Als die Staatsgalerie Stuttgart 1957 ein Konvolut an 143 Grafiken von Ernst Ludwig Kirchner erwirbt, kommen die Werke alle aus einer Hand: der „Sammlung Dr. Gervais, Zürich / Lyon“. Vermutlich würden die wertvollen Stücke noch heute unter diesem Namen in der hauseigenen Sammlung geführt, hätten nicht inzwischen Experten im Rahmen eines Forschungsprojekts der Staatsgalerie ihre wahre Herkunft ermittelt. Die frappierende Entdeckung lautete: Eine Sammlung „Gervais“ hat es nie gegeben! Die Werke stammen in Wahrheit wohl aus dem Nachlass des Künstlers.

Wer aber erfindet einen Sammler? Zum Beispiel findige Verkäufer, die nach Kriegsende vor dem Problem standen, trotz Vermögenssperre Kunst von der Schweiz nach Deutschland zu verkaufen. Der Trick mit dem erfundenen Sammler: Offenbar war es sogar ein Schüler Kirchners, der sich dieser Finesse bedient hat.

In Stuttgart wiederum interessierte sich 1957 niemand dafür, wer dieser ominöse Sammler Dr. Gervais eigentlich war – Provinienzforschung war damals noch ein Fremdwort. Erst in den vergangenen Jahren und verstärkt seit dem Fall Gurlitt geht man solchen Fragen nach – auch um Raubkunst im eigenen Haus auf die Spur zu kommen. Da zwischenzeitig der Verdacht bestand, Dr. Gervais könnte ein jüdischer Sammler gewesen sein und die Kirchner-Werke somit unter Raubkunstverdacht fallen, wurde vor einigen Jahren das Forschungsprojekt angestoßen, das der Identität des Dr. Gervais nachgehen sollte. 2016 lag das Ergebnis vor.

Eine Schau wie ein Paukenschlag

Neben dieser abenteuerlichen Geschichte ist der 80. Todestag von Kirchner (1880-1938) Anlass für die Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner. Die unbekannte Sammlung“ in der Staatsgalerie, die ihren letztmals zum 100. Geburtstag vor 38 Jahren gezeigten Gesamtbesitz an Werken Kirchners präsentiert. Es ist wohl kaum übertrieben, von der Schau als einem Paukenschlag zu sprechen, mit dem das Museum mustergültig die Arbeit mit den eigenen Beständen vorführt. Ergänzt um einige wenige Leihgaben bietet die nach der Beschlagnahmung 1937 erst nach 1945 wieder kontinuierlich aufgebaute Sammlung einen Einblick in nahezu alle künstlerischen Phasen und Themen des Malers und Grafikers innerhalb von 35 Schaffensjahren.

Kirchner porträtierte gerne Menschen. Hier ein Selbstporträt (Farbholzschnitt, 1932)
Kirchner porträtierte gerne Menschen. Hier ein Selbstporträt (Farbholzschnitt, 1932) | Bild: Stuttgarter Staatsgalerie

82 Zeichnungen, 84 Druckgrafiken, elf illustrierte Bücher, fünf Gemälde und drei Skulpturen laden in der von Corinna Höper kuratierten Ausstellung ein, in den Kosmos Kirchners einzutauchen, der mit über 25000 Einzelwerken als produktivster „Expressionist“ galt, eine Bezeichnung die er indes für sich strikt ablehnte. Adam und Eva: Wie Stelen an der Tür zu Kirchners Haus in Davos stehen die großen Holzskulpturen, die er 1921 schuf, am Beginn des Rundgangs, auch wenn es hier vor allem um die Arbeiten auf Papier geht. Stand bei dem in Aschaffenburg geborenen Sohn eines Chemikers der Papierindustrie doch stets eins im Zentrum: der Mensch.

