Die aktuellen Folgen der Corona-Chroniken gibt es hier:

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Das WG-Tagebuch

Wie lange dauert das jetzt schon? Vier Wochen? Fünf?

Die ersten vier Wochen verbrachten wir fünf in unserer WG in Kreuzlingen. Erst kamen die Beschränkungen für die Einfuhr, dann die Übertrittsverbote für Schweizer und Deutsche. Inzwischen genieße ich Hotel Mama und darf täglich Gartenmöbel schrubben, Zäune streichen, meine jüngeren Geschwister bespaßen und natürlich meine teils absurden Gedanken online bringen.

Und meine Fünfer-WG? Was wir in dieser Zeit getan haben, um uns nicht irgendwann gegenseitig an die Gurgel zu gehen, erzähle ich euch im Folgenden:

Wir fünf, das sind: Berni, Jan, Didi, Jule und Ich. Wir alle sind deutsche Studenten und waren zum Glück schon vor Corona eine sehr familiäre Wohngemeinschaft. Und so haben wir uns mit Corona und den Vorsichtsmaßnahmen schnell arrangiert und unseren Alltag gemeinsam strukturiert.

Morgens das gemeinsame Frühstück in der kleinen Küche. Die Jungs machen sich anschließend auf den Weg zur Arbeit. Berni und ich, wir machen Home Office. Jule? Die schläft meist noch ein Weilchen.

Sehnlichst erwarten wir irgendwann die Ankunft unserer Mitbewohner. Die ITler im Studium haben in der Schweizer Nachbarschaft einen kleinen Nebenjob, den sie noch immer betreiben können. Unter der Woche arbeiten sie jeden Vormittag drei bis vier Stunden, und wenn sie dann endlich die Treppe zur Wohnung hochgepoltert kommen, ist das für die Heimarbeiter das Zeichen für die ersehnte Mittagspause. Frisches selbstgebackenes Brot und was der Kühlschrank an Aufstrichen so hergibt, lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Es folgt die Verdauungsphase, die ich meist nochmal nutze um etwas zu arbeiten. Der Rest der WG chillt auf dem Sofa und bereitet sich mental auf das sportliche Nachmittagsprogramm vor.

Gegen drei Uhr nachmittags scheuche ich dann alle auf. Entweder heißt es Sportkleidung anziehen und joggen gehen oder an jedem anderen Tag: Mantel und Schal überwerfen, wir machen jetzt einen ausgedehnten Spaziergang. Und so verlassen wir zu fünft die Wohnung um uns wenigstens einmal am Tag ordentlich durchzulüften.

Es folgen der Nachmittagssnack, mehr Home Office und ausgiebiges Chillen.

Irgendwann versammeln wir uns dann in der Küche, zur Zubereitung des gemeinsamen Abendessens. Seit wir in der Schweiz wohnen, fällt dieses in der Regel vegetarisch aus. Fleisch können wir uns hier nicht leisten. Das ist speziell für die Jungs eine Herausforderung. Nur Berni freut das sichtlich. Die hat sich in dem halben Jahr Praxissemester zur Umweltvegetarierin entwickelt, und die Wurstdosen-Lieferung ihres Vaters und die offensichtliche Freude ihres Freundes Jan darüber machten ihr zu Beginn der Pandemie sichtlich zu schaffen (siehe Folge des 20. April). Die erste Packung Speck, knapp zwei Wochen nach der Grenzschließung, führt beinahe zur Spaltung der WG.

Doch letztlich einigen wir uns alle darauf, dass man sich auch ab und an was gönnen muss und gehen über zu den allabendlichen Cocktails.

Sitzt man Tag für Tag so eng aufeinander, muss man Wege finden, damit umzugehen, den anderen Platz zu zugestehen, aber auch miteinander zu arbeiten und füreinander da zu sein.

Dieser Alltag führte zu einigen Überlegungen und kleinen Ereignissen.
In den folgenden zwei Wochen habe ich fünf kleine Insider für euch:

1. Die Metamorphose der Couch-Potatoes (online)
2. Das ist ja wie bei Oma… wie Corona uns zu unseren Wurzeln zurückführt (online)
3. Eine Dinnerparty für Jule – Ausgehen ohne (r)auszugehen (online)
4. Didi der Bastler – Rollschneider statt Schraubenschlüssel (online)
5. Bis der Boden wackelt – Clubben in Coronazeiten

Die Metamorphose der Couchpotatoes

Die guten Vorsätze kommen in der WG erst nach Neujahr und bei manch einem wohl auch nicht ganz freiwillig. Wenn der tägliche Weg mit dem Fahrrad zur Uni oder ins Geschäft fehlt, der Spaziergang in die Stadt zum Kaffee trinken, der Gang in die Mensa in der Mittagspause... dann übernehmen langsam aber sicher die Hummeln im Hintern. Zumindest bei mir. Sehr zum Leid meiner Mitbewohner, die zunächst lieber die Metamorphose zur Couchpotatoe weiter durchlaufen möchten.

Jeden zweiten Tag erst vier, später sechs Kilometer joggen, Treppen-Sprints, Zirkel-Training des Todes à la Jan... Noch macht Berni regelmäßig „den Käfer“, wie sie es nennt. Nach dem Training macht es „plopp“ und meine Mitbewohnerin liegt auf dem Rücken im Gras und versucht nur noch irgendwie Luft in ihre Lungen zu bekommen. Und ihr lieber Freund? Der steht daneben und mimt mit seinem gut gepolsterten Sixpack den Bootcamp-Trainer.

Doch sollte Corona noch länger andauern und unsere Motivation das mitmachen...

Okay... SO vielleicht nicht, aber man darf ja mal träumen.

Das ist ja wie bei Oma Teil 1 – Grünes Gold

Wenn wir nicht gerade total sportlich unterwegs sind, gehen wir wandern.

Den Startschuss dafür macht die Bärlauch-Saison. Die letzte Saison lag unsere Bezugsquelle für das grüne Gold im Konstanzer Herosé-Park. Da wir aber schon früh vermuten, dass die Grenzbeamten einen Ausflug über die Grenze zum Bärlauch pflücken nicht ganz so amüsant finden, beginnen wir Nachforschungen anzustellen...

Über eine Nachbarschafts-App bekommen wir schließlich den entscheidenden Tipp: Das Pfadi-Heim bei der alten Mühle.

So entdeckten wir unsere Bärlauchfelder und ein wunderschönes Waldstück, durch das ein klarer Bach fließt und das Sonnenlicht mit den Blättern der zarten jungen Bäume spielt.

Ich kann nicht widerstehen mich auf die knoblauchig-saftigen Blätter zu stürzen und neben der Ernte das eine oder andere Blatt zu verkosten.

Fünf Gläser Bärlauchpesto sind innerhalb von zwei Wochen leer. Bärlauch-Spätzle, Nudeln mit Pesto, gefüllte Hühner-Rouladen, Pesto aufs Brot. Morgens. Mittags. Abends. Wir sind eindeutig Bärlauch-süchtig...

„Hey Leute. Habt ihr schon mal dran gedacht, dass wir jetzt leben wie unsere Omas früher? Wir backen unser Brot selber, gehen Kräuter sammeln und müssen Zeitungspapier aufheben und klein schneiden, weil Klopapier ein Luxusprodukt geworden ist...“ philosophiert Didi auf dem Rückweg einer unserer Bärlauch-Wanderungen.

„Wir sollten einen Hammel gewinnen. Dann geht uns wenigstens das Fleisch nicht aus!“ steuert Jan bei.

Oje…

Das ist ja wie bei Oma Teil 2 – Haustier im Glas

Da alle Welt Hefe zu hamstern scheint, fühle ich mich inspiriert, mich nochmal an einem Sauerteig zu versuchen. Selbstversorgung, wir kommen!

Der erste Versuch, einen Sauerteig zu züchten, bekommt leider Haare und landete auf dem Kompost, aber der zweite Sauerteig lebt und blubbert glücklich vor sich hin. Sein Name ist Freitag der Dritte und er beschert uns drei bis vier Mal die Woche frisches Brot auf dem Tisch.

In meinem ersten Semester hatten wir schon einmal einen Sauerteig im Kühlschrank stehen. Das war Freitag der Erste, der jeden Freitag aufgefrischt und gefüttert wurde. Leider verstarb Freitag nach etwas mehr als einem Jahr, als ich längere Zeit bei meinen Eltern verbrachte und mein Mitbewohner vergaß unser ungewöhnliches WG-Haustier zu füttern.

