Ein ereignisreiches Jahr geht zu Ende: 20 Jahre „Jazz am See“ galt es zu feiern und mit vielen großen Namen aus der Szene war das Programm wieder bestückt. „Wir machen weiter, es wird auch ein 21. Jahr geben“, versprach die Chefin des Kulturamts Sabine Schürnbrand. Das neue Programm sei Ende des Jahres oder Anfang des neuen zu erwarten, Start sei auf jeden Fall am 8. Februar 2019.

Das letzte der Konzerte in der Allensbacher Gnadenkirche bestritt das Michael Wollny Trio. Solistisch, als Duo und als Trio ist der Ausnahme-Pianist hier schon fünf Mal aufgetreten, und auch für das Trio gab es etwas zu feiern: Vor fünf Jahren trat es erstmals gemeinsam in der Gnadenkirche auf. Wie so oft führte auch damals der Zufall Regie. Wollny war als Trio angekündigt, war aber nur mit seinem Drummer Eric Schaefer unterwegs. Ein Bassist musste her! Schaefer kannte einen Kumpel aus Zürich, der spontan anreiste und ein paar Stunden mit ihnen probte – das Michael Wollny Trio war geboren, das seitdem Erfolgsgeschichte schreibt. Bassist Christian Weber bemerkt augenzwinkernd: „Das war die pure Not, weil sonst keiner da war.“

„Wir spielen Altes und Neues“, kündigte Wollny an und mit „Atavus“ vom diesjährigen Album „Wartburg“ startete das Trio erst einmal mit sanften Tönen: Zum suggestiv wiederholten Motiv des Klaviers entwickeln Bassist und Schlagwerker interpretierende Klangfelder. Auch „Big Louise“ aus dem dritten Solo-Album von Scott Walker ist den ruhigeren Tönen verpflichtet, bis die Improvisation Wollny fortreißt. Der Bass antwortet mit Klangexperimenten, zupft und streicht auch schon mal unterhalb des Stegs und lässt die Saiten sirren und schwingen. Drummer Schaefer kann seine Felle und Becken ganz zart streicheln oder mit wilden Rhythmen aufwarten. Überhaupt steigert sich das Trio, das die Stücke nahtlos ineinander übergehen lässt, zu einem einzigen Klangrausch-Cluster: Für Wollny ist das Piano sowieso Perkussions- und Melodieinstrument zugleich, den Pedalen fügt er scheinbar mit stampfenden Füßen gleich weitere hinzu und greift auch schon mal ins Flügel-Innere.

In Sachen Improvisation macht man dem sechsfachen Echo-Jazz-Preisträger Wollny, der in diesem Jahr 40 Jahre alt wurde und mittlerweile stolzer Familienvater ist, nichts mehr vor: Wie andere Menschen Briefmarken sammelt der Magier an den Tasten Auszeichnungen. Dabei bedient er sich durchaus auch schon mal „klassischer“ Themen: Mal schimmert Debussy durch, mal Hindemith, mal meint man, ein Bach-Thema auszumachen. Höchst kreativ sind seine Deutungen, mit Energie und Kraft gestaltet er Skalen, erfindet exotische Akkorde, wechselt virtuos Takt und Rhythmus.

Diese Polyrhythmik ist nicht einfach von Bass und Drums zu parieren. Aber da kann sich Wollny zu hundert Prozent auf seine Partner verlassen. „Phlegma Fighters“ ist ein höchst innovatives und kontrastreiches Stück zwischen rasend-nervigem und hämmerndem Klavierspiel, bei dem einem fast schwindelig wird, harschem, rasselndem Bass, vorantreibendem Schlagzeug und fast melodiösem Zwischenpart, der die Basis für neue Klangwelten öffnet. Wollny: „Das Stück hat Eric vor 13 Jahren geschrieben. Es entstand, als ich mit ihm in Berlin in einer Dachgeschoss-Wohnung wohnte und alle Freunde zur Session nur langsame, schwüle Stücke mitbrachten. Brauchen Sie noch eine Übersetzung“?, fügt er schmunzelnd hinzu.

Außer Wollny und Schaefer ist Bassist Christian Weber der innovative und fleißige Stückeschreiber, aber in den Konzerten wirbele alles durcheinander, gesteht Wollny. Und tatsächlich: Kein Stück klingt so, wie es auf den CDs zu hören ist, immer wird Neues aus dem Moment heraus geboren: Das ist die große Stärke des Michael Wollny-Trios, und das bekam auch das Publikum in der Gnadenkirche zu hören. Zuletzt bei der Zugabe: Zu zartem Basszupfen und sanftem Drum-Klingeln klatscht das Publikum einen Rhythmus, den Wollny gleich aufgreift und spontan ein Stück daraus entwickelt – ein Gute-Nacht-Lied im ganz neuen Jazz-Gewand. Nur ungern ließ das begeisterte Publikum das Trio gehen. Total verschwitzt, aber sichtbar glücklich gestand Wollny: „Es macht einfach Spaß, hier bei euch zu spielen.“