Um ein Haar wäre dieser Hugo nicht geboren worden. Die einsetzenden Wehen seiner Mutter treiben die Eltern aus dem Kino und nach Hause. Unterdessen stürzt der Filmpalast zwischen den Ruinen im Nachkriegsberlin ein. Bald liefert Hugo aber auch schon Grund zu lebenslanger Klage. Sechszehn Stunden dauert seine Geburt. Ein Horrortrip für die Mutter, der man im katholischen Krankenhaus das Schmerzmittel verweigert. Sie schwört: einmal und nie wieder. Womit Hugos Schicksal als Einzelkind besiegelt ist.

Man darf davon ausgehen, dass die 25 Geschichten und Anekdoten in Peter Salomons neuem Erzählband „Vorteile der zweiten Klasse“ autobiografisch eingefärbt sind. Dieses die Grenze zwischen Autobiografie und Fiktion missachtende Genre stachelt naturgemäß den Voyeurismus an, zumal der Autor Peter Salomon, der seit 1972 in Konstanz lebt, als bekannte Persönlichkeit bezeichnet werden kann. Und zumal gewisse Pikanterien unverblümt zur Sprache kommen. Der Autor Salomon warnt indes indirekt selbst davor, seine Geschichten als wahre Begebenheiten misszuverstehen. Gleich am Anfang in „Die erste Erinnerung“, wo es auf sehr amüsante Weise um die Fragilität von Erinnerung geht. An anderer Stelle spitzt er in Sachen Literatur zu: „Was nicht geht, geht da immer noch.“

Mit den meist nur ein paar Seiten umfassenden Episoden skizziert Peter Salomon ein Leben und eine Zeit. Von Anfang an ist der Tod treuer Begleiter, der sich bevorzugt an Kindern und jungen Menschen vergreift. Plötzlich liegt ein zu Tode gestürztes Kind im Schulhaus, der Sohn des Zahnarztes bringt sich um, ein Spielkamerad wird in dem damals weitgehend autofreien Berlin totgefahren. Salomon interessiert sich nur bedingt für das Innenleben seiner Figuren. Er beschreibt stattdessen, was sie tun, was sie reden, wie sie reagieren. Deshalb haben seine Geschichten immer wieder etwas ungemein Frappierendes.

Seine Lakonie ist es wohl auch, die die Zeit der wirtschaftswunderlichen Wohlstandsjahre zuweilen mit einem leicht frivolen Firnis überzieht. Es ist die Zeit, in der sich die Menschen wieder berappeln im Nachkriegsdeutschland und sich keinen Kopf machen wollen, weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft. „Uns ging‘s immer gut“, sagt Hugos Mutter. Auch mit der Erklärung, wo der neue Wohlstand herkommt, hat sie keine Probleme: Jüdische Patienten, die auch wegen des jüdischen Familiennamens Simon in die Praxis von Hugos Vater kommen, zahlen mit Gold und Schmuck. „Da hat Vati schon früh den Grundstein für sein Vermögen gelegt“, so seine Gattin. Peter Salomons Blick auf die Menschen ist illusionslos. Dabei scheint er manchmal selbst ins Staunen zu kommen.

Cover von Peter Salomons Erzählband „Vorteile des zweiten Klasse“.
Cover von Peter Salomons Erzählband „Vorteile des zweiten Klasse“. | Bild: unbekannt

Peter Salomon: Vorteile der zweiten Klasse. 25 Erzählungen. Sammlung Isele, Books on Demand, 2019, 148 Seiten, 16,80 Euro.