Heute steht Freitag der Dritte in unserem Kühlschrank und wartet auf den nächsten Backtag und mein sonst so kochfauler Mitbewohner Didi kümmert sich liebevoll um ihn, während ich bei meinen Eltern weile. Letzte Woche hat er mir sogar ein Bild geschickt. Sein erstes selbstgebackenes Brot. Wie Oma es gemacht hätte. Nur halt mit Internet-Rezept, Handy-Timer und Mehl aus dem Supermarkt.

Eine Dinner-Party für Jule

Jule ist unsere ruhelose Seele. Immer unterwegs, viele Freunde, Partys, Jobs und ab und zu Uni. Corona fällt ihr dadurch besonders schwer. Anfangs noch viel unterwegs, schränkt sie sich doch auf nur zwei Freundeskreise ein. Oft ist sie nur zum Duschen zuhause, weil sie es nicht aushält in der Wohnung in der Schweiz.

Eines Abends ist sie tatsächlich zuhause und sitzt mit uns beim Abendessen.
„Wisst ihr was ich wirklich vermisse?“ Fragende Blicke wenden sich ihr zu. „Mich zu schminken! Mich mal wieder so richtig schick zu machen, um auszugehen. Im Moment hängen alle in Jogginghosen rum. Ich habe keinen Grund mich herauszuputzen. Das fehlt mir...“

Tatsächlich sieht man die sonst immer so gestylte Jule im Moment ungewöhnlich oft ungeschminkt. Das tut ihrer natürlichen Schönheit keinen Abbruch, aber man hat das Gefühl ihre Seele leidet. Das morgendliche Ritual der Verwandlung fehlt. Die halbe Stunde Heavy Metal, die aus dem Bad dringt, nachdem sie zerzaust, mit kleinen Augen in ihrem gestreiften Bademantel vorbei geschlappt ist.

„Dann lasst uns doch selbst einen Anlass schaffen.“ Und in dem Moment, in dem ich es ausspreche, packt auch mich die Lust, mal wieder etwas Besonderes zu machen. „Wir kochen am Dienstag ein fancy Menü. Ich opfere einen guten Wein und wir ziehen alle Abendgarderobe an und kämmen uns mal wieder ordentlich die Haare.“ Und so ist es beschlossen. Denn uns allen fehlt es irgendwie (r)auszugehen.

Und so kommt der Dienstag. Den ganzen Tag stehe ich in der Küche um ein Menü zu kreieren, das unserer Dinner-Party würdig ist… Da gibt es nur eine kleine Schwierigkeit: Das Fleisch in der Schweiz ist nach wie vor zu teuer und der Rinderbraten ist leider nicht drin.
Was für ein glücklicher (?) Zufall, dass ich in meinem Lagerbestand noch eine Packung Seitan-Fix ausgrabe. Die Jungs sind skeptisch, aber eben auch immer noch Schwaben. Hauptsache Protein.

Und so steht das Menü: veganer Sauerbraten an einer vegetarischen Bratensauce, schwäbische Eierspätzle und gerösteter Blumenkohl. Dazu eine exquisite Flasche Rotwein aus meinem Kleiderschrank-Bunker.

Für den ersten großen Lacher des Abend sorgte mein Braten, als er beim Kochen in der Beize auf das doppelte Volumen anwächst und beginnt zu schwimmen... das habe ich nicht erwartet. Vielleicht sollte ich mich doch ab und an an Rezepte halten.

Das Tafelsilber scheint im Kerzenlicht und der Rotwein reflektiert in leuchtend roten Schlieren auf der weißen Tischdecke. Der Braten duftet fantastisch, die Sauce ist ein Traum – und ich bin immer noch nicht umgezogen… jetzt aber schnell.

Einen Teller des sättigenden veganen Proteinklopses später sind alle voll und ein wenig beschwipst. Sieht so aus als gäbe es die nächsten drei Tage Reste. Wer hätte erwartet, dass vegan so stopft…

Nun aber zum wichtigsten Teil des Abends: Dem Verdauungsspaziergang (ein Glück habe ich mir die Mühe gespart noch einen Nachtisch vorzubereiten). Schon als ich mich beuge um meine eleganten Schuhe zu schließen, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Bei dem Versuch aufzustehen fährt mir ein ziehender Schmerz durch die Eingeweide und ich atme stoßweise gegen den Schmerz, wie eine Schwangere in den Wehen.

