Die Gesichter sind ausnahmslos schön, aber das Schöne liegt weniger im Perfekten denn im Besonderen. Es liegt im von unzähligen Sommersprossen überdeckten Gesicht einer Penélope Cruz, im kindlichen Ernst einer Greta Thunberg oder im übermütig aufgerissenen Mund einer Linda Evangelista auf dem legendären Foto von ihr und fünf anderen Topmodels in weißen Herrenhemden am Strand von Malibu, das der Fotograf Peter Lindbergh im Jahr 1998 geschossen hat. Seine Gabe war es, diese Schönheit des Besonderen herauszufiltern und zu zeigen, was andere lieber wegretuschierten.

Ein Gesicht mit Charakter: US-Schauspielerin Uma Thurman.
Ein Gesicht mit Charakter: US-Schauspielerin Uma Thurman. | Bild: Peter Lindbergh/Handout/dpa

Gestern wurde bekannt, dass Lindbergh bereits am Dienstag im Alter von 74 Jahren gestorben ist. Geboren unter dem Namen Peter Brodbeck in Lissa (Leszno) im heutigen Polen, von wo seine Eltern fliehen mussten, wuchs er in Duisburg auf, ging 1978 nach Paris und lebte zuletzt zwischen der französischen Hauptstadt, Arles und New York. Durch seine Arbeit für Magazine wie „Vogue“, den Pirelli-Kalender, aber auch für fast alle großen Modeschöpfer von Jean Paul Gaultier über Karl Lagerfeld bis Giorgio Armani galt Lindbergh als einer der bedeutendsten Mode-Fotografen überhaupt. Das Phänomen der Supermodels der 90er prägte er mit, indem er Helena Christensen, Naomi Campbell, Christy Turlington oder Kate Moss jeweils als Persönlichkeiten mit einem starken Charakter darstellte, über die vermeintliche Perfektion ihrer Gesichter und Körper hinaus.

Peter Lindbergh und das britische Topmodel Naomi Campbell bei der Eröffnung einer gemeinsamen Fotoausstellung.
Peter Lindbergh und das britische Topmodel Naomi Campbell bei der Eröffnung einer gemeinsamen Fotoausstellung. | Bild: Daniel Dal Zennaro/dpa

Früh hatte sich Lindbergh für einen künstlerischen Weg entschieden. Als junger Mann zog er unter anderem nach Berlin, wo er Abendkurse an der Kunstakademie belegte und studierte anschließend Malerei in Krefeld, bevor er sich auf die Fotografie konzentrierte. Seinen Durchbruch hatte er 1978 mit einer Modeserie für den „Stern“ und arbeitete in der Folge für „Vogue,“ „The New Yorker“ oder den „Rolling Stone“. Indem er auf diese Weise tiefe Einblicke in die erbarmungslose Schönheitsindustrie erhielt, geriet Lindbergh aber mehr und mehr zu einem ihrer großen Kritiker. „Als Fotografen sind wir dafür da, die Frauen von der Diktatur der Perfektion und der Jugend zu befreien“, sagte er 2016 gegenüber der Zeitung „Le Monde“. Durch die nachträgliche Bearbeitung würden aus Frauen „Roboter“. Ein Gewicht von 45 Kilogramm bei einer Größe von 1,80 Metern vorauszusetzen, das bedeute für ihn „das Ende der Zivilisation“.

Herausfordernder Blick: Die australische Schauspielerin Nicole Kidman.
Herausfordernder Blick: Die australische Schauspielerin Nicole Kidman. | Bild: Peter Lindbergh/Handout/dpa

Zunehmend bildete er nicht nur Mannequins ab, sondern porträtierte auch Rockstars oder Schauspielerinnen. Für ein Bild ließ er sich Zeit, stellte eine Nähe mit dem Modell her, suchte den Blick hinter die Fassade. „Er ist unglaublich gut darin, das Echte festzuhalten“, sagte die Schauspielerin Penélope Cruz nach einem Shooting mit ihm 2016 in New York.
Längst gelten Lindberghs markante Schwarz-Weiß-Fotografien als Kunst, die er in Buchbänden und Ausstellungen zeigte. Lindbergh sei es darum gegangen, „eine unabhängige Frau zu zeigen, die Abenteurergeist hat, für ihr Leben verantwortlich ist, sich nicht um ihren sozialen Status schert und von den Männern emanzipiert ist“, so der Pariser Kurator Thierry-Maxime Loriot. Indem er die müden Augen einer dennoch sinnlichen Charlotte Rampling zeigte und den selbstbewussten Optimismus einer Jacinda Ardern, der neuseeländischen Premierministerin, machte er die Frauen zu Subjekten. Und wurde damit vielleicht der Feminist unter den Mode-Fotografen; und zugleich viel mehr als ein Fotograf der Mode.