30 Jahre ist der Mauerfall bereits her. Ein Jahrzehnt länger existierte das geteilte Deutschland. Entsprechend viel gibt es über Biografien zwischen Ost und West zu berichten. Über Abwanderung, Schicksale, Enttäuschungen, blühende Landschaften. Falls es stimmt, dass die Kunst ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, dann könnte man in den Arbeiten der Künstler den Gemütszustand einer ganzen Nation ablesen.

Kann man auch. In der BRD gab es einen unüberschaubaren Pluralismus an Kunstformen. Alles war erlaubt. Und was haben die bildenden Künstler im Osten Deutschlands in den vier Jahrzehnten Isolation betrieben? Eine gängige Meinung: sozialistisch geprägte realistische Staatskunst. Da gab es sicherlich etliche Künstler, die dem Regime genehm waren, wie das Mitglied des Zentralkomitees der SED Willi Sitte mit seinen großformatigen Arbeitermotiven. Sitte vertrat die DDR – zusammen mit drei Begründern der „Leipziger Schule“ Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke – 1977 bei der documenta 6 in Kassel.

Der politische Blick passt da nicht

Erst nach dem Fall der Mauer aber wurde dem Westpublikum bewusst, dass es auch im ostdeutschen Kunstbetrieb disparater zuging, als gemeinhin angenommen. Neben Anpassung und Affirmation gab es ebenfalls Rebellion und Subversion. Verfemte, von der Stasi bespitzelte unangepasste Künstler wie Cornelia Schleime oder A.R. Penck haben in der DDR ihr Werk begonnen, wurden aber erst nach ihrer Übersiedlung in die BRD richtig erfolgreich. Schließlich gab es auch viele Künstler, die einfach nur kompromisslos ihrer Profession und Leidenschaft nachgingen, wie der 1939 geborene Heinz Zander, der zu einem der profiliertesten phantastischen Realisten manieristischer Prägung aus der zweiten Generation der „Leipziger Schule“ zählt.

Heinz Zander: „Melancholie für Gartenarchitekten“.
Heinz Zander: „Melancholie für Gartenarchitekten“. | Bild: Stefan Simon

Seine Malereien darf und kann man nicht durch die politische Brille sehen. Er hat sich weder dem DDR-Regime angedient, noch hat er deutliche Systemkritik geübt. Er sitzt in seinem Atelier und malt sich täglich seine ganz eigene Welt. Sein umfangreicher Kosmos ist inspiriert von antiken Mythen und der Weltliteratur. Als Maler und Dichter erfindet er eine eigene visionäre, von Methamorphosen durchdrungene Metawelt. Im historisierenden Gewand der Verfremdung, eingegeben von einer überströmenden Phantasie, voller Lust am Detail, an manierierten Effekten und bizarren Assoziationen, inszeniert Zander ein magisches Zauberspiel an Methaphern und Fabelwesen, in denen sich individuelle Konflikte und existentielle Zeitprobleme wie in einem Märchen wiederspiegeln.

Fantastische Bildwelten

Seine bizarren, absurden, aber zum Teil auch sehr lieblichen Bildwelten und Figuren gilt es nun in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen kennenzulernen. Zanders phantastische Bilder, die durch seine unverwechselbare Formensprache und Motivik, die vom Stilempfinden Alter Meister und insbesondere von Matthis Grünewald oder Lukas Cranach inspiriert sind, eröffnen dem Betrachter eine Welt voller skurriler Gestalten. Diese erscheinen meist als liebevolle Karikaturen, wobei der Künstler sogar in seinen Selbstdarstellungen stets ironische Untertöne mit einfließen lässt. Hintergründiger Humor geht in Zanders Werken einher mit Themen wie Schönheit, Vergänglichkeit, Erotik oder Morbidität.

So wundert es auch nicht, dass Schönheiten und Biester als scheinbare Gegensätze in vielen seiner Arbeiten vereint sind. Dabei geht Zander derart subtil in seinen Schilderungen vor, dass selbst einem Wesen mit monstergleichen Zügen noch etwas Ästhetisches abzugewinnen ist. Gleichzeitig steckt jedes einzelne seiner Gemälde voller rätselhafter Symbolik und regt durch die humoristischen Titel jeweils zu deren Entschlüsselung an.

Hier blitzt der Renaissancemaler Hieronymus Bosch durch: „Kopf mit Blume“.
Hier blitzt der Renaissancemaler Hieronymus Bosch durch: „Kopf mit Blume“. | Bild: Stefan Simon

Nur wenige der gezeigten Arbeiten sind zwar vor dem Mauerfall entstanden, diese aber lassen nicht auf eine Stütze des SED-Regimes schließen. Zanders Werke, auch die neuen, sind vielmehr ein opulent inszeniertes Bildtheater, das der künstlerischen Tradition der Leipziger Schule gerecht wird. Referenzen an die Kunstgeschichte von Cranach, Bosch bis Caravaggio sind zwar deutlich, letztlich aber tragen die Bilder die unverwechselbare Handschrift eines Ausnahmekünstlers.

„Heinz Zander – Schönheiten&Ungeheuer“ in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen bis 17. November. Di, Mi, Fr 13-17 Uhr, Do 13-19 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr.