Geschossen wird viel in Luc Bessons Film „Anna“ – und zwar in zweierlei Hinsicht. Zunächst einmal ist die titelgebende Protagonistin (Sasha Luss) ein Model, eben entdeckt an einem Marktstand in Moskau und kurz darauf schon heiß begehrt bei Kunden und Fotografen in Paris.

Doch dann stellt sich schnell heraus, dass die junge Russin sich nicht nur auf Mode-Shootings versteht, sondern auch auf echte Schießereien. Denn nebenbei ist sie in geheimer Mission für den KGB unterwegs.

Agentin hier, Agentin dort

Fünf Jahre lang, so der Deal, soll Anna undercover im Auftrag ihrer Führungsoffizierin Olga (Helen Mirren) und ihres Recruiters Alexander (Luke Evans) als Auftragsmörderin tätig sein, bevor sie ein freier Mensch ist. Doch als ihr die CIA in Gestalt von Agent Lenny Miller (Cillian Murphy) auf die Schliche kommt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als noch einen Deal abzuschließen.

Für Regisseur Besson stellt „Anna“ ohne Frage einen Einschnitt dar. Gedreht bereits 2017, ist es der erste Film, der in die Kinos kommt, nachdem ihm im vergangenen Jahr eine Schauspielerin Vergewaltigung und weitere Mitarbeiterinnen sexuelle Belästigung vorgeworfen haben.

Regisseur Luc Besson setzt in seinen Filmen gern auf starke Frauen – ein feministisches Bekenntnis sind die Streifen deswegen noch lange nicht.
Regisseur Luc Besson setzt in seinen Filmen gern auf starke Frauen – ein feministisches Bekenntnis sind die Streifen deswegen noch lange nicht. | Bild: Bertrand Guay / AFP

Zwar sind die Ermittlungen gegen den Franzosen fürs Erste eingestellt worden, doch zumindest für den Moment sieht es so aus, als könnte der Thriller auf absehbare Zeit Bessons letzte Regiearbeit sein. Auch seine Produktionsfirma EuropaCorp hat derzeit keine Projekte in Planung.

Rein filmisch betrachtet ist „Anna“ dagegen ein Besson-Werk wie viele andere. Knallharte Actionheldinnen waren schon immer seine Leidenschaft, was nicht wirklich ein feministisches Bekenntnis ist. Im Gegenteil nutzt er die Prämisse der Geschichte vor allem als Vorwand, um seine Protagonistin schwer bewaffnet in Strapsen zu zeigen.

Einige Fragen bleiben offen

Sasha Luss, die eine Zeit lang zu Karl Lagerfelds Lieblingsmodels gehörte, gibt dabei in jeder Hinsicht eine gute Figur ab. Warum sich allerdings eine kettenrauchende Helen Mirren sowie Luke Evans in der Originalversion einen russischem Akzent zulegen müssen, während ansonsten alle Russen ihre untertitelte Muttersprache sprechen, bleibt offen.

Genauso wie die Frage, was sich Besson von den endlosen Zeitsprüngen versprochen hat. Am Ende ist „Anna“ bloß viel zu wenig unterhaltsame Doppelagenten-Action, die sich zwar nicht so ernst nimmt wie „Red Sparrow“, aber auch nicht annähernd die Coolness zu bieten hat, mit der etwa „Atomic Blonde“ aufwartete.