Der Kaiser redet nicht lange drumherum. Er prescht los: Entgegen der Konvention beginnt Beethovens 5. Klavierkonzert, das den Beinamen „The Emperor“ (der Kaiser) trägt, mit einem virtuosen Auftritt des Solisten. Eine royale Selbstinszenierung, könnte man sagen, und die darf nicht schiefgehen, sonst wäre die souveräne Außenwirkung gleich dahin. Sie geht auch nicht schief im Abo-Konzert der Südwestdeutschen Philharmonie. Alexander Schimpf nutzt die Bühne geschickt, um Können und Brillanz wirkungsvoll in Szene zu setzen. Ein Schaulauf über die Tastatur, so wie es Beethoven wollte.

Beethoven wollte aber noch mehr. Trotz des Beinamens ist das 5. Klavierkonzert keine heroische Musik, sondern überrascht mit vielen intimen Momenten. Schon bald nach seinem explosiven Ausbruch geht der Kaiser in sich und zeigt sich von einer verletzlichen Seite. Und vor allem der zweite Satz ist eine innige Kantilene, die zu Herzen geht. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Klavierkonzert – und so lassen es Schimpf und der französische Dirigent Yannis Pouspourikas auch lebendig werden. Der erste Satz zeigt den Kaiser beim öffentlichen Auftritt – selbstbewusst und zügig im Tempo –, der zweite blickt ihm – fein und sensibel im Ansatz – in die Seele.

Pouspourikas leitet das Orchester mit klarem Duktus und fein abgestimmt in den dynamischen Kontrasten. Freilich lassen er und der Solist dem Kaiser auch keine neuen Kleider schneidern. Sie bewegen sich in der konzertanten Tradition – hier das Soloinstrument, dort das sich unterordnende Orchester. Mit diesem Interpretationsansatz bewegt man sich jedenfalls auf der sicheren Seite.

Etwas von des Kaisers neuen Kleidern hat hingegen die Geschichte, die hinter Sergej Prokofjews Filmmusik-Suite „Leutnant Kishe“ steckt. Aufgrund eines Missverständnisses hält der Zar einen Leutnant namens Kishe für Realität – und keiner wagt, ihn über den Irrtum aufzuklären. Also wird der Soldat, den es nur in den Akten gibt, entsprechend inszeniert und seine Biografie mit immer neuen Details angereichert. Kishe macht Karriere, heiratet – muss aber, als ihn der Zar eines Tages doch mal persönlich sprechen will, unerwartet sterben. Prokofjiew hatte hörbar Spaß an diesem Thema und hat Kishes Leben von der Wiege bis zur Bahre musikalisch genüsslich ausgeschlachtet. Und auch die Philharmonie tut das: Immer wieder klinkt sich der Soldat mit einem Trompetenmotiv aus dem Off hinter der Bühne ins reale (Orchester-)Leben ein – ein hübscher Effekt.

Auch Prokowjews „Symphonie classique“ passt da gut ins Programm. Sie hat zwar nichts mit Kaisern und Zaren zu tun, aber auch hier lässt der Komponist etwas aufleben, das es zu seiner Zeit eigentlich gar nicht mehr gegeben hat: Eine Sinfonie im Stile Haydns. Es ist aber keine Stilkopie, sondern ein mit spitzer Feder geschriebenes, sehr unterhaltsames Werk, das dennoch den Respekt vor dem Urvater der Sinfonik wahrt. Bei Yannis Pouspourikas ist es in besten Händen. Witz und Esprit bei gleichzeitig präzisem Dirigat machen es zum Höhepunkt des Abends.

Weitere Aufführung: Mittwoch, 17. Januar, 19.30 Uhr, Konstanzer Konzil.Karten: www.philharmonie-konstanz.de