Im Grunde bringt Frank Schätzing alles mit, um der legitime Nachfolger des vor zehn Jahren verstorbenen Michael Crichton zu werden. Der US-Autor war die Koryphäe des Science-Thrillers. Seine vielfach verfilmten Romane, allen voran „Dino Park“ (die Vorlage zur Kino-Saga „Jurassic Park“), waren das Ergebnis sorgfältiger wissenschaftlicher Recherche, auf deren Grundlage er packende Geschichten mit starken Charakteren erzählte. Schätzing arbeitet ähnlich; „Der Schwarm“, sein mit Abstand erfolgreichstes Buch, machte ihn zu einem der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. „Die Tyrannei des Schmetterlings“, das mit über 700 Seiten gewohnt umfassende jüngste Werk des Kölners, zeigt aber auch seine große Schwäche: Wie ein Redner, der sich gern reden hört, neigt Schätzing zu einer gewissen Weitschweifigkeit, weshalb er sich mitunter in viel zu langen Beschreibungen von Land und Leuten ergeht. Das mag in anderen Gattungen seinen Reiz haben, sorgt bei einem Thriller aber für Spannungsabfall.

Inhaltlich dagegen ist das Buch hochinteressant, zumal es angesichts der aktuellen Diskussionen um künstliche Intelligenz (KI) zum perfekten Zeitpunkt erscheint. Es dauert jedoch eine Weile, bis Schätzing die Katze aus dem Sack lässt, denn nach einem Action-geladenen Prolog passiert erst mal nicht viel. Prickelnd wird es erst nach gut hundert Seiten, als Luther Opoku, stellvertretender schwarzer Sheriff irgendwo im kalifornischen Hinterland der Sierra Nevada, bei den Ermittlungen in einem Mordfall auf die riesige unterirdische Dependance eines High-Tech-Giganten aus dem Silicon Valley stößt. Hier haust Ares, ein quantenmechanischer Supercomputer, mit dessen Hilfe der Besitzer des Konzerns sämtliche Probleme dieser Welt lösen will; auch wenn der kriegerische KI-Name andeutet, dass Ungemach droht. Als Opoku den mutmaßlichen Mörder in die Tiefen der Anlage verfolgt, findet er sich in der alternativen Wirklichkeit eines Paralleluniversums wieder, das sich von seiner Welt kaum unterscheidet. Allerdings ist seine verstorbene Frau hier am Leben; und jetzt, nach gut 170 Seiten, geht die Geschichte erst richtig los.

Faszinierend ist „Die Tyrannei des Schmetterlings“ vor allem wegen des Stoffs, der alles zu bieten hat, was Geschichten über Zeitreisen so faszinierend macht. Die Passagen über den Konzern erinnern allerdings an Dave Eggers’ Roman „The Circle“, und die Möglichkeiten der Nanotechnologie hat Michael Crichton bereits 2002 in „Beute“ beschrieben. Mit seinen Verweisen auf die Pop-Kultur scheint sich Schätzing zudem an Stephen King orientiert zu haben, der jedoch der weitaus fesselndere Erzähler ist. Seltsam sind auch manche Fehler, die die sorgfältige Recherche konterkarieren. So datiert er zum Beispiel den Beginn der 1977 gestarteten „Star Wars“-Saga ins Jahr 1988. Davon abgesehen ist das Buch eine spannende Lektüre, selbst wenn hin und wieder die Versuchung groß ist, einige Absätze zu überfliegen. 

Frank Schätzings aktuelles Buch heißt "Die Tyrannei des Schmetterlings". Der Thriller umfasst mehr als 700 Seiten und kostet 26 Euro.
Frank Schätzings aktuelles Buch heißt "Die Tyrannei des Schmetterlings". Der Thriller umfasst mehr als 700 Seiten und kostet 26 Euro. | Bild: Verlag Kiepenheuer & Witsch