Herr Safranski, für die 68er-Bewegung waren Mythen nichts anderes als „falsches Bewusstsein“. Der Marxismus zerlegt Mythen nach den Regeln der Ideologie-Kritik. Inzwischen sind die 68er – und sogar die RAF – selbst ein Mythos. Wie kommt’s?

Gewiss, Mythen galten als falsches Bewusstsein, weil man sie ganz einfach als Ausdruck von Irrationalität verstand. Aber vergessen wir nicht: Irrational ist das meiste, was in uns vorgeht. Kein Krieg ist rational, auch keine Liebesgeschichte. Und wenn die Wissenschaften dorthin gelangen, wo es spannend wird, wuchern die Mythen – bei den Kosmologen, den Psychologen oder bei den Ökonomen. Die Maastrichter Regeln für die Eurozone – was sind sie anderes als Gründungsmythen? Man redet ehrfürchtig von ihnen, hält sich aber nicht daran. Auch unser 1968er-Denken damals war voller Mythen. Angefangen mit dem Mythos Revolution selbst, denn Revolution, von der man damals redete, das war kein rational-politisches Konzept, sondern ein Traum. Für die Marxisten überhaupt gilt ja: Mythen haben immer nur die anderen, sie selbst nicht. Und es stimmt auch: Heute ist 68 selbst ein Mythos im Sinne einer Erzählung, die mit Bedeutungen aufgeladen ist, die weit über das realistische Maß hinausgehen, verklärend, dämonisierend, sinnstiftend, wie auch immer. Zum Mythos werden Ereignisse, wenn sich in ihnen etwas verdichten lässt, zum Beispiel: Deutschland als Fußballweltmeister 1954 – das erst war die Rückkehr in die Völkerfamilie … Mythen müssen nicht wahr sein, es reicht, dass sie sich bewahrheiten, also dass sie in diesem Sinne wirken.

Warum sind uralte Mythen so stark, dass sie sich bis heute durchsetzen, auch in der Kunst und Literatur?

Mythos bedeutet ja eigentlich nur Erzählung, genauer: Erzählungen über Götter. Es gibt die griechischen Mythen und Mythen anderer Völker und Kulturen. Natürlich haben sie ursprünglich einen religiösen Bezug. Auch die christliche Überlieferung ist eine Mythen-Tradition: Vertreibung aus dem Paradies, Baum der Erkenntnis, Kain und Abel bis hin zur Christusfigur mit Opfertod am Kreuz und Auferstehung – alles Mythen, die bis heute Glaubenskraft mobilisieren, wenn auch hierzulande längst nicht mehr so stark wie früher.
Aber Mythen gibt es auch weit über diesen im engeren Sinne religiösen Bereich hinaus. Man denke nur an Ödipus, einer der Mythen, in dessen Spiegel, dank Sigmund Freud, bis heute unsere Seelenlandschaft vermessen und gedeutet wird.

Mythen sind, so verstanden, sinnträchtige Geschichten, die Elementares im Menschen zur Sprache und zur Darstellung bringen. Tristan und Isolde, der Mythos der absoluten Liebe. Medea, der Mythos der zerstörerischen Eifersucht.

Was solche Mythen stark und bis heute unvergesslich macht, ist, wenn sie einen Nerv treffen, etwas Archetypisches. Mythen sind nichts anderes als im hohen Maße sinnspendende Narrative. Als solche haben sie auch orientierende Bedeutung, im Guten wie im Bösen.

Keine Ideologie, die sich nicht irgendwelcher Mythen bedient. Und die Literatur lebt, ob bewusst oder unbewusst, ganz von der Mythen-Tradition.

Mythen gehören zum kulturellen Gedächtnis. Sie sind nicht im verstaubten Archiv, sondern spuken als höchst lebendige Gespenster in unseren heutigen Selbstdeutungen. Der große niederländische Poet Cees Nooteboom sagte einmal, ihm falle am meisten ein, wenn er an Götter schreibt, die es nicht gibt. Deshalb seine „Briefe an Poseidon“.

Für die Schweiz sind die Berge ein Mythos, für Deutschland ist es der Wald. Was meinen Sie: Inwieweit haben Wald und Berge das Selbstverständnis der beiden Länder unterschiedlich geprägt?

Ja, die Berge sind – für Schweizer – wohl so etwas wie Schutzwälle für die Eigenheit, die man bewahren möchte. In der deutschen Tradition ist der Wald das Bild für das Geheimnisvolle, für das, was aus dem Dunkeln kommt. Im Wald kann man sich verlieren, dort ist man schwer zu fassen. Der Wald – eine Zuflucht, aber auch ein Hinterhalt, auf jeden Fall auch etwas Unheimliches. „Manches bleibt in Nacht verloren …“, heißt es in einem berühmten Waldgedicht des Romantikers Joseph von Eichendorff. Überhaupt hat die deutsche Romantik den Wald so richtig entdeckt. Auch eine Philosophie wie die von Martin Heidegger kommt gewissermaßen aus dem Wald – und sie führt auch wieder dort hinein. „Holzwege“ heißt ein berühmtes Buch von ihm. Die deutsche Wald-Obsession gibt es immer noch, deshalb wurde in Deutschland das Waldsterben erfunden, und deshalb gibt es heute den Kampf um den Hambacher Forst, und deshalb baut der gesinnungstüchtige deutsche Michel Baumhäuser dort.

Der Jounalist Dieter E. Zimmer wandte sich 1980 in seinem Buch gegen den „Mythos der Gleichheit“. Heute wird Gleichheit stärker denn je debattiert. Ist Gleichheit ein Mythos?

Selbstverständlich ist Gleichheit ein Mythos, denn es hat sie noch nie gegeben, und es wird sie hoffentlich nie geben. Gleichheit vor dem Gesetz, Chancengleichheit – das alles ist sehr gut, aber bringt zum Glück dann doch keine Gleichheit hervor. Man muss den Mythos Gleichheit mit dem Mythos Freiheit ausbalancieren. Ich halte es da mit Johann Wolfgang von Goethe, der einmal sagte: Politiker, die Gleichsein und Freiheit zugleich versprechen, sind „Phantasten oder Charlatans“.

Unser alltägliches Leben wird durch eine Vielzahl kleiner Mythen bestimmt. Roland Barthes nannte sie die „Mythen des Alltags“, etwa Wein und Milch, das Gesicht von Greta Garbo, Reklame-Bilder oder auch ein blutiges Steak mit Pommes Frites – alles mythisch aufge-laden. Eine persönliche Frage: Welche Mythen gibt es in Ihrem privaten Alltag?

Da ich glücklich mit meiner Frau zusammenlebe, gehört die Geschichte unserer ersten Begegnung zu den persönlichen Mythen. Diese Geschichte wird, je öfter sie erinnert und erzählt wird, immer bedeutungsreicher, sie wächst und gedeiht und hält uns zusammen – das haben Mythen so an sich.