Er hat es wieder geschafft. Alles stimmt. Vieles wurde orakelt nach jeder Menge Geheimnistuerei, bevor sein neues Buch ganz am Anfang des neuen Jahres fast zeitgleich in Frankreich, Deutschland und Italien erscheint. Wieder ist es so, als hätten sich reale politische Ereignisse zur Romanhandlung parallelgeschaltet.

Proteste der Gelbwesten

Diesmal sind es die Proteste der Gelbwesten im Heimatland des Autors. Man erinnert sich: Bei „Unterwerfung“ war es das Attentat auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Und 2001, als „Plattform“ erschien, durch das ein paar Taliban irrlichterten, passierte der 11. September. Diesmal brachte sich der Autor in einem mindestens kruden Zeitungsessay mit provokanten Aussagen zu Trump als nützlichem Idioten ins Gespräch und schürte eine vermarktungsnützlich polarisierende Spannung auf den neuen Roman. Vielleicht ist der Literaturnobelpreis nur abgeschafft worden, damit man ihn diesem Provokateur nicht verleihen muss?

Ohne Illusionen

Und dann liest man dieses Buch, das bitterböse und illusionslos auf unsere Zeit losgeht, und weiß endlich mal wieder ganz genau, wie weit die Spitzen belletristischer Bestandsaufnahmen das journalistische Reportage-Genre übersteigen. Plötzlich ist es fast so, als wären auch die Manipulationen des ehemaligen Spiegel-Autors Claas Relotius irgendwie ins Buch-Marketing integriert, und dann wundert man sich schon gar nicht mehr darüber, dass Michel Houellebecqs „Serotonin“ in Frankreich bereits die Bestsellerlisten anführte, bevor das Buch überhaupt in den Läden lag.

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Verschreckt und befremdet

Nun aber ist es da und man folgt fasziniert, verschreckt, befremdet und alles andere als zugeneigt einer sein Leben hinblätternden Hauptfigur. Der 46-jährige Florent-Claude Labrouste ist Misanthrop und erschöpfter Zeuge des Lebens. Im 46. Jahr hatte sich Nerval umgebracht und Baudelaire war in einer Klinik gestorben, kein einfaches Alter also. Auch für Florent deutet alles aufs Ende. Er ist schwer depressiv und die Gegenmittel erhöhen den Serotoninspiegel mit den Nebenwirkungen Übelkeit, Libidoverlust und Impotenz. Dem Einzelkind mit den markanten bis groben Gesichtszügen, das die meisten und das meiste hasst, bleiben Alkohol, Zigaretten, Kaffee und Erinnerungen. Er war, weiß er, „nie etwas anderes als ein substanzloses Weichei“. Klasse fehlt ihm, doch Geld hat er genug. Er funktioniert in seiner Arbeit im Landwirtschaftsministerium, für Monsanto oder als Werber für normannischen Käse. Das hat ihn ebenso angewidert wie jetzt seine zwanzig Jahre jüngere Geliebte, die sich hinter seinem Rücken in der Pornobranche was dazu verdient.

Ein Kind dieser Zeit

Er ist ein Kind dieser Zeit, die ganz allgemein von Zersetzungsprozessen charakterisiert wird. Er sabotiert mit hämischer Freude die Mülltrennung, wozu es passt, dass er im Mercedes-Geländewagen durch die Gegend prescht. Sein sozialer Aufstieg hat ihn vom Kontakt mit niedrigeren Schichten befreit, überhaupt ist sein Verlangen nach Sozialleben konsequent abgestorben, nun schwindet – siehe oben – auch die Lust am Sex, dem er früher so viel Bedeutung beigemessen hatte. Vielleicht liegt hier die Ursache aller Fehler, denn nach dem Studium hatte er in fünf Jahren mit Camille gelernt, dass Liebe doch hätte möglich sein können.

Ans Herz gehend emotional

Es ist von einer ans Herz gehenden Emotionalität, die man am wenigsten von Houellebecq erwartet hätte, wie er vom Ende dieser Beziehung Florent–Camille infolge eines Seitensprungs erzählt. Überhaupt wird man lange erfolglos suchen nach einer zwischen Sentiment und Brutalität so anrührend entwickelten Liebesgeschichte. Die Liebe eines Mannes, heißt es da, erschöpfe sich in der Feier der Errungenschaft, während die der Frau erst da beginne. Und überhaupt haben sich die Dinge ja so entwickelt, „dass die Gesellschaft eine Maschine zur Zerstörung der Liebe war“. So ist sie also, unsere Zeit. Und hier redet einer ihrer freudlosen Helden.

Grandioses Bild

Houellebecq zeichnet in diesem grandiosen, facettenreichen und von einer ordentlichen Palette erzählerischer Kniffe durchzogenen Roman ein gnadenloses Bild unserer Epoche, und wie er sie sieht: „auf diese Weise stirbt eine Zivilisation, ohne Scherereien, ohne Gefahren und ohne Drama und fast ohne jedes Gemetzel, eine Zivilisation stirbt am bloßen Überdruss, am Abscheu vor sich selbst“. Florent entschließt sich zum Verschwinden, was jährlich 12 000 Franzosen tun. Das ist keine Straftat, per E-Mails sind die Voraussetzungen leicht zu schaffen. Ohne Angehörige, ohne Projekte und ohne echte Interessen macht sich einer in gefestigter Traurigkeit davon.

Michel Houellebecq: „Serotonin“, Roman. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. DuMont. 336 Seiten. 24 Euro