Gastregisseur Alexander Nerlich hält sich eng an das Libretto der Oper, vermeidet vor allem jede plakative Aktualisierung des Werks. Doch in der Kirche arbeitet Cavaradossi nicht an einem Madonnenbild, sondern an der Marmorskulptur einer monumentalen, halb knienden, halb auf dem Gesicht liegenden Maria Magdalena. Die Rückwand der Kirche öffnet und schließt sich in Kreuzform, hinter der gleißendes Licht aufscheint, und der Künstler, auf Befehl des Polizeichefs Scarpia aufs Grausamste gefoltert, trägt eine Dornenkrone, als er seiner Geliebten vorgeführt wird. Passionssymbolik, doch in diesem Zusammenhang wohl eher Zeichen für die blasphemische Verlogenheit der Gesellschaft, in der zur Schau getragene Frömmigkeit und erbarmungslose Grausamkeit sich keineswegs ausschließen.

Dennoch: Die Symbolhaltigkeit dieser Zeichen bleibt gleichsam beiläufig, verliert sich auch in der präzisen Gestaltung der verschiedenen Räume durch Stefan Mayer. Die der Kirche angegliederte Kapelle, in der Cavaradossi arbeitet und in einem unterirdischen Gelass auch den mit ihm befreundeten Revolutionär Angelotti (Tomislav Lucic) auf der Flucht verbirgt, wird von einer schweren, nach oben von einer kreisrunden Öffnung durchbrochenen gemauerten Decke überwölbt, eine Anspielung wohl auf die nahe Engelburg. Rundum blutrot ausgeschlagen ist der weite Arbeitsraum Scarpias, der sich nach beiden Seiten in die angrenzenden Folterräume öffnen lässt.

Doch im Zentrum steht die dramatische Geschichte der drei Hauptgestalten, stehen auch und vor allem sie selbst. Katia Pellegrino wächst gleichsam in Tosca hinein, legt ihr anderes Leben als Schauspielerin und Sängerin zusehends ab, wird zur bedingungslos Liebenden, bereit, dem schamlosen Ansinnen des Polizeichefs Scarpia nachzugeben, um Cavaradossi (Stefano La Colla) zu befreien.

Sein zunächst etwas unsicheres Verhalten mag freilich die zwar unbegründete, doch umso heftiger aufflammende anfängliche Eifersucht seiner Geliebten noch anzufachen; mehr und mehr aber wächst auch er in seine eigentliche Gestalt hinein, stark, unbeugsam, wenngleich von den Qualen gezeichnet. Schließlich Alfredo Daza als Scarpia: Machthungrig, gefühl- und seelenlos, dabei von einer fiesen Überheblichkeit, die noch seine Gesten und Bewegungen obszön erscheinen lässt, selbst wenn sie es äußerlich gar nicht sind.

Der szenischen Präsenz der Darsteller entspricht vollauf ihre stimmliche Dominanz: Kraftvoll, von äußerster Feinheit und Getragenheit bis hin zu schneidender Schärfe sich wandelnd Toscas Sopran, strahlend und wandlungsfähig der Tenor des Cavaradossi, selbst in hohen Lagen völlig unangestrengt, warm im Grundcharakter, doch durchwoben von einem Klang, der sich allen Facetten seines Charakters geschmeidig anpasst.

Ebenfalls hervorragend besetzt sind die zahlreichen kleineren, zum Teil fast stummen Rollen: Wenn Riccardo Botta als Polizeiagent Spoletta, Andrzej Hutnik als Schließer, David Maze als Mesner auftreten, löst allein ihre Anwesenheit ein Frösteln aus. Überaus differenziert die Chöre (Einstudierung: Michael Vogel) und der Kinderchor (Terhi Kaarina Lampi).

Wesentlichen Anteil an der ebenso differenzierten wie packenden Aufführung hat schließlich das Sinfonieorchester St. Gallen. Gastdirigent Michael Balke arbeitet die oft scharfen, ja schneidenden Kontraste präzis heraus, spitzt sie bisweilen bis zur Schmerzgrenze zu; doch da sind auch die langen, manchmal schwelgerischen Soli, die leisen Zwischentöne und das Beinahe-Verstummen, die dem einen und andern Ausbruch vorausgehen.

Die nächsten Aufführungen: 5., 10., 14., 23. Februar; 6. März; 2. und 12. April, 14. Mai.

Infos und Tickets:

www.theatersg.ch