Der Oktober ist ein trügerischer Monat. Man kann einen wunderbaren Nachsommer erleben, aber wer schulpflichtige Kinder hat, muss sich dennoch warm anziehen. Oder tief durchatmen. Denn jetzt drohen wieder die Elternabende. Wir nehmen auf kleinen Stühlen Platz, schreiben uns brav in die Anwesenheitsliste ein und ertragen nach dem langen Arbeitstag tapfer die mal mehr, mal weniger langen Referate der Lehrer. Und die Fragen bekümmerter Eltern, die mir im Traum nicht eingefallen wären. Etwa, wie das mit dem Taschenrechner in der Klasse 12 sei? Was diese können dürften und was nicht und wann die Formelsammlung bei den Arbeiten zum Einsatz komme?

Da ich in die Höhen der Integral- und Differentialrechnung wohl nicht mehr vordringen werde, hörte ich bei der Antwort kaum hin und wartete stattdessen gespannt auf die Bitte des Lehrers, vor dem Nachhausegehen doch bitte 20 Euro für die Klassenkasse dazulassen, die Liste liege bereit. Vorsichtshalber hatte ich einen Schein eingesteckt, denn ein paar Tage zuvor hatte die Klassenlehrerin meines jüngeren Sohnes rasch noch 18 Euro in bar für einen Atlas („Mit Rabatt!“) einbehalten – während das Gymnasium meiner Tochter die 24 Euro für den Atlas vor zwei Wochen von den Fünftklässlern in die Schule mitbringen ließ.

Kaufen, kaufen, kaufen

Bei so viel geografischem Eifer sollte man meinen, jetzt ginge es nach sechs Wochen Chillen richtig rund in der Schule. Weit gefehlt! „Ich hab’ heute nach der Dritten aus“ höre ich von dem einen, „Ich hab’ heute erst zur zweiten“ vom anderen Sohnemann. Von wegen: Der Unterricht ist gesichert. Nichts ist sicher, außer einem: Dass die Eltern mal wieder bezahlen dürfen. Für alles.

Da ist der neue Wasserfarbkasten fällig, da braucht es ein Pinsel-Set, ein Workbook für Englisch, ein Übungsheft für Mathe, auf speziellen Wunsch Turnschuhe mit weißer Sohle, damit der Hallenboden keine Streifen kriegt, da fehlt noch eine Englisch-Grammatik und ein Spanisch-Wörterbuch, zwei USB-Sticks und schnell noch zwölf Euro für die neuen Klassenfotos; da ist mal wieder ein Reclam-Heft zu bezahlen und die sechs Euro für die Fahrradversicherung mitzubringen.

Zahlen, zahlen, zahlen

Während ich noch rätsle, ob im Servicepaket meines Auto-Versicherers Vandalismus am Fahrrad von Familienmitgliedern nicht mit abgedeckt ist, biegt mein Ältester um die Ecke. Er hält mir ungerührt einen armlangen Kassenzettel vor die Augen: Das alles habe er für sich und den Bruder laut der vom Lehrer akribisch formulierten Wunschliste alles kaufen müssen: Spezial-Tinte, Spezial-Markenstifte fürs technische Zeichnen, Spezial-Papier und Spezial-Ziehfedern (wo ich doch immer dachte, die machen heute alles am Bildschirm). Alles sehr speziell, samt der Endsumme: 96,40 Euro. Ich schlucke und überweise ihm das Geld direkt aufs Konto. Das tut nicht so weh.

Dabei sind die Möglichkeiten elterlichen Investments noch lange nicht ausgereizt. Jede Schule besitzt glücklicherweise einen Förderverein, der sich „über jeden Euro freut“, wie auf einer Versammlung freundlich verkündet wird. Und wenn die Kinder erst mal ihren Schulabschluss haben, gibt es sicher einen Ehemaligen-Verein, der sich auch über jeden Euro freut. Und wenn es demnächst an Halloween an der Tür klingelt, werde ich auch bezahlen – dann aber nur in Naturalien!