Der Staat will uns impfen. Aus moralischen Gründen: Dass Krankheiten wie die Masern unschuldiges Leben töten, liege an der Rücksichtslosigkeit impfkritischer Eltern. Der Staat will auch unsere Organe entnehmen lassen. Aus moralischen Gründen: Dass so viele kranke Menschen sterben müssen, liege an der Ignoranz von Bürgern ohne Organausweis. Ganz schön viel Moral für ganz schön tiefe Einschnitte in unsere körperliche Selbstbestimmung.

Schnell unter Esoterik-Verdacht

Die Gesellschaft ist mit diesen Einschnitten sehr einverstanden. Wer Widerspruch übt, gerät unter Esoterik-Verdacht. Allein das Wort „Impfkritiker“ hat zweifelhaften Ruhm erlangt. Und wer keinen Organspendeausweis mit sich führt, sieht sich bisweilen peinlichen Befragungen ausgesetzt.

Kant ist Grundlage

Nun hat es in der Bundesrepublik schon einmal eine Impfpflicht gegeben (1949 bis 1975 gegen die Pocken). Auch gehört es zu den Aufgaben eines modernen Staates, die Freiheit des Einzelnen zu begrenzen. Als Grundlage gilt Kants kategorischer Imperativ: Er gesteht dem Individuum exakt so viel Freiheit zu, dass andere nicht darunter leiden müssen. Wann also müssen andere unter meiner Freiheit leiden?

Erklärung zu Organen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) beantwortet diese Frage sinngemäß: zum Beispiel, wenn ich mir die Freiheit nehme zu sterben, ohne mich vorher rechtsverbindlich zu meinen Organen erklärt zu haben. Oder: wenn ich es zulasse, von einem Virus befallen zu werden, das sich anschließend weitere Opfer sucht.

Suspekte Freiheit

Das ist eine befremdliche Auslegung des Kantschen Freiheitsbegriffs. Befremdlich deshalb, weil sie sich gar nicht gegen ein aktives Freiheitsstreben richtet. Vielmehr gilt die Freiheit des Bürgers schon dann als suspekt, wenn er einfach nur bleibt, wie er ist.

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Grundlegende Prinzipien unseres Staatswesens sollten sich nicht an aktuellen politischen Zielen orientieren. Zwar ist die geringe Impfbereitschaft gegen Masern tatsächlich ärgerlich, weil die Schutzfunktion mögliche Risiken bei Weitem übersteigt. Allein: Bei anderen Krankheiten ist das schon nicht mehr so sicher.

Zynisches Glücksspiel

Die Ausrottung der Pocken haben zahlreiche Menschen mit ihrem Leben bezahlt. Auch damals überwog der Nutzen statistisch gesehen das Risiko deutlich. Jenen Eltern, die ihre an postvakzinaler Enzephalitis erkrankten Kinder verloren, dürfte dieser Umstand aber kein Trost gewesen sein. Für sie hat sich die staatliche Fürsorge als zynisches Glücksspiel mit negativem Ausgang erwiesen. Der Zweck heiligte das Mittel. Und es ist bezeichnend, dass die Grundlage für diese schon damals umstrittene Maßnahme – ein „Reichsimpfgesetz“ von 1874 – aus vordemokratischen Zeiten stammte.

Impfappelle bei Schweinegrippe

Als 2009 in Europa eine Schweinegrippe-Pandemie ausgerufen wurde, appellierte das Bundesgesundheitsministerium an die Bürger, sich impfen zu lassen. Prof. Ulrich Heininger von der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut erklärte: „Die Daten, die im Zusammenhang mit dem präpandemischen Impfstoff von Pandemrix gewonnen wurden, lassen keine signifikanten Probleme erwarten.“

Unheilbare Krankheit

Heute urteilt das Sozialgericht Koblenz: Wer nach einer Impfung gegen Schweinegrippe unheilbar an Narkolepsie erkrankt ist, kann Anspruch auf eine lebenslange Versorgungsrente haben. Europaweit seien „zahlreiche Fälle mit einem Zusammenhang zwischen Impfung und Schlafkrankheit dokumentiert“.

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Der renommierte Gesundheitsexperte Wolfgang Becker-Brüser kritisiert die damalige Impfaktion inzwischen als „Großexperiment“ mit „nicht ausreichend getestetem Wirkstoff“. Und genau jenes Bundesministerium, das für dieses Experiment am Bürger verantwortlich war, will uns nun Impfungen vorschreiben.

Neue Forderungen

Ja, es ist ärgerlich, dass sich immer noch viele Eltern nicht von einer Masernimpfung überzeugen lassen. Und selbstverständlich ist zu wünschen, dass unser Vertrauen in die Organspende steigt. Das Ansinnen des Staates aber, immer mehr Kontrolle über unsere Körper zu erlangen, sollte uns alarmieren. Wer dem Staat die Möglichkeit gibt, Impfungen anzuordnen, der öffnet neuen Forderungen Tür und Tor. Schon sprechen sich Kinder- und Jugendärzte für eine Impfpflicht auch gegen andere Krankheiten aus, das Spritzen von Staats wegen wird gefährlich normal.

Weitergehende Maßnahmen

Gleichermaßen gilt: Wer die Organspende zum Standard erklärt und den Widerspruch zur Ausnahme, der ebnet den Weg für weitergehende Maßnahmen. Im nächsten Schritt wird für den Widerspruch eine schriftliche Begründung fällig, irgendwann reicht auch diese nicht mehr aus. Moralische Argumente finden sich immer.

Der Staat ist dabei, so massiv in unsere körperliche Selbstbestimmung einzugreifen wie lange nicht. Wir sollten auf der Hut sein.