Lange Zeit war er ein Tabu in der Neuen Musik: Der Schönklang. Nach dem Zweiten Weltkrieg misstraute man der Verführungskraft der Musik. Und also hatte die Avantgarde kritisch zu sein, aber keinesfalls ein Ort der Umschmeichlung. Doch das scheint sich gerade zu ändern. Nach dem Motto „das wird man ja wohl auch mal sagen dürfen“, schleicht sich das Wohlige mehr oder weniger unverhohlen zurück in die Neue Musik. Das zeichnete sich bereits in den letzten Jahren ab und bestätigte sich nun wieder bei den Donaueschinger Musiktagen – vor allem, aber nicht nur im Abschlusskonzert mit dem SWR Symphonieorchester.

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Matthew Shlomowitz' „Glücklich, glücklich, Freude, Freude“ thematisiert die Möglichkeiten zwischen Begeisterung, Zwangsbeglückung und Euphorie noch als ironisches Überdrehen der Dur-Schraube – und in vollem Bewusstsein, damit auch an einem Tabu zu rütteln. Doch gerade weil das so deutlich wurde, löste das Stück im Eröffnungskonzert der Musiktage tatsächlich vor allem Amüsiertheit aus.

Ohne Schere im Kopf

Die Kanadierin Nicole Lizée komponiert offenbar erst gar nicht mit dieser Schere im Kopf. Sie kommt von Turntables und Rave-Culture. Mit „Sepulchre“ (gespielt vom Ensemble Resonanz) setzte sie sich zwar dem Banalitätsverdacht aus. Man kann in dem Stück, das quietschende Maschinengeräusche auf das Orchester überträgt und in eine glitzernde und groovende Bling-Bling-Klangwelt transferiert, aber auch einen erfrischend anderen, ja eigenwilligen Ansatz sehen.

Die Komponistin Eva Reiter (links) als Solistin an der Paetzold-Flöte bei ihrem Stück „Wächter“. Rechts daneben Susanne Fröhlich.
Die Komponistin Eva Reiter (links) als Solistin an der Paetzold-Flöte bei ihrem Stück „Wächter“. Rechts daneben Susanne Fröhlich. | Bild: Ralf Brunner

Unverständnis erntete auch die österreichische Komponistin Eva Reiter mit „Wächter“. Dabei wagte sie etwas Ungewöhnliches: Sie nahm den Orchestermusikern ihre Instrumente ab, gab ihnen elastische PVC-Rohre in die Hand, die sie nun über ihren Köpfen schwingen mussten, und machte das Orchester so zu einem großen, homogenen Klangkörper. Darunter mischte sie Chorstimmen. Und anfangs schienen die zarten Klänge wie aus dem Himmel in die Baar-Sporthalle zu wehen. Kitschig? Fest steht, dass das Stück die Erwartungen, die es anfangs weckte, über zwanzig Minuten nicht halten konnte.

Das SWR Symphonieorchester mit der Mundharmonika-Spielerin Hermine Deurloo in dem Stück „Melancholie“ von Saed Haddad.
Das SWR Symphonieorchester mit der Mundharmonika-Spielerin Hermine Deurloo in dem Stück „Melancholie“ von Saed Haddad. | Bild: Astrid Karger

Herzzerreißend schön – auch das kann Wohlklang sein. Saed Haddad, deutscher Komponist mit jordanischen Wurzeln, wählte das Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Instrument, die Mundharmonika, als Soloinstrument für sein Stück „Melancholie“. Die Erwartungen des Titels löste es zu hundert Prozent ein. Schöner hätte auch ein Dvorák diese Aufgabe nicht lösen können.

Der Komponist Jürg Frey beim Abschlusskonzert der Donaueschinger Musiktage 2019.
Der Komponist Jürg Frey beim Abschlusskonzert der Donaueschinger Musiktage 2019. | Bild: Astrid Karger

Richtig Mut gehörte allerdings zu dem, was Jürg Frey mit „Elemental Realities“ ablieferte – 26 Minuten Wohlklang pur mit nur minimalen Geräuschanteilen. Ruhige Klangfortschreitungen mit Transzendenz-Wirkung. Kein Augenzwinkern, kein Apell, keine Provokation – einfach nur ein tiefes In-Sich-Ruhen. Sag noch jemand, Neue Musik wäre „quietsch!“