Wer Eva Gesine Baur nicht kennt, hat vielleicht dennoch bereits ein Buch von ihr gelesen. Zum Beispiel „Anatomie der Wolken“, jenen raffinierten Roman, in dem der Weimarer Klassiker Goethe ausgerechnet auf den Romantiker Caspar David Friedrich trifft. Eine Begegnung, die von Missverständnissen, Irrtümern und verpassten Chancen geprägt ist – und gerade deshalb manche Erkenntnisse über das Wesen von Genies bereithält.

Fiktive Bücher wie „Anatomie der Wolken“ pflegt Eva Gesine Baur unter dem Pseudonym Lea Singer zu schreiben. Ihr Klarname dagegen ist dem realen Leben vorbehalten: den sorgfältig ausrecherchierten Biografien wie jener über Schillers Ehefrau Charlotte, den Komponisten Frédéric Chopin oder zuletzt Marlene Dietrich. Wenn die in München geborene Autorin, die ihre Jugend am Bodensee verbracht hat, nun den Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen erhält, so wird also nicht allein eine Verfasserin erfolgreicher Künstlerbiografien ausgezeichnet, sondern zugleich auch die Romanautorin Lea Singer.

Sie habe kein Problem damit, als bunter Hund zu gelten, der mal Romane schreibt und dann wieder Biografien, sagte Baur erst vor wenigen Monaten in einem Interview mit dem SÜDKURIER. Der Verlag aber habe sie davon überzeugt, besser unter zwei Namen zu publizieren – als Lea Singer Romane, als Eva Gesine Baur Sachbücher. Und sogar innerhalb letzterer Sparte wird sie ihrem Ruf als bunter Hund gerecht. Denn neben Künstlerbiografien schreibt Baur Reiseführer zu Städten wie Venedig oder Salzburg, Gastrosophisches wie „Genießen mit Puccini“ oder Kunsthistorisches („Meisterwerke der erotischen Kunst“, „Rokoko“). Alles auf hohem Niveau, alles mit großem Erfolg. Wie geht so was?

Die Abwechslung, sagt sie, trainiere ihr Gehirn und mache sie wieder zum Anfänger: „Beides tut gut.“ Das allein allerdings dürfte kaum genügen, will man mit solch beständigem Anfängertum auch am Buchmarkt erfolgreich sein. Die Wahrheit ist, dass Eva Gesine Baur auf ihrem Bildungsweg kaum ein wichtiges Feld der Geisteswissenschaften ausgelassen hat, von der Kunst über die Literatur bis zur Musik. Sogar wie man aus all diesen Zutaten ein stimmiges Gesamtbild zubereiten kann, hat sie erlernt: Neben Studium und Promotion in Germanistik, Kunstgeschichte. Musikwissenschaften, Operngesang und Psychologie absolvierte sie nämlich auch noch eine Ausbildung zur Köchin.

Eva Gesine Baur, heißt es in der Erklärung der Jury zum Bodensee-Literaturpreis, füge in ihren Romanen „genaueste Recherche und erzählerische Fantasie zu biographischen Entdeckungsreisen und großartigen Kompositionen zusammen“. Was aber entscheidet darüber, ob sie einen Roman schreibt oder ein Sachbuch?

Die Autorin sagt: Es ist das Thema. Gehe es beispielsweise vor allem um seelische Vorgänge, so sei der Roman die einzig mögliche Wahl. „Das Sachbuch erlaubt nicht, was es dazu braucht: innere Monologe, Dialoge, Assoziationen.“ Keinesfalls bedeutet die Entscheidung für eine fiktive Form, dass man es mit der Recherche und Präzision nicht mehr so genau müsste. Im Gegenteil: Ihr Vater habe ihr stets ermahnt, sie solle doch richtig hinschauen, sagte Baur einmal. Nur, wer richtig hinschaut, erkennt die Details unter der Oberfläche. Und hier kommt unsere Region ins Spiel.