Den Spaziergang muss ich gebeugt antreten, während sich der Sauerbraten mit meinen Organen zu unterhalten scheint. Bis wir unsere kleine Runde beendet haben, schaffe ich es aber immerhin wieder halbwegs aufrecht zu stehen. Die Schuhe lasse ich mir trotzdem sicherheitshalber von meinem Mitbewohner ausziehen. Bloß nicht mehr bücken, ist mein Motto für den Rest des Abends.

So endet die Dinner-Party mit Cocktails auf dem Sofa. Die Füße hochgelegt und der obere Knopf der Hose offen, um dem Braten Platz zu machen, der von einem Bauch zum anderen kommuniziert, nur übertönt von den Schüssen und Schreien des Psychothrillers auf der Leinwand unseres Heimkinos.

Didi der Bastler – Rollschneider statt Schraubenschlüssel

Eines morgens beim Frühstück entdeckt Berni auf Instagram einen Aufruf der Caritas. Freiwillig Näherinnen werden gesucht, die Mundschutze nach einem Muster produzieren. Entschuldigt, „Behelfsmundschutze“.

Zu diesem Zeitpunkt setzt meine Nähmaschine bereits wieder Staub an. Die Box mit UFOs unter meinem Schreibtisch ist am überquellen (UFO= Un-Finished-Object). Eine Stoffreste-Kiste ist ein einziges buntes Chaos, das sich schon auf diverse Pappkartons ausgedehnt hat. Die Einbau-Schränke im Flur unserer WG wurden längst beschlagnahmt und beherbergen neben zehn Prozent Putzutensilien neunzig Prozent Jersey, Webstoffe, Outdoor-Stoffe, Wachstuch und Boxen mit Zubehör wie Reißverschlüssen, Knöpfen, Webband und Ösen. Das über mehrere Jahre angehäufte Material sammelt sich wie die Zeitschriften und Magazine bei einem Hobby-Collagisten. Man kauft immer mehr als man braucht, es könnte ja mal sein, dass… Corona kommt?

Überraschenderweise bietet mir Didi gleich seine Hilfe an. Er kann nicht nähen, aber vielleicht kann er ja doch irgendwie helfen. Natürlich! Nähen ist gar nicht so schwierig und davor muss ohnehin sortiert, geschnitten und gebügelt werden.

Ich bin schon länger der Überzeugung, dass mein Mitbewohner eigentlich an die IT verschwendet ist. Ständig bastelt er an irgendwas rum, baut einen Laptop-Tisch mithilfe eines Lasercutters, schraubt an den Steckdosen des maroden Hauses rum, repariert unser WLAN, montiert den neuen Beamer und ich kann gar nicht zählen wie oft er mir schon den Allerwertesten gerettet hat und spät Abends noch mein Radl wieder zusammengeflickt hat.

Dank Corona lernt Didi jetzt nähen und ich muss sagen: Ich hatte nie einen motivierteren (und penibleren) Schüler. Und so beginnt unser gemeinsames Projekt. Der erste Satz von 15 Masken aus hübsch gemusterten Baumwollstoffen entsteht innerhalb einer Woche, neben Home-Office, IT-Job, Uni-Vorbereitungen und WG-Aktivitäten.

Einen kompletten Tag sortieren wir Stoffe und schneiden Quadrate zu. Gelegentlich rennt jemand zum Verbandskasten, wenn der Rollschneider nicht nur durch den Stoff, sondern auch gleich durch meinen Finger rollt.

An Tag zwei gehen wir die Schrägbandproduktion an. Ca drei Meter pro Maske müssen produziert werden. Stundenlang pfriemel ich Stoffstreifen durch die aus Pappe gebastelte Führung und verbrutzel mir die Fingerspitzen beim Fixieren mit dem Bügeleisen.

Gefühlte 100 Meter Schrägband später schwitze ich wie ein Wasserfall und mir ist schwindelig. Didi ist mein Retter und löst mich ab um weiter Falten in die Maskenteile zu bügeln.

Als es endlich ans Nähen geht, setze ich kurzerhand meinen schlaksigen Mitbewohner an die Maschine. Es braucht etwas Überredungskunst, bis er schließlich das Pedal herunter drückt und die Maschine zufrieden vor sich hin rattert.

Ein paar Stunden später darf ich dann auch den Raum verlassen, während er eine Naht nach der anderen steppt und sich langsam aber sicher, die fertigen Mundschutze stapeln. Oma wäre stolz auf ihn.

