Es ist der letzte Hort der deutschen Sprachpflege, ein Tempel der feinsinnigen Reflexion, eine Schule der präzisen Benennungen und Unterscheidungen. Wer hier liest und spricht, begibt sich bisweilen aufs höchste Niveau der menschlichen Kommunikation. Missverständnisse: nahezu ausgeschlossen. Die Rede ist hier weder vom Goethe-Institut noch vom Wiener Burgtheater, nicht von der Frankfurter Buchmesse und auch nicht vom Literarischen Quartett. Gemeint ist: der Baumarkt.

Wo Wandfarbe noch ganz einfach Wandfarbe heißt: Mitarbeiterin des Baumarkts „Hornbach“ beim Überprüfen der Preisschilder.
Wo Wandfarbe noch ganz einfach Wandfarbe heißt: Mitarbeiterin des Baumarkts „Hornbach“ beim Überprüfen der Preisschilder. | Bild: Uwe Anspach

Man vergleiche diesen Ort nur einmal mit Kfz-Werkstätten und Elektronik-Märkten. Mit Garagen, in denen ahnungslose Kunden sich anhören müssen, ihre Lambda-Sonde sei defekt, außerdem gebe es Probleme mit der Common-Rail-Einspritzung, vielleicht sei mal ein Chiptuning fällig. Oder mit Fachverkäufern, die Blue-Ray-Player mit Smart Hub im Curved Design anbieten.

Schraube ist hier noch Schraube

Welche Erholung bietet dem überforderten Verbraucher dagegen so ein gewöhnlicher Baumarkt! Eine Schraube ist hier noch eine Schraube und kein Screwing-in-direct-System. Kein Anliegen ist zu kompliziert, kein Gegenstand zu exotisch, als dass er sich nicht in schönstem einfachem Deutsch benennen, einordnen und gerade deshalb leicht finden ließe.

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Wer sich etwa an seiner Schranktür eine Platte vorstellen könnte, die mit einer halsförmigen Vorrichtung zum Aufhängen von Jacken und Hüten versehen ist, wobei am Ende des Halses eine Verdickung vor dem Abrutschen dieser Utensilien schützen soll – der käme kaum auf diesen wunderbaren Baumarktbegriff: Anschraubplatte mit Kugelhals.

Federklappdübel Spagat

Wer an einer Zwischendecke die schwere Lampe anbringen möchte und deshalb einen Dübel bräuchte, der (am besten durch eine Feder) hinter der Decke möglichst breit aufgeklappt wird, sodass anschließend der Haken wie ein Turner am Reck kopfüber herunterhängt – der wird jubeln bei diesem herrlichen Namen: Federklappdübel Spagat.

Tapetenstachelwalze

Und wer auf den absurd anmutenden Gedanken kommt, dass sich die betonfest an der Wand klebende Tapete vielleicht noch am ehesten entfernen ließe, wenn man sie nicht bloß einweicht, sondern sie solange von einer mit fiesen Stacheln versehenen Walze malträtieren lässt, bis der Tapetenlöser in die dadurch entstehenden Löcher fließen und sie so auch von hinten attackieren kann – der wird beim Anblick folgender Produktbezeichnung nur noch ungläubig staunen: Tapetenstachelwalze.

Telefonanbieter beißen sich die Zähne aus

Warum gelingt Baumärkten, woran sich Telefonanbieter die Zähne ausbeißen? „Angetrieben wird das K10 von einem MediaTek Octa-Core-Prozessor mit einer voraussichtlichen Taktrate von bis zu 1,5 GHz, 2 GB RAM und 32 GB Speicher.“ Bitte was?

Der Telekomtarif MagentaZuhause M besteht aus einer „Flat mit bis zu 50 MBit/s im Download und bis zu 10 MBit/s im Upload, Festnetz: Flat in HD Voice Qualität ins deutsche Festnetz, AVM FRITZ!Box 7430 inklusive.“ Ah?

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Weite Teile des Marktes entfernen sich sprachlich immer weiter von ihrer Kundschaft. Ohne die regelmäßige Lektüre von Fachzeitschriften können Verbraucher inzwischen kaum noch mitreden: Sie sind auf Gedeih und Verderb den Übersetzungskünsten windiger Fernseh- oder Telefonverkäufer ausgeliefert.

„Klar, eindeutig, verständlich“

Selbst Politiker, die ihrerseits oft genug im Verdacht mangelhafter Verständlichkeit stehen, nehmen zusehends Anstoß an dieser Entwicklung. So mahnte die Bundeskanzlerin bereits 2009 in ihrer Rede zum Deutschen Verbrauchertag „klare, eindeutige, verständliche“ Informationen an. In Bahnhöfen, im Internet und in Einkaufszentren wimmele es nur von Anglizismen und Wortschöpfungen, die nicht nur älteren Menschen das Leben unnötig schwermachen: „Man wundert sich, warum unsere deutsche Sprache so selten benutzt wird, um einfache Sachverhalte darzustellen.“

Nicht jeder will verstanden werden

Vielleicht gibt es für diese Verwunderung keinen Anlass. Womöglich möchte ja gar nicht jeder, der spricht und schreibt, auch wirklich verstanden werden. Die Stiftung des Vereins Deutsche Sprache hat vor einigen Jahren in Wirtschaft und Gesellschaft gebräuliche Begriffe ins Deutsche übersetzt. Dabei zeigte sich, wie vermeintlich schicke Modewörter dazu benutzt werden können, um unbequeme Wahrheiten zu tarnen: Stünde etwa statt des Standby-Fernsehers ein Standstrom-Gerät im Schaufenster, so könnte es passieren, dass der potenzielle Käufer im Geiste schon seine Stromuhr laufen sieht. Und ginge statt des Pay-TV ein Zahlkanal auf Sendung, so wäre wohl auch dem letzten Kunden seine Rolle als Melkkuh bewusst.

