Es ist nur ein Schritt bis in die Hölle. Diese Erkenntnis verdanken wir dem britischen Künstler Anish Kapoor – und einem Museumsbesucher in Porto, der einem Werk von Kapoor genau diesen einen Schritt zu nahe kam. "Descent into Limbo" heißt das Kunstwerk, zu deutsch: "Abstieg in die Unterwelt" und besteht aus einem tiefschwarzen Kreis auf dem Museumsboden. Warnschilder und die Museumsaufsicht können die Besucher in der Regel davon abhalten, den Schritt in die Unterwelt tatsächlich zu tun. Und so stehen sie einfach nur staunend um den Fleck herum, der auch ein Loch sein könnte, und rätseln darüber, wie tief die Hölle wohl ist.

Nur jener eine Kunstfreund in Porto glaubte nicht an den Abstieg in die Unterwelt. Vielleicht war er zu aufgeklärt, ein Atheist gar, der sich nichts vormachen lässt. Er wusste wohl, dass Anish Kapoor gerne mit Farben und optischen Täuschungen arbeitet. Tatsächlich zeigte Kapoor bereits 1992 auf der documenta in Kassel ein ähnliches Werk mit dem Titel "Descent into Limbo", das die Blicke der Betrachter aber nur scheinbar in ein tiefes Loch hineinzog.

Vermutlich war unser aufgeklärter Besucher darüber informiert und auch darüber, dass Kapoor eine sehr, sehr schwarze Farbe namens Vantablack benutzt, die fast gar kein Licht reflektiert und so den Eindruck unendlicher Tiefe erweckt. Und überhaupt: Welches Museum sägt denn einfach ein Loch in den Boden? So war es aber. Der Mann machte die Probe aufs Exempel, tat den einen Schritt und verschwand im schwarzen Loch.

Stephen Hawkins soll mal eine Wette über die Frage verloren haben, was mit einer Aktentasche passiert, die man in ein schwarzes Loch hineinwirft. Er war der Meinung, die Tasche sei damit verloren, aber irgendjemand konnte das anhand komplizierter Rechnungen widerlegen. Auch unser Mann war nicht vollständig verschwunden, sondern fand sich anschließend mit ein paar Blessuren in einem Krankenhaus wieder. Künftig wird er der Unterwelt wohl mit mehr Respekt begegnen. Übrigens: Die Hölle ist 2,40 Meter tief.

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