bigband des NDR, seinem aus Frank Chastenier (Piano), Dieter Ilg (Bass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug) bestehenden sowie in einigen Stücken von Trompeter Till Brönner verstärkten Trio Klassikern wie „Stardust“ oder „Cry Me A River“. (sk)