Das Verstecken hat eine lange Geschichte in unserem Land. In den zahlreichen Konflikten des 17. und 18. Jahrhunderts wie auch noch unter der Besetzung durch Napoleon sind es vor allem wertvolle Güter gewesen, die man vor Plünderern zu schützen versuchte. Später gehörten Religionszugehörigkeiten und Abstammungslinien unter den Mantel des Schweigens, nicht zuletzt in der Zeit der NS-Herrschaft. Und als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, versteckte man seine politische Gesinnung: eine kommunistische im Westen, eine kapitalistische im Osten.

Kunst des Versteckens

Über die deutsche Kunst des Versteckens hat Christoph Hein ein Buch geschrieben. Es heißt „Verwirrnis“ und fügt der monetären, religiösen, ethnischen und politischen Variante noch eine fünfte hinzu: die sexuelle. Friedeward Ringeling erkennt als Jugendlicher in der neugegründeten DDR, dass es Jungen sind und nicht Mädchen, die ihn interessieren. Während einer gemeinsamen Radtour mit seinem besten Freund Wolfgang erlebt er sein Coming-out. Doch die Liebe muss geheim bleiben, denn wir schreiben die Fünfzigerjahre, und Friedewards Vater ist ein Mann, der seine Kinder für jede Unsittlichkeit mit einer Peitsche bestraft.

Christoph Hein bei einer Benefizgala der Autorenvereinigung PEN.
Christoph Hein bei einer Benefizgala der Autorenvereinigung PEN. | Bild: Daniel Bockwoldt

So lernt Friedeward, gleich mehrere Facetten seiner Identität unter Verschluss zu halten: den verprügelten Sohn aus Scham, den schwulen Mann aus Vorsicht und den politischen Kopf aus Strategie. Es ist ein sehr deutsches Schicksal, das hier erzählt wird, weil alle diese Ursachen zum Versteckspiel historisch erklärbar sind. Denn Hein ist als Erzähler klug genug, den Vater nicht als Monster zu zeichnen, sondern als einen Menschen, der seiner eigenen Erfahrungslogik folgt.

Die Härten des Lebens

Er selbst, so sagt er, habe harter Erziehung zu verdanken, dass er „die Nazizeit mit einer Haltung überstand, so aufrecht, dass ein amerikanischer Offizier vor mir salutierte und ein russischer mir die Hand gab“. Und auch jetzt in der DDR folge er seinen eigenen Überzeugungen statt der ideologischen Linie der Partei: möglich nur durch die frühe Gewöhnung an die Härten des Lebens, etwa mithilfe einer Peitsche. Weshalb er sie nun „schweren Herzens“ auch seine eigenen Kinder spüren lässt. Das preußische Erziehungsideal findet in der Konfrontation mit Krieg und Elend auf fatale Weise seine scheinbare Bestätigung.

Ein Doppelleben in der DDR

Die Wahrheiten des Vaters, der Gesellschaft oder der Partei muten so klar, so unbestreitbar an, dass nur die Literatur einen Zufluchtsort bieten kann. Friedeward studiert Germanistik, steigt auf zum Lieblingsschüler des legendären Leipziger Literaturwissenschaftlers Hans Mayer (der hier nicht namentlich, sondern nur als „Goethe höchstselbst“ genannt wird) und steuert schließlich seinerseits auf eine akademische Laufbahn zu. Mit seinem Freund Wolfgang organisiert er währenddessen zur Tarnung ihrer Beziehung ein Doppelleben: Geplant ist die Heirat der lesbischen Kommilitonin Jacqueline, die damit auch ihre eigene Beziehung zu Herlinde absichern kann.

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Dann setzt sich Wolfgang plötzlich in den Westen ab. Und wenig später auch Friedewards Mentor, „Goethe höchstselbst“. Ein Schritt über die Grenze: Schon gelten in diesem Versteckspiel ganz neue Regeln – für den Geflohenen wie für den Zurückgebliebenen. Der eine muss jetzt lernen, seine DDR-Herkunft zu verbergen. Der andere wiederum hütet sich nun davor, seine Beziehung zum Republikflüchtling hervorzukehren. „Das Verheimlichen war ihm zur zweiten Natur geworden“, heißt es über Friedward Ringeling. „Und er hatte nicht vor, jemals aus der Deckung zu kommen.“

Zerrissenes Land

Es ist ein zerrissenes Land, von dem Hein in seinem Roman mit der nüchternen Beobachtungsgabe eines Chronisten berichtet. Zerrissen zwischen Systemen, Generationen und Konfessionen. Die Zerrissenheit ist es, die immer wieder das Verstecken notwendig macht. Und sie ist es auch, welche die Bürger dieses Landes immer wieder mit radikalen Regeländerungen überrascht und überfordert. Denn was gestern noch verboten war, kann heute schon gefordert sein und umgekehrt. Das gilt zum Beispiel für den Umgang mit der sexuellen Identität.

Erpressung durch die Stasi

Noch vor der Wende dient Friedewards Geheimnis nämlich der Stasi als Erpressungsinstrument. Soll die Öffentlichkeit von seiner homosexuellen Neigung nichts erfahren, muss er von einem Auslandsaufenthalt einen Reisebericht anfertigen.

Nach der Wende dagegen gerät er genau wegen dieses Berichts unter Verdacht, ein Spitzel gewesen zu sein. Rettung verspricht nur eines: die Erpressung als solche enttarnen und sich zur eigenen Homosexualität bekennen! „Ich soll mich hinsetzen und schreiben, dass ich schwul bin?“, fragt Friedeward ungläubig den Hochschulrektor. „Das kann ich nicht.“ Er werde sehen, verspricht ihm der andere: „Selbst wenn es publik werden sollte, wie viele Leute dich dann umso mehr schätzen!“

Kein Zufluchtsort

Doch wer ein Leben lang das Verstecken übte, der fasst kein Vertrauen mehr. Gefangen zwischen öffentlichem Outing und unberechtigter Verdammnis hat auch die Literatur als Zufluchtsort ausgedient. Friedeward wählt statt ihrer den Tod.

Christoph Hein hat sich als feinsinniger Analyst deutscher Lebensläufe einen Namen gemacht. Diesem Ruf wird er mit diesem raffiniert komponierten Plot gerecht. Nicht verborgen bleibt freilich, dass sich die im sachlichen Berichtsstil gehaltene Erzählung mitunter allzu leicht weglesen lässt: Nach Rätselhaftem oder auch nur Ironischem sucht der Leser vergebens.

Bild: Suhrkamp

Christoph Hein: „Verwirrnis“, Roman, Suhrkamp 2018, 303 Seiten, 22 Euro.