Inzwischen machen die ersten 15 Testexemplare das Leben unserer Familien ein wenig bunter und jedes WG-Mitglied besitzt zwei Wechsel-Exemplare. Meine Lieblingsmaske ist froschgrün und mit Lamas bedruckt, die pinke Hüte tragen. Und jede bunte Maske, die mir auf der Straße begegnet, zaubert mir ein verborgenes Lächeln aufs Gesicht.

Bis der Boden wackelt – Clubben in Corona Zeiten

Und wenn man nicht mehr (r)ausgehen kann ist Kreativität mit den abendlichen Aktivitäten gefordert. Unser Barmann Jan hat sich dieser Herausforderung gerne gewidmet und sucht jeden Abend einen neuen Cocktail heraus, den die WG gemeinsam verkosten kann. Darunter Namen wie: Pornstar, Aligator, Salty Dog, Rolls Royce, Rabbit´s Foot, Elefanten Kaffee und die Bayrische Kopfnuss.

Woraufhin ich mich dazu inspiriert fühlte, selbst ein paar Drinks für die Krise zu kreieren.

Mr. Bean im Home Office – Ein als Cappuccino getarnter Cocktail, den man bereits morgens beim ersten Online-Meeting genießen kann, ohne dass es auffällt.

After Work is After Eight – Der erste Drink, nach dem du greifen wirst, wenn du abends um acht endlich dein Head-Set abnehmen kannst. Wie Zähneputzen einen schlechten Geschmack im Mund beseitigt, reinigt dieser Cocktail deinen Geist von dem dumpfen Schmerz im Kopf nach zahlreichen Telefon-Konferenzen.

Home Schooling – Das einzige Kriterium dieses Drinks? Er muss brennen, wenn du ein Feuerzeug an ihn heran führst.

Hier aber noch ein Drink, den ich tatsächlich gemixt habe. Saisonal, aber zeitlos und mein aktueller Favorit:

Deadly Rhubarb (2-4 cl „The Botanist“ Gin, ein schönes Rosenblatt, eine Scheibe Zitrone, etwas gezuckerter Rhabarber und schließlich mit Eiswürfeln und Indian Tonic aufgefüllt). Der ist auch Post-Krisen-Sicher im Namen.

Und damit ich nicht an Leberversagen abkratze, bevor Corona mich erwischen kann, die alkoholfreien Variationen für zwischendurch:

Der No-jito (Limette, Minze, Zucker, Indian Tonic und Sprudel auf Eis)

Der No-No-lito (mit Zitronen, wenn du wie so vieles keine Limetten mehr bekommst…)

Zurück zu unseren Abenden. Auch für den alkoholfreien Teil des Abends ist gesorgt, seit Berni uns Just Dance für die Switch bestellt hat. Und wenn wir nicht gerade alle Muskelkater in Hintern, Waden oder Oberschenkel haben, ist dann auch der Abend mit Bewegung gefüllt.

Der Kaffeetisch wird beiseite gehievt und die Fläche zwischen den Sofas wird zur Tanzfläche. Und dann schwingen wir die Hüften und bringen die Vitrine mit den Schnapsvorräten im Nebenzimmer zum Klirren und das alte Haus ächzst und zittert im Beat.

Den besten Hüftschwung der WG hat wohl Jan. Oder doch Didi? Die beiden liefern sich schon eine Weile einen heißen Kampf um den ersten Platz in der Bestenliste um Katy Perrys „I kissed a girl“.

Spätestens um 22 Uhr macht unser kleiner Club dann aber leider dicht. Länger können wir den Jungs unten drunter das Gehopse nicht antun.

Der zweite Teil – Ostern

20. April

Der Tag, den viele als Wende der Situation herbei gesehnt haben, ist gekommen. Die Osterferien sind überstanden. Und tatsächlich heißt es: Endlich wieder shoppen! Aber nicht für mich... Die Einfuhr in die Schweiz ist noch immer verboten und ich habe den Verdacht, dass mich Mamas Fresspaket am Zoll teuer zu stehen kommen kann. Auf 100 Franken wird man inzwischen für den Import von Waren erleichtert... Nun. Noch habe ich Hoffnung, dass nach der Verlängerung der strengen Grenzkontrollen bis Mai, nicht nur mein Lieblingskäse, sondern auch mein Lebenspartner wieder einreisen darf.

