Von wegen alle Theorie ist grau. Das Leben ist grau. Stumpfes Grau, wohin man blickt. Auch und vor allem bei den Jungen. Da kann man ins Sinnieren kommen, was es bedeutet, dass die Unfarbe Grau seit Jahr und Tag zu den Modefarben gehört. Zumindest kann man mit ihr nichts falsch machen. Und genau um das geht es hier: um den Mut, der darin besteht, etwas falsch zu machen. Das Risiko einzugehen zu scheitern. So sieht es der Held der Geschichte, der eigentlich ein Anti-Held ist.

So sehen Alltagsmonster aus

Fakt aber ist: Wer ausschert, kriegt Probleme. Oder hat sie bereits. Wie Palle, der von den anderen an die Wand gedrückt wird. Auf dem Klo wird er verprügelt. Dabei hat er sich sein Außenseitertum nicht selber ausgesucht. Tomasz Robak spielt ihn mit der unheimlichen Ruhe, die nichts Gutes ahnen lässt. Es hat mit seinem Zuhause zu tun. Spätestens hier kommt Stefan Eberles Inszenierung in der Konstanzer Spiegelhalle ins Spiel. Der Regisseur hat Mikael Niemis Jugendroman „Erschieß die Apfelsine“ erstmals für das Theater adaptiert. Wie er Palles Eltern ins Bild setzt, ist krass. Wie Michelin-Männchen tragen sie Muskel- und Fettschichten am Leib. So sehen Alltagsmonster aus.

Wenn „Er“, einen Namen hat er nicht in dieser Uraufführung, zu Palle nach Hause kommt, ist das auf der im hinteren Bühnenraum aufgestellten Leinwand zu beobachten. Von einer Strichanimation, die sie Straßenansicht zeigt, wechselt die Leinwand zu einer Filmsequenz, sobald er das Haus betritt. Klasse gemacht. Axel Julius Fündeling spielt die Michelin-Mutter, die den Leidensgenossen ihres Sohnes mit Brei abfüttert. Eine Szene von abstruser Gemeinheit.

Beim 16-jährigen Helden geht es daheim auf subtilere Weise frustrierend zu. Die Mutter macht vom Spanisch- bis zum Yogakurs sämtliche Trends mit, die ihr ein glückliches Leben versprechen. Wenn Renate Winkler die Übungen ihrer Mutter-Figur vorturnt, wird auch klar, warum der Bühnenraum selbst so karg mit lediglich dieser Leinwand eingerichtet ist. Es braucht Platz für all diese grauen Menschen, die auf der sicheren Seite sein wollen, indem sie massenweise mit dem Trend turnen. Christine Bertl erweist sich als umsichtige Bühnenausstatterin.

Das ist also alles richtig gut gemacht, und mit Nikolai Gemel ist „Er“ mit einem Schauspieler besetzt, der ihm seine ganze potenzielle Farbigkeit mitgibt. Linkisch bis zur Schmerzgrenze und so komisch daherredend, dass die meisten bei einer Begegnung wahrscheinlich auch auf Distanz gehen würden. Gleichzeitig steckt so viel Wut über die Verhältnisse in ihm. Dann passiert das mit dem hübschen Mädchen, das ihn natürlich auslacht, als er ihr die roten Rosen schenken will.

Stefan Eberle hat der Romanvorlage mit einigen bemerkenswerten Elementen auf die Bühne verholfen. Axel Julius Fündeling nimmt die Rolle einer Art von Erzähler und älterer Freund ein, der mal in der Geschichte weiterhilft, mal Tipps gibt wie den, dass Verliebtsein Hormonsache ist. In der Spiegelhalle das Stichwort, um einen mannsgroßen Penis luftgefüllt mit allem Drum und Dran hereinschlappen zu lassen. Das ist vielleicht etwas albern, trotzdem sehr erheiternd. Selten ist so eindringlich nachzuvollziehen, was die Drohung „Ich tret‘ dir in die Eier“ real bedeutet.

Nach der Abfuhr vom hübschen Mädchen beschließt Nikolai Gemels Außenseiter wider Willen, neu zu beginnen. Dieses Mal ohne Maske. Wie es einmal heißt: Mutig wird man nicht geboren, sondern man muss sich entschließen, mutig zu sein. Schon die schillernden Rottöne des Putzkittels seiner Mutter kündigen neue Zeiten an. Damit geht er in die Schule. Und die anderen reagieren prompt. Erstaunlich ist, dass „Schwuchtel“ immer noch den Kanon der Verunglimpfungen anführt.

Und dann holt er den Revolver raus

Bonzenkindern wird alles hinten reingeblasen, Idioten rackern sich ab und kommen zu nichts. So sehen sie es selbst. Spricht auf beiden Seiten nicht gerade von viel Selbstbewusstsein. Die Inszenierung setzt den antiken Chor ein, um solche Stimmungen zu artikulieren. Jeder hat seine vorgegebene Rolle, und wehe, es schert jemand aus. Wenn doch, wird ausgegrenzt. Ihm ist ein Mittel gegeben, sich dagegen zu wehren, er hat eine poetische Ader. Der Schauspieler Gemel hält seine Rolle konsequent durch: überdreht, des gesprochenen Wortes unmächtig stolpert er bis in die Körpersprache hinein mit sich selbst ringend seinem wahrhaftigen Ich entgegen.

Und dann gibt es diese Szene im Wald, wo sich die beiden Außenseiter treffen und Palle einen Revolver herausholt. Das ist sein Ventil. Man kann sich natürlich fragen, inwiefern unser Poet mit seinen Gedichten voller Gewaltphantasien bei Palle den Eindruck erweckt hat, sie hätten dasselbe Ziel. Erschreckend und berührend, mit welcher konsequenten Ruhe Tomasz Robak den Amokläufer handeln lässt.Großer Applaus für fesselndes Theater.

Weitere Vorstellungen: 22. November und 30. Dezember. Karten: 07531 900150 oder theaterkasse@konstanz.de