„Ich malte sehr wenig Selbstporträts, mich interessieren andere Menschen mehr als ich“, sagte er dazu. Künstlerkollegen, Freunde, Sammler und Modelle verewigte er in Porträts, wie etwa den Kunstkritiker Will Grohmann, der eine Künstlermonografie über Kirchner plante und dessen Züge er in Zeichnung, Radierung und Holzschnitt festhielt, mal frontal und im Profil, mal mit Skulpturen im Hintergrund.

Eng ist sein Werk, das sich hier nach Themen geordnet rezipieren lässt, mit der eigenen Biografie verbunden: Noch während des Studiums zum Diplom-Ingenieur in Dresden münden Ausflüge an die Moritzburger Seen ab 1904, wo Kirchner, „in freier Natürlichkeit“ nackt badet und zeichnet und sich künstlerisch weiterentwickelt, in zahlreichen Akten und Bildern von Badenden, Seegelbooten und vom Strandleben. Wichtige Motive in den stets in geringer Zahl aufgelegten Blättern werden auch Tanz, Zirkus und Varieté, mit denen er sich in eine von Exotik und Sinnenreiz umgebene Atmosphäre flüchtet. Wie intensiv er die nächtlichen Ausflüge nachempfand, zeigen das Aquarell „Zirkustänzerpaar“ mit dynamischem Pinsel von 1926 und sein Farbholzschnitt „Farbentanz“ von 1934, der eine von den Konturen gelöste Farbigkeit zeigt und wie sein zwei Jahre vorher entstandenes „Liebespaar“ von Picasso inspiriert ist.

Das "Liebespaar" (1932) zeigt Picassos Einfluss auf Kirchner.
Das "Liebespaar" (1932) zeigt Picassos Einfluss auf Kirchner. | Bild: Ernst Ludwig Kirchner

Alkohol- und Tablettenmissbrauch

Von der Fläche mit fließenden Umrissen wandelt sich Kirchners Ausdrucksart für seine Dresdner und später Berliner Straßenszenen in kantige Formen und gezackte Linien. Der Künstler als Getriebener: Unruhe, Existenzängste und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führen zu Alkohol- und Tablettenmissbrauch, dem Werke aus von Lähmungen steifen Händen folgen, scharf umrissen, voll rohen aber auch kraftvollen Ausdrucks. Aufenthalte im Sanatorium schließen sich an, der Umzug nach Davos, wo bäuerliche Motive und Schweizer Berglandschaften entstehen.

Immer wieder wechselt Kirchner seinen Stil, oft innerhalb kürzester Zeit, wie die Ausstellung in direkter Gegenüberstellung von Werken aus denselben Jahren demonstriert. 1937 werden 639 Werke Kirchners als „entartete Kunst“ aus den Museen beschlagnahmt; ein Jahr später begeht er Suizid. Davon, dass Kirchner nicht nur in seiner Kunst hoch produktiv war, zeugen Selbstbeschreibungen und Korrespondenzen, von denen eine Auswahl zu sehen ist.

Untrennbar ist die Gründung der „Künstlergemeinschaft Brücke“ 1905 in Dresden mit Kirchner verbunden. Im Graphik-Kabinett der Staatsgalerie werden daher Werke der Brücke-Künstler Fritz Bleyl, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Emil Nolde gezeigt. Wie Kirchner beschäftigten auch sie sich auf der Suche nach neuen künstlerischen Pfaden mit Themen wie Porträt, Großstadt, Paradies und Krieg. Stilistische Parallelen zeigen die Nähe zu Kirchner. Daneben verweist die Handschrift jedes Einzelnen auf eines seiner Worte: „Man lernt einen Künstler ja immer am besten durch seine Graphik und Zeichnung kennen.“ In Stuttgart ist reichlich Gelegenheit dazu.

Ernst Ludwig Kirchner. Die unbekannte Sammlung: bis 21. Oktober, und Kirchner und die „Künstlergemeinschaft Brücke“: bis 16. September, Staatsgalerie Stuttgart, täglich außer Mo 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. http://www.staatsgalerie.de