Apropos shoppen. Vor ein paar Tagen habe ich den Alpha-Kevin unter den Osterhamstern ausgemacht. Ein Schnappschuss erreichte mich über die WG-Gruppe auf WhatsApp: Die Mutter meines Mitbewohners hatte es fertig gebracht ein halbes Kilogramm Frischhefe für die Feiertage aufzutreiben.

Alpha-Kevin II sitzt auf der Alb und hamstert Dosenwurst, sehr zu Freude meines Mitbewohners. Er ist der Schwiegervater-in-Spe und hat das Wohlwollen seines zukünftigen Schwiegersohnes wohl auf ewig sicher. Und das wo seine Freundin doch neuerdings so gut wie vegan unterwegs ist...

An dieser Stelle muss ich gestehen: Auch ich hatte ein wenig die Hamster-Panik vor dem Fest und habe in der Schweiz noch 2 Würfel Hefe und etwas Ruch-Mehl eingepackt. Nach den Feiertagen (26 Brötchen, ein Grillbrot, ein Topfbrot und einen Hefezopf später) habe ich noch immer eineinhalb Würfel des wertvollen Produktes im Kühlschrank. Ich backe seit zwei Jahren Brote und Brötchen selbst, und vor lauter Panik hatte ich irgendwie vergessen, dass ich mit Mengen von maximal 5g Hefe pro Rezept immer gut ausgekommen bin.

Nach dieser Erkenntnis habe ich in der Nachbarschaft das Hefe-Sharing gestartet. Mit 500g Hefe frage ich mich wirklich, ob Mutter im Keller einen Hefe-Hasen heranzüchtet, der die Größe eines Hauses hat, oder ob es nun einfach den Rest des Jahres drei mal täglich Pizza gibt.

15. April 2020

Es ist kurz nach Ostern...

Ich bin geflohen. Die WG ist menschenleer. Alle sind heimgefahren und ich flüchte vor der Einsamkeit. Bis auf Weiteres verlege ich mein Exil nach Heidelberg.

So verbringe ich das Fest tatsächlich, wie jedes Jahr, bei meinen Eltern in der Heimat. Doch obwohl wir nie mit Großfamilie feiern und alle Hauptpersonen versammelt sind, fühlt sich dieses Ostern anders an.

Gleich am ersten Tag lege ich mich bereits mit einer Nachbarin an. Meine Geschwister (7 und 10 Jahre) werden von mir über die Grünfläche gejagt. Sprints. 5 Mal hin und zurück. Mitten in der Wiese. Zwei Meter Abstand zu jeder Seite, an der Wege verlaufen. Genug Platz, um sich mit genügend Abstand vorbei zu drücken.

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Man dürfe nicht aus dem Haus!, pöbelt mich eine junge Frau von der Seite an. „Lesen Sie! Sie dürfen nicht raus. Sie können hier nicht spielen.“ Noah, der Jüngere, klammert sich an meine Hand und schaut die Frau großäugig an. „Ich studiere. Ich bin in der Lage zu lesen und habe mich informiert. Danke.“ Die Frau wiederholt wie ein Mantra, ich solle lesen, man dürfe nicht raus. Ich begreife langsam, es ist egal was ich sage. Sie ist eine der traumatisierten Trauergestalten der Nachbarschafts-Corona-Propaganda.

In den folgenden Tagen höre ich von unserer selbsternannten Vorgarten-Miliz. In der Nachbarschafts-Gruppe auf Facebook wird öffentlich angeklagt: „Ich hab‘s heute schon wieder gesehen! Welche unverantwortliche Person lässt schon wieder ihre Bälger auf der Wiese spielen! Das ist in diesen Zeiten gleichzusetzen mit Mord. Das Spielen im Freien ist zu unterlassen!“

Da kann ich schon verstehen, wenn manch einer den Kopf einzieht. Wirst du mit mehr als einer Packung Klopapier für deine sechs-köpfige Familie gesehen, erntest du Todesblicke und beleidigte Mienen. An der Kasse entschuldigst du dich als Mutter einer Großfamilie dafür, dass du mehr als zwei Tomaten-Produkte einkaufst. 2 Flaschen Tomaten und ein Tomatenmark: Das sind zweimal Nudeln mit Tomatensauce...

Der nächste konsequente Schritt ist wohl der Nachbarschaftspranger und die Klopapier-Rolle der Schande, die herumgereicht wird. So oder so ähnlich sehe ich die Feiertage enden. Natürlich mit Live-Übertragung auf Facebook, um Menschenmassen und Ansteckungen auf dem Schandplatz zu vermeiden.

