Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Künstler und Freiberufler alle Zeit der Welt hätten. Oft drohen Termine, Einreichungsfristen ­– oder die Deadline für eine Ausstellung. Dazu noch die Auftragsarbeit zwischendurch, mit der man glaubte, zügig fertig zu werden. Wenn dann die Ausarbeitung des neuen Werks nicht auf Anhieb gelingt, kann es eng werden. Reset, nochmals ein neuer Ansatz: „Die erste Idee wäre zu kitschig geworden“, so meint der Künstler vor seinem eiligen Rohling.

Nun ist Werner Schlotter keiner, der sich auch mal mit 80 Prozent zufrieden geben würde. Wenn ihm ein Werk nicht hundertprozentig gefällt, verwirft er es lieber. Oder verzichtet auf die Präsentation.

Viel Zuspruch, wenig Verkäufe

Letzten Sommer war er bei der Salensteiner Ausstellung „The View“ dabei. Er bestückte den Bunker, der eher ein offener Unterstand ist, mit einer Installation. Seine Ziegelhäuser sollten sich dort zusammenfügen. 20 Sockel hatte er schon dafür gefertigt, alle weiß. In einer üblichen Galerie wären sie gut gewesen. Aber in diesem grottigen Dunkel? Feucht dazu? „Das hätte die Sockel zerstört und passte nicht in die Geisterbahn-Atmosphäre“, wie er sagt. Also mussten zwanzig neue Sockel her, massiv und dunkel. Seine Tochter Lilian, eine Innenarchitektin, half ihm beim Aufstellen. Dadurch entstand letztlich ein imposantes Ganzes in der ungewöhnlichen Thurgauer Location, einer von vier Ausstellungsplätzen der Galerie. „Die Resonanz war enorm“, berichtet Schlotter. Gute Rezensionen, viel Zuspruch. Keine Verkäufe. Aber die seien auch nicht zu erwarten gewesen bei einer Installation, so sagt er.

Die Ziegelhäuschen wirken nur in der Gruppe. Inzwischen hat er sie wieder abgeholt, eine Reihe ziert die Fensterbank seiner „Machbar“. Das ist seine persönliche Kaffeebar im Hinterhof, in der er Besucher bewirten kann. Ein Dschungel im Konstanzer Stadtteil Paradies. Sommers eine grüne Hölle, wie er berichtet, derzeit eher luftig und hell.

Eine Auswahl der „Ziegelhäuser“ hat Schlotter am Fenster der „Machbar“ aufgestellt.
Eine Auswahl der „Ziegelhäuser“ hat Schlotter am Fenster der „Machbar“ aufgestellt. | Bild: Doris Burger

Hinter einem Trio mit großen Köpfen ranken Lianen mit letzten braunen Blättern, eine Symphonie in Pastell. Das Trio wartet auf seinen Einsatz während der Landesgartenschau in Überlingen, ab April werden sie im Grün einer Wiese zum Hingucker werden. Für eine Aufwandsentschädigung wird er sie anliefern: „Doch es ist eine Ehre dabei zu sein“, so meint er wie viele seiner Kollegen. Fänden sich Interessenten, könne er die Stücke zudem auf eigene Rechnung verkaufen. „Bei einer Galerie verbleiben meist 50 Prozent des Erlöses beim Aussteller,“ berichtet Schlotter, „was kaum jemand weiß“. Selbst beim Kunstverein werden 30 Prozent für den Aussteller fällig.

Schnee von morgen

Womit wir wieder beim Corpus Delicti wären. Zackig, blank und weiß steht es noch da, wenige Tage vor Einreichungsschluss, eine unverkennbare Form in XXL – verglichen mit dem kleinen Original aus Schokolade. Mini wiederum gegenüber dem Bergmassiv der Schweizer Alpen, das für die Schokolade Modell stand.

„Schnee von Morgen“, so lautet das Motto der Jahresausstellung 2019 des Konstanzer Kunstvereins. Die unjurierte Ausstellung der Mitglieder ist derzeit und noch bis zum 2. Februar zu sehen. Eine Schau mit sehr unterschiedlichen Beiträgen. Er nehme eher selten teil, sagt Schlotter in seinem Atelier, aber nachdem er den Beschluss gefasst und die Idee mit Bergmassiv hatte, hing er sich in die Arbeit.

Schmutzige Hände sind toll

Typischer als dieses Stück für den Kunstverein sind seine Terrakotta-Werke, die er Schicht für Schicht aufbaut. Köpfe sind es, aber auch Flügelwesen, bereit abzuheben, aber doch erdverbunden. „Wie ein Maurer“, beschreibt er den Prozess. Die einzelnen Schritte bleiben sichtbar, grob die Struktur. In seinen Anfängen zog er alles glatt und polierte selbst Holz, bis es glänzte. Heute darf es roh bleiben. Den Werkcharakter behalten.

Die „Flügelwesen“ sind ein Markenzeichen Schlotters.
Die „Flügelwesen“ sind ein Markenzeichen Schlotters. | Bild: Doris Burger

Auch seine Bronzen sind unverkennbare Stücke. Die gießt er selbst, ganz im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen. Eine eigene Ausbildung hat er dafür gemacht. Das Gießen mit dem Schmelzofen wurde erst im Paradies möglich, im größeren Atelier mit dem Freigelände. Auch für die Arbeiten mit der Kettensäge ist der Hof ideal: „Da kann ich hemmungslos die Fetzen fliegen lassen“, sagt er. „Ich möchte bis zum letzten Arbeitsgang alles anfassen, schmutzige Hände haben. Dann war es schön.“ Jeden Schritt möchte er am liebsten selbst machen – und kontrollieren. Bloß nichts aus der Hand geben, was nicht fertig ist.

Die Mitgliederausstellung „Schnee von morgen“ im Kunstverein Konstanz ist noch bis 2. Februar zu sehen. Kulturzentrum am Münster Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 10-17 Uhr.