Etwas Besseres findet man immer und überall: bessere Arbeiter, bessere Dienstleister, bessere Produkte. Im Internet decken Bewertungsfunktionen schonungslos kleinste Schwachstellen auf, Vergleichsportale erstellen tagesaktuelle Rankings, und bei Unzufriedenheit mit einer gebotenen Leistung genügen für die Kündigung oft schon wenige Klicks.

Kein Erbarmen mit den Unvollkommenen

Die Leistungsgesellschaft kennt mit Langsamen, Unvollkommenen und Schwachen kein Erbarmen mehr. Und so ist es keine schlechte Idee, wenn das Konstanzer Stadttheater in diesem Jahr als Weihnachtsmärchen jene Geschichte auf die Bühne bringt, die der Erfahrung des Aussortiertwerdens eine optimistische Vision entgegenhält: die Bremer Stadtmusikanten.

Wenn es stimmt, dass das Bessere stets nur einen Steinwurf entfernt liegt, so gilt das nämlich auch für den Tod. Aus dieser Einsicht gewinnen die vier von ihren Herrchen abservierten Freunde die Motivation zur langen Reise nach Bremen.

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In seiner eigenen Bearbeitung des Grimmschen Märchens widmet Intendant Christoph Nix der berühmten Kündigungswelle deshalb seine besondere Aufmerksamkeit. Der Esel (Jonas Pätzold) zum Beispiel schleppt gerade fröhlich Mehlsäcke, da fährt am linken Bühnenrand ein Unternehmer (Tomasz Robak) mit knallrotem Traktor vor (Bühne: Bozena Sziachta).

Logik des Marktes

Es ist die technische Innovation, die hier mit unbarmherziger Vehemenz an die Tür des braven Landwirts (Jürgen Bierfreund) anklopft. „Sie werden schon sehen, wo Sie bleiben, wenn Sie den Fortschritt aufhalten wollen!“, ruft der Unternehmer und lacht hämisch. Schnell wird klar: Wer aus Sentimentalität den Esel behält, statt den Traktor zu kaufen, der gerät ins Hintertreffen. Es braucht keinen bösen Willen, um ein altes Tier zu entsorgen, sondern bloß die Logik des Marktes.

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Der Hund (André Rohde) scheitert an seinem eigenen guten Herzen. Sein Berufsbild hat sich verändert: Statt auf die Jagd zu gehen, soll aus ihm ein Kampfhund werden. Doch das Tier will seinem Gegner trotz Überlegenheit einfach nicht weh tun! Die Katze (Svenja Koch) wird Opfer familiärer Streitsucht, der Hahn (Florian Rummel) muss hören, dass ein schnöder Wecker viel zuverlässiger funktioniert als er.

Weil die Eheleute sich streiten, muss die Katze bald die Wohnung verlassen.
Weil die Eheleute sich streiten, muss die Katze bald die Wohnung verlassen. | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Regisseur Michael Bleiziffer inszeniert das bewusst naiv mit grauen Eselsohren und weißen Katzenpfoten. Der Hund ist bei ihm ein echter Rabauke, der Hahn ein rechter Gockel, die Katze eine wahre Zicke: Das alles könnte in seiner Klischeehaftigkeit störend sein, wenn dabei nicht stets ein selbstironischer Zug erkennbar wäre. Für Kinder zeigt sich dieser in Anspielungen auf Janosch wie etwa beim verrückten Huhn aus „Komm wir finden einen Schatz“ („Ogottogottogottoktok“), Erwachsene erfreuen sich derweil an Songanleihen bei Kraftwerk („Hahn auf der Autobahn“) oder Herbert Grönemeyer („Hähne nehmen in den Arm, Hähne geben Geborgenheit“).

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Ein Quartett am rechten Bühnenrand verleiht der Tour Richtung Norden unter der Leitung von Frédéric Bolli mit zirzensisch-volkstümlich anmutender Musik einen Revue-Charakter. Videoeinspielungen von Straßenverkehr und fließendem Wasser vermitteln den Eindruck von großer, weiter Welt. Dass Esel, Katze, Hund und Hahn ihr Ziel Bremen nicht erreichen werden, dafür in einem Räuberhaus dennoch ihr Glück finden, dürfte auch dem jüngsten Besucher bereits bekannt sein. Spannend bleibt deshalb allein die Frage, wie sie sich auf diesem Weg anstellen.

Vernünftiger Umgang mit Verschiedenheiten

Nix und Bleiziffer beschwören keineswegs den Mythos von der großen Kameradschaft. Der Hund mag die Katze nur widerwillig an seiner Seite akzeptieren, und der Hahn schickt bei kritischen Situationen lieber mal den Esel vor. Die Moral von der Geschichte: Nicht die Gemeinschaft ist erfolgreich, die traute Harmonie demonstriert, sondern jene, die mit ihren Verschiedenheiten einen vernünftigen Umgang findet.

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In der vergangenen Spielzeit hatte das Weihnachtsmärchen am Konstanzer Stadttheater unter anderem wegen seines fragwürdigen Umgangs mit dem Thema Tod für Irritationen gesorgt. Vielleicht hat man sich aus diesem Grund diesmal ganz bewusst für einen sehr konventionellen Zugriff auf einen klassischen Stoff entschieden. Auch wenn es manchem vielleicht zu konventionell und vorhersehbar erscheinen mag: Diese Vorstellung kann man mit seinen Kindern guten Gewissens besuchen.

Kommende Vorstellungen: am 1., 15. und 22. Dezember. Weitere Informationen: http://www.theaterkonstanz.de

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