Und ich bin wohl die Erste, die das Konstrukt testen darf. Schließlich gehe ich täglich 30 Minuten joggen und mache weiterhin Sport im Freien mit meinen Geschwistern.

11. April 2020

Der Osterhase arbeitet ja bekanntlich schon seit Jahrzehnten kontaktlos. Aber dieses Jahr begegnet ihm diese Herausforderung nicht nur beim Eier verstecken, auch die Hennen haben beschlossen auf ihren Abstand zu bestehen.

Dafür haben sie einen Trick übernommen, den sie bei einigen Bäckereien in der Region haben beobachten können. Brötchen-Rampen. An Fenster I gibst du deine Bestellung auf und aus Fenster II rutscht dir deine Bäckertüte auf 1,5 m Rampe entgegen. Leider sind diese Eier ein wenig fragiler als unser Frühstück...

Und damit alles gute für die Eiersuche!

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Der erste Teil

April, April...

Lieferung für den Nachbarn: Eine Palette mit ca. 20 Packungen Klopapier, die, so eng in Schichten von Folie gewickelt, aussehen wie ein hässlicher Schneemann im Sommer.

Im Netz kursieren Bilder von Keller-Räumen voller Klopapier. Man könnte meinen, manch einer baut extra an, um die wertvolle Rolle noch besser horten zu können.

Da drängt sich mir die Frage auf: Was macht man mit so viel Klopapier, wenn man doch mal den Platz im Keller wieder braucht?

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Hier sind 5 Ideen, wie wir überschüssiges Klopapier in Zukunft nutzen werden

1: Die Klopapiermumie

Fangen wir simpel an. Meine Prognose für nächstes Halloween lautet: vermehrte Sichtungen kleinwüchsiger Klopapiermumien bei Nacht. Unbeliebte Nachbarn sollten darauf vorbereitet sein, ihre Häuser aus einem Netz dreilagigen Einhorn-Papiers mit Kamillenduft zu befreien.

2: Klopapierburgen statt Strandurlaube

Sollten die Reisebeschränkungen noch ein Weilchen gültig sein, oder aber einfach der Lieblings-Touristenort durch Corona bankrott gegangen, muss manch ein Haushalt eine Alternative zum Strandurlaub finden. Wie wäre es denn mit Klopapierburgen? Da hat man wenigstens nachher keinen Sand in der Badehose.

3: Dream-Team: Klorolle + Panzertape

Bei Studenten ein sehr beliebter Trick, wenn man mal keinen Ball zur Hand hat. Man nehme eine Rolle Panzertape und wickle sie eng um eine neue Klorolle. Fertig ist der Flunky-Ball... ähm Handball.

Mit ´ner kühlen Limo daneben, lassen sich so den ganzen Sommer über tolle Spiele im Hof veranstalten.

4: Der Klopapier-Babybauch Limited Edition

Gipsabdrücke von Babybäuchen waren vergangenes Jahr noch hoch im Trend. Die Generation Corona-Baby macht ihr eigenes Ding draus: Klopapier-Maché-Abdrücke von Babys Wohnhöhle. Gerne kann man auch die Trump-Limited-Edition der Rolle dafür verwenden, noch verziert mit ein paar Corona-Korken und dem Hashtag #wirsindzuhausegeblieben, und fertig ist das Meisterstück.

5: Klopapier-Hamster

Und falls euch doch mal das gehamsterte Klopapier ausgeht: Hamster! Umweltfreundlich recycelbar, Energie effizient (frisst Küchenreste) und fusselt fast gar nicht. Einer nass, einer trocken?

Kleiner Scherz. Hamster lieben Klopapier und bauen sich Nester und Verstecke daraus. Post-Corona ist so ein kleiner, flauschiger Freund auch ein gutes Mittel gegen aufgekommene Depressionen.

31. März 2020

Seit nunmehr 14 Tagen sitze ich im Exil und frage mich jeden Tag aufs Neue, wie ich mich am Besten beschäftige. Zum Glück habe ich vier Mitbewohner, die ich Tag für Tag nerven kann mit mir zu joggen, Zirkeltraining zu machen, spazieren zu gehen... und mein Freund ist weit weg hinter der Grenze in Stuttgart.

