Hasskommentare und Boshaftigkeit sind fortan in Luzzara verboten. Andrea Costa, der Bürgermeister des 9000-Einwohner-Städtchens am Po-Ufer in der Emilia Romagna, hat das so verordnet. Aber statt die Hetzer und Beleidiger zu bestrafen, will er sie lieber durch die Kraft der Literatur und der Kunst zur Räson bringen.

Diejenigen, die sich so unsozial vor allem in den sozialen Netzwerken verhalten, sollen über den Umweg der schönen Künste zurück auf den Weg von Tugend und Anstand finden.

Erbauliche Lektüre gegen Schimpftiraden

Gegen eine hässliche Schimpftirade auf Facebook wird die erbauliche Lektüre von Goethe, Baudelaire, Shakespeare oder Thomas Mann verordnet. Wer mit viel Häme kompromittierende Bilder von seinen Zeitgenossen verbreitet, der soll Michelangelos Pietà Rondanini oder „Das Frühstück im Grünen“ von Edouard Manet betrachten müssen.

„Wer die Schönheit in sein Leben lässt, für den ist es schwieriger, ein boshafter Mensch zu sein“, sagte Costa im SÜDKURIER-Interview.

Eine neue Form der Strafjustiz

Mir gefällt dieser Ansatz. Er könnte zu einer ganz neuen Form der Strafjustiz führen. Wer etwa zu nachtschlafener Zeit krakeelend durch die Straßen zieht und den Menschen ihren Schlaf raubt, den schnappt sich die Polizei und spielt ihm am Klavier John Cages 4’33’’ vor, ein Werk in drei Sätzen, bei dem kein einziger Ton erschallt, bei dem absolute Stille herrscht.

Das Werk könnte daher auch von musikalisch weniger begabten Beamten gespielt werden. Die Lehre daraus? Wer die Stille in sein Leben lässt, für den ist es schwieriger, ein krakeelender Mensch zu sein.

Raser müssen gemütlich fahren

Auch Verkehrssündern wäre so beizukommen. Ein Raser wird vermutlich nicht dadurch geläutert, dass er ein paar Punkte auf sein Verkehrssünderkonto in Flensburg bekommt. Vielmehr sollte er sein schnelles PS-starkes Gefährt gegen einen uralten Volkswagen tauschen müssen.

Im gemütlichen Tempo wird der Raser dann seinen Geschwindigkeitsrausch ein für alle Mal auskurieren. Denn klar ist: Wer die Langsamkeit in sein Leben lässt, für den ist es schwieriger, ein rasender Mensch zu sein.

Aus bösen Menschen werden gute

Mit Kunst, mit Literatur und ich nehme an auch mit Musik will der italienische Bürgermeister aus bösen Menschen gute machen. Daraus ergibt sich noch ein weiterer Vorteil seines Ansatzes: Was müssen Museen, was müssen Orchester oder engagierte Filmemacher immer um ihr Budget bangen!

Mit Andrea Costas Ansatz gewinnt die hohe Kunst eine ganz neue Daseinsberechtigung: Wer die Kunst fördert, der fördert das Gute im Menschen. Ach, ist das tatsächlich eine neue Erkenntnis? Vielleicht eher eine vergessene.