Wenig Beethoven im Beethoven-Jahr, dafür viel Gustav Mahler und Spätromantik – das ist eine der Gestaltungslinien im Abo-Programm der Saison 2019/2020. Für die neue Philharmonie-Intendantin Insa Pijanka ist es die erste Saison, die sie gemeinsam mit dem Chefdirigenten Ari Rasilainen verantwortet. Ein bisschen antizyklisch darf es dabei schon zugehen. Während die Welt also 2020 den 250. Geburtstag Beethovens feiert, wird außer seinem 5. Klavierkonzert und seiner 7. Sinfonie von ihm in den Abo-Konzerten der Philharmonie nichts zu hören sein. Und das ist auch völlig okay so. Wichtiger als Jubiläen sind innere Zusammenhänge der Programme.

Gustav Mahler ist einer der Dreh- und Angelpunkte in der kommenden Saison. Man wundert sich, wie viele Werke von ihn doch noch ins Konzil passen. Außer seiner 4. Symphonie (die dort bereits erklungen ist) noch seine 1. Symphonie mit dem Beinamen „Titan“, außerdem der symphonische Satz „Blumine“, der ursprünglich mal für seine 1. Symphonie vorgesehen war, sowie die Rückert-Lieder.

„Mahler wäre ohne Richard Wagner und seinen Tristan-Akkord nicht denkbar gewesen“, erklärt Insa Pijanka. „Auch Richard Strauss steht mit seiner Musik in Verbindung. Und Dmitri Schostakowitsch wäre ohne Mahler gar nicht denkbar.“ Konsequenterweise finden wir von allen etwas in der kommenden Saison – Strauss‘ Tondichtung „Don Quixote“ ebenso wie Schostakowitschs 10. Symphonie, mit der er nach langen Jahren der Demütigungen durch das sowjetische System sein symphonisches Schweigen brach.

Wagner zieht ins Konzil ein

Besonders das Wagner-Programm im März sticht heraus. Der Musiktheater-Komponist Wagner im Konzertsaal? „Man darf nicht vergessen, dass seine Musik und insbesondere die Vorspiele seiner Opern sehr symphonisch gedacht sind“, sagt Pijanka. Verschiedene Ouvertüren stehen also auf dem Programm – die zu „Parsifal“, zu den „Meistersingern“ und „Lohengrin“, außerdem noch der „Liebestod“ aus Tristan und Isolde. Nur folgerichtig, dass das Programm unter dem Motto „Ekstase“ steht.

Dort eingebettet sind Mahlers „Rückert-Lieder“. Gesungen werden sie von der Sopranistin Ingela Brimberg – genauso wie Isoldes „Liebestod“. Überhaupt zieht sich der Gesang wie ein weiterer roter Faden durch die kommende Saison. Im Januar-Programm singt der Tenor Robin Tritschler die Serenade für Tenor, Horn und Streicher von Benjamin Britten, im Juni-Konzert erklingen Alban Bergs Sieben frühe Lieder (Mezzosopran: Angela Brower). Und in Mahlers 4. Symphonie ist ja ebenfalls eine Mezzosopranistin gefordert.

Solisten sind mehrfach gefragt

Womit wir bei den Solisten wären. Die sind in der kommenden Saison immer mal wieder doppelt gefordert an einem Abend. Das gilt nicht nur für Ingela Brimberg. Auch der Cellist Torleif Thedeen spielt nicht allein den Solopart in den „Noctural Dances of Don Quixote“ des finnischen Komponisten Aulis Sallinen, sondern ist auch in Richard Strauss‚ „Don Quixote“ gefragt. Das Programm liegt insbesondere Rasilainen am Herzen. Der Trompeter Gabor Boldoczki wiederum spielt im Dezember-Programm Konzerte sowohl von Haydn als auch von Giuseppe Torelli. Und der Geiger David Coucheron ist in dem November-Programm mit amerikanischen Werken mehrfach gefragt.

Auch dieses Konzert gehört zu den ungewöhnlichen Programmen der kommenden Saison, weil es amerikanische Komponisten präsentiert, die wir aus Musical (Leonard Bernstein), Filmmusik (Franz Waxman), folkloristischer Musik (Aaron Copland) oder dem Jazz (Duke Ellington) kennen, die hier aber mit klassischen Werken vorgestellt werden. Überhaupt habe man, so erklärt es Rasilainen, das traditionelle Konzertformat aus Ouvertüre, Instrumentalkonzert und Symphonie zugunsten kreativerer Programmgestaltung immer mal wieder aufgebrochen. So können eben auch mal vier Werke Platz im Programm finden, wenn sie inhaltlich zusammenpassen. Solisten tauchen mehrfach auf – oder aber auch gar nicht.