Irgendwann kam mir beim Anblick leerer Klopapierregale folgendes Bild in den Kopf:

Kurze Zeit später lese ich einen Artikel, der besagt: Sexspielzeug-Shops wie Amorelie, Eis.de und Co laufen über vor Bestellungen... Das bestätigt meinen Verdacht. Paare in der Isolation scheinen mir gut beschäftigt zu sein.

Ob wohl die nächste Produktgruppe mit Lieferengpässen der Verhütungsmittel-Industrie entspringen wird? Und wie werden die Geburtenraten in neun bis zehn Monaten wohl aussehen? Der Hashtag: #wirbleibenzuhause macht jetzt schon die Runde. Ich möchte für die nächste Generation an Instagram-Babyfotos die Hashtags #coronababy #wirsindzuhausegeblieben vorschlagen.

30. März 2020

Vor ein paar Tagen lief ich das erste Mal seit der Grenzschließung in den Seepark hinunter. Dort begegneten mir mannshohe Bauzäune entlang der Kunstgrenze, eine Sicherheitskamera an der Straßenlaterne und ein Polizeiwagen, der auf der deutschen Seite Patrouille fuhr. Nach etwa 200 Metern Grenze schien ihnen allerdings der Zaun ausgegangen zu sein, hüfthohe Absperrungen führten von dort an diese eher improvisierte Grenzsicherung fort.

Zwei Tage später, bei schönem Wetter, sehe ich Grüppchen von Studentinnen, die sich zu beiden Seiten des Zaunes zum gemeinsamen Picknick niederlassen. Ein Paar spaziert, getrennt durch den Zaun, die Grenze entlang und unterhält sich. Zwei junge Männer sitzen am See-Ende des Zaunes, einer rechts einer links des verankernden Betonblocks, der ihnen gleichzeitig als Ablage für ihre Bierdosen dient, und beobachten den Sonnenuntergang.

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Auch mein Freund wohnt hinter dieser Grenze, denke ich, als ich ich das nächst mal an den Zäunen vorbei jogge. Mir kommt der Gedanke, wie viel Anlauf ich wohl benötigen würde, um die hüfthohe Absperrung zu überwinden. Das würde mein Exil-Sportprogramm gleich um zwei Disziplinen erweitern: Hürdenlauf und ein schneller Sprint auf der Flucht vor dem Polizei-Schäferhund.

Meine Hoffnung ruht allerdings darauf, dass wir den Sommer am See bald, ganz ohne sportliche Bestleistungen, wieder gemeinsam genießen dürfen.

27. März 2020

Vor ein paar Tagen traf mich plötzlich die Erkenntnis. Was machen wir eigentlich, wenn Friseure jetzt auch noch geschlossen haben? Leben wir dann bald wieder wie die Höhlenmenschen: nackt und ohne Kleidung, lange verfilzte Haare... und wo packe ich das Klopapier hin, wenn ich keine Hosentaschen mehr habe?

So kämpft sich dann wahrscheinlich das Känguru an die Spitze der Nahrungskette. Die Evolution hat es optimal ausgestattet um Klopapier zu horten, ganz ohne die Hilfe von Textilien und Einkaufswagen.

Das Projekt und die Autorin

Ihr Praktikum als Gestalterin hat Samira im März 2020 beim SÜDKURIER begonnen und wurde schon bald von den Folgen des Corona-Virus getroffen: als Praktikantin im Homeoffice… ???  Sie beschloss, das Beste daraus zu machen und ließ ihrer Fantasie freien Lauf.   Die Kommunikationsdesignerin der HTWG bringt in diesen Zeiten ein ganz neues Format ins Spiel: die Corona-Chroniken. Ein humorvoller Blick auf die Absurditäten des Alltagslebens während einer Pandemie. Gedankengänge, Beobachtungen und Tagträume in Form von Illustrationen.   Ein visuelles Tagebuch.
Ihr Praktikum als Gestalterin hat Samira im März 2020 beim SÜDKURIER begonnen und wurde schon bald von den Folgen des Corona-Virus getroffen: als Praktikantin im Homeoffice… ??? Sie beschloss, das Beste daraus zu machen und ließ ihrer Fantasie freien Lauf. Die Kommunikationsdesignerin der HTWG bringt in diesen Zeiten ein ganz neues Format ins Spiel: die Corona-Chroniken. Ein humorvoller Blick auf die Absurditäten des Alltagslebens während einer Pandemie. Gedankengänge, Beobachtungen und Tagträume in Form von Illustrationen. Ein visuelles Tagebuch.

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