Kamera des Pay-TV-Senders Sky: Ob wohl die Abonnentenzahl ebenso hoch wäre, wenn von „Bezahlkanal“ die Rede wäre?
Kamera des Pay-TV-Senders Sky: Ob wohl die Abonnentenzahl ebenso hoch wäre, wenn von „Bezahlkanal“ die Rede wäre? | Bild: Jan Woitas

Wer so argumentiert, sieht sich nicht selten dem Vorwurf der Deutschtümelei ausgesetzt. Dabei sind die Anglizismen an sich gar nicht das Problem, sondern vielmehr eine Sprache, die gezielt Unverständnis befördert und sich dabei nur zu gerne bei Begriffen aus dem angelsächsischen Raum bedient. Einst aus dem Englischen übernommene Wörter wie Single, Start oder Sex sieht man dagegen auch beim Verein Deutsche Sprache als Bereicherung an: Schließlich sorgen sie nicht für weniger Verständnis, sondern für mehr.

Entfremdung zur Sprache

Der Dresdner Sprachwissenschaftler Karlheinz Jakob hat untersucht, wie es zur Entfremdung zwischen uns und unserer Sprache im Zuge des technischen Fortschritts kommen konnte. Demnach hat die elektronische Revolution ein Prinzip der Verkapselung durchgesetzt. Im 17. Jahrhundert konnte der Betrachter eines Wasserkraftwerks noch das Zusammenspiel von Wasserrad, Räderwerk und Hebevorrichtung mit bloßem Auge erkennen und verstehen. Im 20. Jahrhundert dagegen sind Bauteile und damit auch deren mechanische Prozesse mehr und mehr hinter Abdeckungen verschwunden.

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Weil der Mensch bei immer mehr Alltagsgegenständen die Wirkungsweise nicht mehr nachvollziehen konnte, musste er statt präziser Bezeichnungen mit Metaphern arbeiten: Das Rechenbrett etwa hatte noch sein Material wie auch seinen Mechanismus im eigenen Namen getragen, das Wort Taschenrechner dagegen steht nur noch für die magisch anmutende Kraft eines Apparats in Kleinformat. Entsprechend wurden die Öllampe von einer Glühbirne abgelöst und der Pferdewagen von einem Automobil.

Übernatürliche Fähigkeiten

Begriffe, die weder Material noch Wirkungsweise beschreiben, haben sich im Laufe der Zeit zu einem Qualitätsausweis für Produkte mit vermeintlich übernatürlichen Fähigkeiten entwickelt. Wer jeden Hinweis auf den Antrieb eines Apparats durch rigorose Kunststoffabdeckungen tilgt und schließlich auch noch so tut, als gebe es für diesen Mechanismus nicht einmal historische Vorbilder, der erreicht vor allem eines: Das Produkt erscheint dem Kunden als Wesen von einem anderen Planeten und seine Wirkung als pure Zauberei.

Kalkuliertes Versteckspiel

Kein anderes Unternehmen betreibt dieses Prinzip des wohlkalkulierten Versteckspiels so erfolgreich wie der amerikanische Technologiekonzern Apple. Seine Produkte sind hermetisch verkapselt, nicht einmal die Batterie vermag der Kunde ohne Weiteres selbst zu wechseln. Ihre Namen lauten MacBook Pro und iPad Air: Schon die Schreibweise dokumentiert den Bruch mit allem bisher Dagewesenen. Für den Soziologen Harald Welzer kaschieren solche neuen Begriffe vor allem die in den Kunststoffkapseln verborgenen Gefahren. Indem die Hersteller moderner Telefone diese mit erheblichem Überwachungspotenzial ausgestatteten Apparate Smartphone nennen, lenken sie von deren fragwürdigen Wirkungsmechanismen ab

Kind mit iPhone: Nicht einmal die Batterie kann der Kunde hier wechseln.
Kind mit iPhone: Nicht einmal die Batterie kann der Kunde hier wechseln. | Bild: Ole Spata

Vor allem aber lenken sie von der Frage ab, wozu genau sich ein Kunde solche Produkte überhaupt anschaffen sollte. Längst lassen nicht allein viele Wörter, sondern auch die durch sie benannten magischen Fähigkeiten jedes Nachdenken über Sinn und Zweck einer Anschaffung vergessen.

Nutzlose Computer

Ohne Anschraubplatte mit Kugelhals jedenfalls müssten wir unsere Mäntel über Stuhl- und Sofalehnen werfen. Und ohne den Federklappdübel Spagat fiele uns nur wenige Tage nach ihrer Montage die Deckenlampe auf den Kopf. Müssten wir dagegen auf einen MacBook Pro oder K10 mit Octa-Core-Prozessor verzichten, so wären wir vielleicht glücklichere Menschen. „Computer sind absolut nutzlos“, erkannte schon der Maler Pablo Picasso: „Sie können uns nur Antworten geben.“