Beim Saisonstart im September etwa kommt gar kein Solist zum Zuge. Dafür erklingt Schuberts „Unvollendete“, an die Mahlers 1. Symphonie anknüpft. Und zu Beginn steht – beinahe schon Pflicht für den finnischen Chefdirigenten – mit dem „Cantus arcticus“ ein Stück seines Landsmanns Einojuhani Rautavaara. Der 2016 verstorbene Komponist arbeitete dafür mit Aufnahmen von Vogelstimmen.

Sieben der zehn Programme dirigiert Rasilainen selbst. Das Januar-Programm mit Brittens Serenade, Schostakowitschs mächtiger Zehnten und Arvo Pärts meditativem „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“ dirigiert Markus Bosch. Der Erste Gastdirigent der Philharmonie führt übrigens auch den Bruckner-Zyklus im Münster mit dessen 5. Symphonie fort. Weitere Gastdirigenten im Abo sind Marco Comin für das barock angehauchte Dezember-Programm sowie Marc Piollet, der sich im Juni um das Fin de Siècle von Alban Berg und Gustav Mahler kümmert. Alles in allem: ein schön durchkomponiertes Saisonprogramm, auf das man sich freuen kann.

Genial und Unlimited bleiben

Drumherum bleibt zunächst mal vieles so, wie es bislang war – darunter die Kammerkonzerte, die Familien- und Kinderprogramme. Das moderierte Kurzformat „Genial“, das einzelne Werke aus den Abo-Programmen für Klassik-Einsteiger vorstellt, bleibt mit fünf Terminen ebenso erhalten wie die Crossover-Reihe „Unlimited“, ebenfalls ein Erbstück des Ex-Intendanten Beat Fehlmann. Wolfgang am See bleibt ebenfalls zunächst einmal bestehen, soll aber für die Frage geöffnet werden, wo Mozarts Musik herkam und wo sie ihre Spuren hinterließ. Insbesondere die Barockmusik soll an dieser Stelle mittelfristig Einzug halten.

Das Neujahrskonzert lässt den Blick von Wien in die Musicalzentren London und New York schweifen. Und im Februar werden unter dem Titel „Alles Walzer“ die neuen Pauken der Philharmonie in einem eigens dafür konzipierten Konzert in Radolfzell vorgestellt. Die neue Saisonbroschüre soll ab Mitte Juni vorliegen. Wer bis zum 14. Juli ein Abo kauft, erhält 10 Prozent Rabatt. Abo-Telefon (9-12.30 Uhr): 07531 900-816.

Im Juli richtet sich die Philharmonie im Lustschloss schloss ein

Lustschloss nennt sich die temporäre Spielstätte, die im Juli neben dem Konstanzer Bodenseeforum am Seerhein aufgebaut wird. Die Südwestdeutsche Philharmonie nutzt sie zwei Wochen lang für verschiedene Projekte.

  • „Daheim. Eine Odysee“ ist ein großes musikalisch-theatrales Beteiligungsprojekt, das ein Profiteam (mit Oliver Wnuk als Autor und Schauspieler) mit über 600 Schülern und Menschen aus Konstanz und Region entwickelt hat. Zentrales Thema des Kunstwerks: „Was ist daheim? Und wie komme ich dorthin?“ Mit Musik von Bach, Beethoven, Mahler und anderen treten die kleinen und großen Darsteller ihren odyseeartigen Heimweg an. Aufführungstermine: 4. und 5. Juli, 19 Uhr.
  • „Glamrock in Concert“ ist ein Abend mit Queen-Songs in Arrangement für Band und Orchester. Am 11. Juli, 19.30 Uhr. Wiederaufnahme im Bodenseeforum und Milchwerk Radolfzell in der Reihe „Unlimited“ (19./25. Oktober).
  • Beim „Classical Slam“ stellen sich die Musiker der Philharmonie in einem Konzertmarathon in diversen Gruppierungen vor. Geboten wird alles von der Kammermusik über das Familienkonzert bis zum Gypsy Swing. Am 7. Juli, von 11.15 Uhr bis 22.30 Uhr.
  • Klassik am See findet in diesem Jahr ebenfalls im Lustschloss und nicht im Stadtgarten statt. Es erklingen Auszüge aus Bizets „Carmen“. 14. Juli, 11 Uhr.
  • SeppDeppSeptett. Philharmonie-Trompeter Valetin Erny und seine sieben Kollegen bieten eine Mischung aus Blasmusik, humoristischem Theater, Tanz, Gesang und Comedy. Am 14. Juli um 18 Uhr.

Infos: http://www.lustschloss-am-seerhein.de