Denn am Bodensee hat Baur einst als Jugendliche das richtige Hinschauen gelernt. Hier wurde ihr bewusst, dass unter der schönsten Idylle ein Abgrund liegen kann. Die Streifzüge zum Ufer, die Gefahren, wenn plötzlich ein Gewitter aufzog: Das alles komme noch heute in ihren Träumen immer wieder hoch, sagte sie einmal. Es sind Träume von einem Ort, der zugleich ihr Lehrmeister war. „Misstraue der Idylle ist ein Leitsatz meines Schreibens, und den habe ich vom See gelernt.“

Seit 1954 wird der Bodensee-Literaturpreis verliehen, zu den Geehrten gehören so namhafte Autoren wie Golo Mann, Martin Walser, Arnold Stadler und Peter Stamm. Frauen allerdings waren bislang nur wenige darunter: Nach Mary Lavater-Sloman, Ingrid Puganigg und Zsuzsanna Gahse wird Eva Gesine Baur erst die vierte Preisträgerin in mehr als 60 Jahren sein.

Die Preisverleihung findet am Sonntag, 9. Dezember, um 11.30 Uhr im Überlinger Kursaal am See statt. Die Laudatio hält Franz Hoben, Geschäftsführer der Literaturstiftung Oberschwaben.

„Wer im Nebel groß wird, kann kein Fundamentalist werden“

Frau Baur, herzlichen Glückwunsch zum Bodensee-Literaturpreis! was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die frohe Kunde erfahren haben?

Dass es mehr ist, als irgendeinen Preis zu bekommen.

Warum?

Weil der Bodensee meine Wahlheimat ist, auch wenn ich dort nicht geboren wurde. Am Tag, als ich den Anruf bekam, hatte ich gerade erst zwei Kisten Bodensee-Wein in den Keller geräumt.

Das war ja ein gutes Omen! Haben Sie dann gleich eine Flasche aufgemacht?

Ja, natürlich.

Sie sagten einmal, dass der Bodensee Ihnen beigebracht habe, die Abgründe hinter der Idylle zu erkennen. Mussten Sie auch daran denken, als die Jury anrief?

Nicht in dem Sinne, dass ich hinter dem Preis einen Abgrund vermutet hätte. Wobei das vorkommen kann: Ich werde immer Auszeichnungen ablehnen, und da gibt es einige, wo einschlägig bekannte Vorgänger aus den Jahren 1933 und 1945, manchmal auch noch aus den Jahre danach, nicht ausrangiert wurden. Das ist eine Gesellschaft, in der ich mich nicht befinden möchte. Bei diesem Preis wusste ich aber, dass er immer an gute Kollegen gegangen ist.

Aber was meinen Sie mit den Abgründen hinter der Idylle?

Meine Schule war der für den Bodensee typische Nebel. Er hat mich gelehrt, dass sich die Dinge ganz anders zeigen können, als sie sind. Der Nebel macht vorsichtig im Umgang mit vermeintlichen Gewissheiten. Ich glaube sogar: Wer bewusst mit dem Nebel groß wird, kann kein Fundamentalist werden.

Sie sagten einmal, Künstler werde man „aus Versehen“. Gewinnt man auch aus Versehen Preise?

Ja. Mit Sicherheit. Jede Jury ist bestimmt ernsthaft bemüht. Aber unter den vielen Kollegen, die gute Arbeit leisten, jemanden auszuwählen: Das ist schon sehr schwierig.

Sie sind gerade mal die vierte Frau, die in 60 Jahren diesen Preis gewinnt. Ist das nicht eine magere Bilanz angesichts so vieler erfolgreicher Autorinnen?

Es war sinnvoll, dass mal wieder eine Frau dran kommt – nicht, weil’s mich trifft. Zurzeit sind es ja überwiegend Frauen, die mit neuen Büchern überzeugen. Da ist die Verteilung der Preise manchmal etwas irritierend. Aber wer der Preise wegen schreibt, sollte es gleich bleiben lassen.

Fragen: Johannes Bruggaier