Die Musik ist ein rauschhafter Ritt durch die Musikgeschichte. Richard Wagner und Claude Debussy, Giacomo Puccini und Richard Strauss tönen durch die Oper „Die Gezeichneten“. Und doch hat der Österreicher Franz Schreker (1878-1934) in dem Stück auf einen eigenen Text auch eine ganz eigene Klangwelt geschaffen. Vladimir Jurowski macht das bei der ersten Premiere des Opernhauses Zürich in dieser Saison erfahrbar: Unter dem Dirigenten fächert die groß besetzte Philharmonia Zürich eine Nervenmusik mit nuancenreich instrumentierten Farben auf.

Von einem „Soundtrack zu Freud“ hatte Regisseur Barrie Kosky im Vorfeld gesprochen. Und in der Tat fügen sich „Die Gezeichneten“, wie andere Bühnenwerke Schrekers auch, zu einer Art tönender Psychoanalyse. Die Protagonisten in dem Opern-Thriller sind der missgestaltete Genueser Edelmann Alviano und die herzkranke Künstlerin Carlotta. Eine Zeit lang scheint es, als hätten sich hier zwei Seelenverwandte gefunden. Aber dann lockt der Wüstling und Renaissance-Tatmensch Tamare die Frau in eine Liebesgrotte – und das auf der Insel, die Alviano als Kunst-Elysium hat einrichten lassen und wo Genueser Adlige seit Längerem geraubte Bürgerstöchter schänden. Alviano tötet Tamare und wird wahnsinnig.

Alviano (John Daszak) wird wahnsinnig, nachdem er Tamara getötet hat.
Alviano (John Daszak) wird wahnsinnig, nachdem er Tamara getötet hat. | Bild: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich

Schreker hat gegensätzlich gepolte Motive wie Selbsthass und Liebestrieb, Kunstvision und Perversion so gemischt, dass ein vielschichtiges und sogkräftiges Figuren-Psychogramm entstanden ist. Dabei hat er sich aus Frank Wedekinds Schauspiel „Hidalla“ bedient. Das Ganze erinnert an die Konstellation, wie Gustav Mahlers spätere Frau Alma den Komponisten Alexander Zemlinsky abgewiesen hat.

Statt diese Sex-and-Crime-Story grell zu bebildern, legt der Regisseur sie auf die Couch einer Bühne (Bühnenbild: Rufus Didwiszus), die auch einen Kontrast schafft zu Libretto und Musik. Torsi von Körpern sowie Häupter sind zu sehen, kreidebleiche Skulpturen allesamt, die aus Styropor geschnitzt wurden und die Betriebstemperatur dieser Oper etwas herunterkühlen. Später wird die Bühne fast ganz leer geräumt und das für die Oper so wichtige Symbol der Hand mit bewegten Hand-Bildern auf und hinter einer Milchglasscheibe quasi filmisch weiterverfolgt.

Carlotta (Catherine Naglestad) und Alviano (John Daszak) sind Seelenverwandte.
Carlotta (Catherine Naglestad) und Alviano (John Daszak) sind Seelenverwandte. | Bild: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich

1933 wurde der Halbjude Schreker von den Nazis aus allen Ämtern verjagt. „Die Gezeichneten“ werden seit 1979 immer mal wieder zur Diskussion gestellt. Dieses Mal in einer sehr glücklichen Besetzung – der britische Tenor John Daszak verkörpert mit einer wahrhaft staunenswerten Hingabe den Alviano. Wie er eine doppelte Verkrüppelung – körperlich und seelisch – darstellt und sich gleichzeitig mit seiner ungemein kraftbegabten Stimme gegen das Orchester behauptet, verdient höchstes Lob. Und, eine glückliche Fügung: Catherine Naglestad als Carlotta ist ihm eine ideale Partnerin.

Weitere Vorstellungen gibt es am 26. September 2018 sowie am 2., 9., 12., 17., 20. und 23. Oktober. Informationen zum Stück und Karten gibt es hier.