Auf einem schmalen Regalbrett sind vier fotografische Tableaus unterschiedlicher Größe arrangiert, auf denen jeweils die Hände der Künstlerin Maren Maurer in verschiedenen Handschuhen erscheinen: dünne Operationshandschuhe, feine Lederhandschuhe, elegante Satinhandschuhe, grobe Putzhandschuhe. Graziöse Posen wechseln mit manierierten, sogar verkrampften Haltungen. Mal funktioniert der Handschuh als Schutz, mal als Schmuck. Immer aber geht es um das Motiv der Hand als Körperteil der Kommunikation, der Gebärde, der Geste zwischen Halten und Greifen, Zeigen und Fassen, Deuten und Verführen. Und das Thema der Hand steht auch im Mittelpunkt der Einzelausstellung, welche die Galerie Vayhinger in Singen, der 1981 in Scherzingen geborenen, in Konstanz aufgewachsenen und heute in Köln lebenden Künstlerin erstmalig ausrichtet.

Maurers Affinität zur ausdrucks- und bedeutungsvollen Bewegung des Körpers im Raum erklärt sich durch ihre Ausbildung als klassische Bühnentänzerin, die sie von 1998-2001 an der Akademie des Tanzes in Mannheim absolvierte, bevor sie ab 2002 an der Burg Giebichenstein in Halle, und von 2005-2009 an der Düsseldorfer Kunstakademie, dort als Meisterschülerin der experimentellen Bildhauerei bei Rosemarie Trockel, studierte.

Unter dem ebenso vieldeutigen wie vielschichtigen Titel „Blasser Schimmer“ präsentiert die Werkschau ein breites Spektrum der Materialien und Ausdrucksformen zwischen Zeichnung, Fotografie, Skulptur, Installation und Objektkunst. Maurers gestalterischer und konzeptueller Ansatz entfaltet sich im Spannungsfeld Raum – Körper – Material. So schaffen beispielsweise ihre effektvoll aus der Wand ragenden und in Bronze gegossenen Hände mit Titeln wie „Gesture of Revolte“ sinnfällige Bezüge zu ihren Tanzperformances. Dem Betrachter begegnet eine gleichsam choreographierte Wandskulptur, bei der die Hand eigene Bewegungserfahrungen der Künstlerin vermittelt, aber auch zur Metapher für bildhauerisches Tun wird und uns mit einladender Geste die Hand zu reichen scheint.

Auch in der Plastik „Gewisser Aufstand“ durchdringen sich persönlicher Körperbezug und skulpturale Transformation auf irritierende Weise: Zwischen zwei großen ledernen Kugeln, die an Punchingballs erinnern, ist der zarte Halsansatz der Künstlerin – ein aus Gummi gefertigter Abguss – eingespannt. Fragilität und geradezu existentielle Gefährdung sprechen aus der bizarr und rätselhaft wirkenden Arbeit. Deutlich wird: Auflösung, Metamorphose und Neuordnung von Form und Materie sind die zentralen Themen im offen und experimentell angelegten Schaffen von Maren Maurer.

Mit der Hand formbare Materialien werden zum Gegenstand in der Werkreihe „Crumbles“, als Metallgüsse von zusammengeknüllten Papiertüten, die unterschiedliche Oberflächentexturen erzeugen und wie achtlos auf den Boden geworfen als gezielte Irritationen in die Galerieräume intervenieren. „Hic sunt dracones“ lautet der Titel des begleitenden Kataloges. So wurden auf frühen Weltkarten die Gebiete jenseits der bekannten Welt genannt, in denen man Fabeltiere wie Drachen vermutete. Mit ihren Arbeiten eröffnet Maren Maurer dem Betrachter spannende und sehenswerte Zugänge in eben jenes offene, noch unerschlossene Terrain abseits unserer vertrauten Alltagswahrnehmung.

Maren Maurer – Blasser Schimmer in der Galerie Vayhinger: bis 14. April. Öffnungszeiten: Mi-Sa 15-18 Uhr. Weitere Informationen: www.galerievayhinger.de

Die Künstlerin

Maren Maurer wurde 1981 in Scherzingen geboren und ist in Konstanz aufgewachsen. Sie studierte u.a. bei Prof. Rosemarie Trockel in Düsseldorf. Sie lebt und arbeitet in Köln. Sie kommt ursprünglich vom Bühnentanz, daher liegt das Hauptaugenmerk ihrer Kunst auf dem Thema Bewegung und Körper im Raum. Sie entwirft auch eigene Performances. Eine große Rolle in ihrem Werk spielen Hände. Sie sind das Werkzeug, um die Welt zu begreifen und für eine Bildhauerin unverzichtbar. (un)