Die Intensität seiner Farben beeindruckt. Der „Rheinfelder Harlekin“ in seinem saftigen Rot springt dem Betrachter schon beim Betreten der Galerie entgegen. Sekinger malt mit selbst angerührtem Eitempera. Das Kolorit überwältigt und beschäftigt. Einen Schritt näher. Und noch einen. Jedes Detail passt. Sekinger arbeitet mit haargenauer Präzision.

Bild: Heuser, Christoph

Sein Markenzeichen ist das Abbilden von Verläufen. Die Bilder lesen sich wie ein Zeitstrahl. Die Perspektive ist eintönig, weil immer dieselbe: leicht erhöhte Frontalsicht auf eine gerade Fläche, rechtwinklig dahinter eine Wand. Sekinger agiert sparsam mit Symbolen. Die meisten Metaphern wiederholen sich. Sein Repertoire ist bescheiden, nur selten greift Sekinger in die Trickkiste und schafft Symbole für die einmalige Verwendung.

Bild: Heuser, Christoph

Bei „O Vanitas“ ist es gelungen. Ein düsteres Bild. Links sitzt eine Krähe auf einer Kugel und beobachtet. Die Krähe, sinnbildlich für die Intelligenz, betrachtet das Geschehen mit Abstand. Mittig steht eine Holzfigur mit trauriger Mimik, davor liegt ein Pendel mit gerissenem Seil am Boden – die Zeit ist abgelaufen. Was Sekinger damit meint, wird weiter rechts deutlich. Ein abgegriffener Zylinder mit einer angesteckten amerikanischen Fahne, allerdings keiner prächtigen. Ganz im Gegenteil: Die Flagge ist zu einem Jahrmarktfähnchen verkommen. Ebenso verkommen ist die Schreibfeder. Mit einer solchen wurden bedeutende Schriftstücke unterzeichnet, etwa die Unabhängigkeitserklärung unter Präsident Thomas Jefferson. Am rechten Rand säumt ein Totenkopf das Bild. Das demokratische Wesen der Vereinigten Staaten von Amerika ist dem Tode geweiht.

Das Gemälde "O Vanitas" von Ulrich Sekinger thematisiert den politischen Wandel in den USA.
Das Gemälde "O Vanitas" von Ulrich Sekinger thematisiert den politischen Wandel in den USA. | Bild: Heuser, Christoph

Doch Sekinger richtet den Blick nicht nur auf die Welt um sich herum. Sein Selbstbildnis eröffnet Einblicke in die Zweifel, die den Künstler begleiten. Er stellt sich dar mit einer Harlekin-Maske, die er gerade abgenommen hat. Als frage er sich, wer er eigentlich ist. Ist er überhaupt er selbst? Er zeigt sich mit nacktem Oberkörper, schwach und verletzlich. Ein Künstler ohne Allüren. Damit begegnet er den Betrachtern seiner Werke auf Augenhöhe. Indem er offen preisgibt, über seine eigene Person zu reflektieren, gelingt es Sekinger, ob nun gewollt oder nicht, eine gewisse Sympathie zu erzeugen.

Bild: Heuser, Christoph

Nicht leugnen kann der Künstler seine ausgeprägte Frankophilie. Kein Wunder, studierte er doch unter anderem in Aix-en-Provence. „Festliche Kunst“ ist in diesem Zusammenhang als Hommage an das Leben in Frankreich zu verstehen. Ein typisches französisches Schaukelpferd, dazu leckere Austern und ein Glas Sekt. Statt des nach rechts zeigenden Pinsels, den Sekinger sonst gerne auf seinen Bildern platziert, ist dort ein nach links gerichtetes Messer zu sehen. Kein zeitlicher Verlauf, stattdessen eine abgeschlossene Momentaufnahme.

Aus der Reihe fällt die Bronzefigur von Don Quijote. Die Figur aus dem Roman von Miguel de Cervantes kämpfte gegen Windmühlen. In selbiger Situation muss sich Sekinger immer wieder gesehen haben. In einem Manifest aus dem Jahr 1984, das Ulrich Sekinger unterzeichnete, heißt es: „Wir malen unzeitgemäß. Handwerk im ursprünglichen Sinn ist unsere Kunst. Die Darstellung spiegelt Wunder und Wunden des Wirklichen.“

Bild: Heuser, Christoph

Seinem eigenen Anspruch genügt Sekinger zweifelsohne. Doch ist er damit wirklich ein unzeitgemäßer Freund? Seine Ausstellung geht nahe. Sie beschäftigt sich mit dem Älterwerden, mit dem, was auf dieser Reise für Freude sorgt und mit dem, was belastet. Unverhohlen lässt Sekinger tief blicken. Nach dem Rundgang glaubt man, viel über den Maler zu wissen. Sein bloßer Name nimmt mit jedem Werk ein wenig mehr Gestalt an. Nach dem Rundgang wirkt es, als habe man es wahrhaftig mit einem Freund zu tun.

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Sekingers Werke sind anders. Die Selbstbeschreibung seines Schaffens macht neugierig, doch sie verspricht zu viel. Der Maler kokettiert mit dem Unerwünschten wie ein Halunke, der sich auf einem schmalen Grat zwischen Legalität und Illegalität befindet. Sekingers Bilder sind handwerklich auf dem allerhöchsten Niveau. Aber sie sind kein Tabu-Bruch und nicht unzeitgemäß. Sie sind zeitlos, denn er trifft mit seinen Betrachtungen über den zeitlichen Fortgang des Lebens und die zugehörigen Etappen den Nerv eines jeden Menschen. Egal ob gestern, heute oder morgen.

Die Ausstellung läuft bis zum 7. Juli im Mac. Die Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Freitag von 14 bis 18 Uhr. An Samstagen sowie Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.